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08.05.2006
 

Ufo-Serie "4400"

Angst vor den Aliens

Von Christian Buß

Heimatschutz gegen Ufos: Schon in den fünfziger Jahren projizierte man das Schreckgespenst des Kommunismus bevorzugt in den Kino-Weltraum. Heute sind es TV-Serien wie "4400", die Amerikas Terrorangst an außerirdischen Bedrohungen widerspiegeln. 

Terroristen, Meteoriten, Außerirdische: Die Homeland Security ist für alles zuständig, was sich unerlaubterweise über die Landesgrenzen bewegt und Schaden anrichten könnte. Und das, was in der Serie "4400" aus dem Weltall mit rasanter Geschwindigkeit Kurs aufs US-Territorium nimmt, fällt definitiv in den Zuständigkeitsbereich jener Behörde, die nach den Anschlägen des 11. Septembers in Leben gerufen wurde. Auch wenn niemand weiß, was da eigentlich genau auf die Erde zurast.

Zuerst hält man das Ding aus dem All für einen Meteoriten, dann für ein obskures Fluggerät. Aber als es aufgeschlagen ist, stehen da plötzlich ganz normale Menschen vor den Heimatschutzbeauftragten. 4400 an der Zahl. Kinder und Greise, Schwarze und Weiße - Terroristen oder Außerirdische sehen wohl anders aus. Jede der obskuren Figuren hat die Gestalt einer Person, die im Lauf der letzten 60 Jahren auf ungeklärte Weise verschwunden ist. Aber keine dieser Figuren kann erklären, was in der Zwischenzeit mit ihr passiert ist. Dafür verfügen sie über übernatürliche Fähigkeiten.

Besser man steckt sie erstmal in Quarantäne; wer weiß schon, wie sie ihre Kräfte einsetzen werden. Und so untersuchen und interviewen die Beamten der Homeland Security die "Rückkehrer" erst hinter hermetisch abgesichertem Schutzglas, später geht man auch ein bisschen näher heran. Schließlich entlässt man sie in eine Welt, die ihnen fremd geworden ist und in der ihnen nichts als Misstrauen entgegenschlägt.

Das ist das Besondere an der Ufo-Thriller-Variante "4400 - Die Rückkehrer": Das Fremde ist hier lediglich eine Variation des Eigenen. Die Bedrohung kommt nur vermeintlich von Außen, sie entwickelt sich vielmehr aus dem Inneren. Wenn aber die (echte oder eingebildete) Gefahr aus der Heimat selbst erwächst, wie soll sie dann vom Heimatschutzministerium abgewendet werden?

Von all den Science-Fiction-Krimis, die in der letzten Zeit vom US-Fernsehen produziert worden sind, stellt die von Francis Ford Coppolas überwachte Serie "4400" (sprich: Fortyfour hundred) die ästhetisch subversivste, politisch komplexeste und menschlich anrührendste dar. Was keineswegs heißt, dass die Konkurrenz nichts zu bieten hat: Kaum ein US-Sender, der in den letzten drei Jahren kein Alien-Drama an den Start gebracht hat; zum Teil wird auf technisch und ästhetisch höchstem Niveau gearbeitet.

Spielberg machte den Anfang

Den Anfang machte Steven Spielberg, der für den Kabelkanal Sci-Fi Channel für 40 Millionen Dollar die Ufo-Saga "Taken" (lief letztes Jahr bei ProSieben) produzierte und darin die Verschwörungstheorien, die in den letzten 60 Jahren zum Thema "unbekannte Flugobjekte" kursierten, zu einer Kulturgeschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verdichtete. Vollkommen ironiefrei, aber nicht ohne militärkritischen Elan, lief bei Spielberg alles auf die Erkenntnis hinaus: Was die grünen Männchen auch im Schilde führen - die Bösartigkeit, mit denen man in den Laboren der menschlichen Spezies zu Werke geht, werden sie kaum übertrumpfen können.

Inspiriert durch den Erfolg von den "Taken" (die erste Folge hatte 23 Millionen Zuschauer) ist das amerikanische Fernsehen zu einem Tummelplatz für extraterrestrische Lebensformen und obskure Flugobjekte geworden: In "Treshold", der utopischen Krimiserie der CBS, muss ein Wissenschaftlerteam ein mysteriöses Transportsystem untersuchen, das im Atlantik gelandet ist. Beim maritimen NBC-Spektakel "Surface" erfreuen bunte neue Lebensformen in den Ozeanen Taucher-, Fischer- und Kinderherzen - bis sich die Wasserkreaturen als Vorboten der Apokalypse entpuppen. Und im ABC-Schocker "Invasion" (ab 22. Mai bei Premiere) werden die Bewohner eines Kaffs in Florida von Außerirdischen heimgesucht.

