Von Reinhard Mohr
Stadiongesänge und gutes Benehmen:
Aber auch die Männer müssen ihren Teil zum harmonischen Gesamtbild beitragen. Es muss nicht immer "Olé olé olé olé!" sein, "Wir woll'n euch kämpfen seh'n, wir woll'n euch kämpfen sehen! oder "Wir zieh'n den Amis die Lederschürzen aus!"
Auch auf der Fußballtribüne kommt es auf die Formulierung an, auf Feinheiten und Versmaß. Auch hier lassen sich Anfeuerung und optimistische Appelle an die eigene Nationalmannschaft in anspruchsvolle Reime fassen statt in tumbe Grölerei. Warum nicht einmal ganz klassisch mit Goethes "Faust" gemeinsam aus 50.000 Kehlen rufen:
"Wie alles sich zum Ganzen webt/ Eins in dem andern wirkt und lebt!"
Selbst wenn just in diesem Augenblick Philip Metzelder einer seiner berüchtigten Fehlpässe unterläuft und das deutsche Mittelfeldspiel wieder einmal im Chaos versinkt - bei Goethe findet sich immer das treffende Wort:
"Wenn aus dem schrecklichen Gewühle/ Ein süß bekannter Ton mich zog..."
Hoch gestimmte Gelassenheit und abgeklärte Grandezza des Weimarer Genies sollten uns durchaus Orientierung und Richtschnur sein. Das gilt selbstverständlich auch für den schlimmsten anzunehmenden Fall, für die Niederlage im Spiel und das vorzeitige Ausscheiden aus dem Turnier.
Wenn es trotz aller geistig-moralischen Ermunterung nicht klappt mit der Weltmeisterschaft, ist ein anderer deutscher Wesenszug gefordert, eine Mischung aus Spätromantik und bayerischem Neobuddhismus, tiefempfundenem Weltschmerz und einer Ahnung vom Nirvana. Als Franz Beckenbauer nach dem siegreichen WM-Finale im Juli 1990, im Augenblick des größten Triumphs, wie somnambul und selbstvergessen über den römischen Rasen schlenderte, zeigte er genau diese Haltung. Sie zeugte vom stillen Genuss, aber auch von dem Bewusstsein, dass es ein Moment bleiben wird, der vergeht. Dieser Geist ist gefragt im Falle des Scheiterns.
Dann verlassen wir anständig und geordnet das Stadion, den Platz vor der Großbildleinwand oder die Stammkneipe, ohne auch nur ein Glas umzuwerfen, schauen in den Himmel und fühlen uns ein bisschen wie Schimanski auf dem Weg zur nächsten Currywurstbude: einsam, aber mit der Aussicht, bald wieder etwas Warmes im Bauch zu haben: Helden des Rückzugs, aufs Wesentliche, aufs Existentielle konzentriert.
Auch im - äußerst unwahrscheinlichen - Fall des Gegenteils, zur Stunde unverhofften Glücks, sollten wir uns ganz ähnlich verhalten. Denn in der größten Freude verbirgt sich auch die tiefste Stille. Besinnung, die dem Jubel folgt, Erinnerung, die kostbarer ist als jede Augenblicksekstase.
Und helfen Sie ruhig mal mit, wenn irgendwo Not am Mann ist. Überlassen Sie nicht alles den offiziellen Hilfskräften. Auch 40.000 Polizisten, 7000 Bundeswehrsoldaten und 4000 Hostessen können nicht überall sein.
Schauen Sie auch mal selbst in einen Papierkorb oder unter einen verdächtig schräg liegenden Gully. Sprechen Sie orientierungslos herumirrende, in grellbunte Fahnen eingehüllte fremdländische Menschen einfach an ("Hi! I'm Günther. Can I help you?") und geben Sie höflich Auskunft, wenn Sie gefragt werden, wo es zum Hofbräuhaus gehe - selbst wenn Sie als Hamburger die ehrliche Antwort geben müssen, der Weg nach München sei ziemlich weit.
Stadionbekleidung und andere Baustellen:
Im Sommer herrscht selbst in Deutschland ein mediterranes Klima, der gleichnamigen schleichenden Katastrophe sei Dank. Seien Sie also locker drauf, easy und cool, trotz aller Nervenanspannung vor dem verdammt schweren Spiel gegen Costa Rica. Nur eines: Lassen Sie weiße Socken, erst recht in Kombination mit Sandalen, zu Hause! Das Gleiche gilt für bis zum Bauchnabel aufgeknöpfte Karohemden oder billige Muscle-T-Shirts mit eingebauten Schweißflecken.
Nebenbei: Ein schönes Eau de Toilette kann nicht schaden. Eine schicke Sonnenbrille übrigens auch nicht. Bei Männern sind kurze Hosen, wenn es denn unbedingt sein muss, erst ab 35 Grad im Schatten gestattet - bei Frauen ab 15 Grad. Kurze Röcke gerne ab 10 Grad. Von Natur aus sind wir pflichtbewusste, überwiegend protestantisch geprägte Arbeitsmenschen, die ihre Tätigkeit nur unterbrechen, um eine kurze Brotzeit einzunehmen. So kennt uns die Welt.
Daher der Appell an alle Verantwortlichen, ganz besonders in der Berliner Senatsbauverwaltung: Kommen Sie bloß nicht auf die Idee, bis zum Beginn der WM die Arbeit an den unzähligen Baustellen zwischen Brandenburger Tor und Alexanderplatz künstlich zu beschleunigen und vorzeitig zu beenden, schon gar nicht jene rund um den Hackeschen Markt! Selbstverständlich wird der Abriss am Palast der Republik planmäßig fortgesetzt - genauso wie der komplette Umbau des Monbijou-Parks an der weltberühmten Museumsinsel. Die Arbeiten am Pergamonmuseum dauern sowieso bis 2024.
Die Touristen dürfen auf keinen Fall enttäuscht werden, wenn sie das gute alte Deutschland suchen, wie es in den Schulbüchern steht: Fleißig, diszipliniert, effektiv und zielorientiert.
Deshalb ist es pädagogisch richtig, dass die internationalen WM-Besucher durch Sandhaufen waten, an hässlichen Bauwagen vorbeiklettern und über Berge noch nicht verlegten Pflasters stolpern. Dann begreifen sie ganz unmittelbar: Germany, the world famous land of ideas, is at work forever.
Das Leben - eine einzige Wanderbaustelle.
Für jeden aber kommt der Tag, da er vor seinem Herrn im Himmel steht, vor seinem Gott und Kaiser. Irgendwo auf einer Stadiontreppe, in der Herrentoilette, auf einem Empfang.
Was dann? Niederknien, herumstottern, mit feuchten Händen um ein Autogramm bitten?
Nein. Sie schauen ihm lächelnd ins Gesicht - erst recht, wenn Sie zufällig in der Toilette neben ihm stehen sollten -, nehmen Ihren ganzen Mut zusammen und sagen möglichst locker und ganz selbstverständlich:
"Ja, is' denn heut' schon Weihnachten!?!
Wenn der Kaiser freundlich lächelnd und noch viel viel lockerer zurückgibt: "Schaun mer mal!" - dann sind Sie gerettet.
Und mit Ihnen die WM und ganz Deutschland.
Denn dann war die Welt wirklich zu Gast bei Freunden.
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