Der Boom an Ufo-Fiktionen lässt sich mit Blick auf die Filmgeschichte leicht erklären: So wie ab Ende der Vierziger die Kommunistenparanoia und Infiltrationsängste des Kalten Krieges von Hollywood in Marsmännchen-Invasionen und außerirdischen Körperfressern gespiegelt wurden, reagieren die aktuellen TV-Serien auf die Angst und Verunsicherung, die sich nach dem 11. September breit gemacht haben. Die Schreckgespenster islamistischer Schläfer und heimtückischer Terrorattacken finden im klassischen Science-Fiction-Themenpark ihre griffigsten Analogien.

Aufarbeitung nach fünf Jahren

Hinzu kommt, dass man sich in Hollywood bislang scheute, die Ereignisse vom 11. September 2001 aufzuarbeiten. Erst jetzt, fünf Jahre später, werden die Attentate langsam im großen Stil für die Leinwand rekonstruiert. Vor zwei Wochen ist in den USA "United 93" angelaufen, der minutiös das Drama in jener Maschine nachstellt, die als einzige nicht von den Terroristen ins Ziel gelenkt werden konnte. Oliver Stone ("JFK - Tatort Dallas") arbeitet zurzeit an einer Produktion, die den Überlebenskampf im World Trade Center nachstellt. Es könnte sein, dass solche konkreten Aufbereitungen des 9/11-Traumas den Sci-Fi-Parabeln im TV bald den Nährboden entziehen, da die schlummernden Kollektivängste nun nicht mehr in Alien-Invasionen übersetzt werden müssen.

Dass die Referenzen auf die realen Terrorattacken im phantastischen Erzählrahmen auch erstaunlich konkret sein können, beweist nun "4400": Als die Heimatschutzbehörde am Anfang der Serie davon ausgehen muss, dass ein Meteorit auf die Erde zugeschossen kommt, der sämtliches menschliches Leben auslöschen wird, greifen viele zu den Telefonen, um sich von ihren Angehörigen zu verabschieden. Ein Verweis eben auf den "Flug 93", wo erstmalig in der Telekommunikationsgeschichte eine größere Gruppe von Menschen in Anbetracht der unausweichlichen Katastrophe via Handys letzte Grüße übermittelte.

Auch wird in "4400" sehr anschaulich erzählt, wie sich eine Gesellschaft unter Druck spaltet - ähnlich, wie es im Zuge der Antiterrorgesetze in den USA passierte. Eine der Rückkehrerinnen etwa muss herausfinden, dass ihr Mann samt Tochter jetzt mit einer anderen Frau zusammenlebt. Als sich die Rückkehrerin nicht abwimmeln lässt, droht der Mann mit rechtlichen Konsequenzen: "Ich muss meine Familie schützen." Die Abgewiesene kann nur verzweifelt insistieren: "Aber ich bin deine Familie."

Die von "Star Trek"-Autor René Echevarria mitverfasste Serie tendiert auch mal zum Pädagogenkitsch - in einer schwächeren Folge räumt einer der supernatürlich aufgerüsteten Heimkehrer in einem heruntergekommenen Park auf und zieht Graffiti-Sprayern die Ohren lang. Dennoch zeichnet sie hochkomplexe gesellschaftliche Prozesse nach, ohne sie fahrlässig zu vereinfachen.

Integretation und Desintegration: Diese beiden gegenläufigen sozialen Dynamiken, die seit 2001 in den USA verschärft walten, finden in "4400" in ein und derselben Figur Darstellung. Ein farbiger GI, der Anfang der fünfziger Jahre entführt worden ist und sich nun unter den Rückkehrern befindet, lernt mit großer Freude, dass während seiner Abwesenheit die Rassentrennung überwunden wurde - um erkennen zu müssen, das Rassismus und gesellschaftliche Ausgrenzung sich lediglich verschoben haben.

Wer oder was genau hinter der mysteriösen Rückkehr der 4400 steckt, erfährt der Zuschauer ("Lost" lässt grüßen) erst im Verlauf der Serie. Man verrät aber nicht zu viel, wenn man sagt, dass die Initiatoren der Massenentführung so was wie eine humanistische Botschaft in angespannten Zeiten verbreiten wollen. Blöde nur, wenn beste Absichten als feindliche Aktivitäten gedeutet werden. Da nützt dann auch keine Heimatschutzbehörde.


4400 - Die Rückkehrer: Montags, 20.15 Uhr, ProSieben

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