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15.05.2006
 

WM-Fotoausstellung

90 Minuten in einem Bild

Von Fabian Grabowsky

Momentaufnahmen für die Ewigkeit: Pünktlich zum Start der Fußball-Weltmeisterschaft zeigt das "Deutsche Historische Museum" in Berlin eine Ausstellung zu 76 Jahren WM-Fotografie. Eine unterschätzte Disziplin bekommt damit endlich die Aufmerksamkeit, die ihr zusteht.

Fabien Barthez ist der Sieger. Er schreit, jubelt und rennt auf seine Mitspieler zu. Luigi di Bagio liegt am Boden. Allein. Er hat seinen Elfmeter an die Latte geschossen. 120 Minuten plus Elfmeterschießen dauerte 1998 das WM-Viertelfinale zwischen Frankreich und Italien, di Biagios Fehlschuss entschied. Ein einziges Foto zeigt die gesamte Dramatik dieser Stunden. Das ist die Qualität von Fotos: Sie verdichten. Und das internationale Fußballgeschehen ist niemals so verdichtet wie bei den Weltmeisterschaften.

Höchste Zeit für eine Ausstellung mit WM-Fotos also: "Das Spiel" heißt die Ausstellung, die im Deutschen Historischen Museum in Berlin pünktlich zur WM Fotos aus 76 Jahren Fußball-WM-Geschichte zeigt. Fußball-Fotografie ist eine verkannte Kunstdisziplin. Sie ist Handwerk, ihre Absicht ist kommerziell. Sportfotografen fotografieren nicht für die Ewigkeit, sondern für die Tageszeitung. Keiner von ihnen ist ein Star, keiner ein Zimmermann, Valerien oder Reif.

Dabei sind die viele ihrer Fotos Ikonen, "in das kollektive Gedächtnis der Sportnationen eingegangen" und zu "Bilderschätzen der Nation" geworden, wie die "Spiel"-Macher Ulrich Crüwell und Per Rumberg im Katalog etwas ambitioniert im Katalog ihrer Schau schreiben. Aber sie haben Recht, man denke nur an Frank Rijkaards Spuckattacke auf Rudi Völler, Fritz Walter auf den Schultern seiner Mitspieler, oder an Uwe Seelers Tristesse nach dem Wembley-Finale.

Mehr als tausend Worte

Zu jedem dieser Bilder gehört Subtext: kleine Geschichten vom eigenen Stadionbesuch - bis zu Riesendiskursen, wie der Legende, das Rahns Schuss aus dem Hintergrund die westdeutsche Nachkriegs-Lethargie vertrieb. Fotos erzählen mehr als Fernseh- und Hörfunk-Tapes oder Zeitungsartikel. "A picture is worth a thousand words", schrieb ein englischer Besucher in das "Spiel"-Gästebuch.

Die Ausstellung folgt den sieben Stationen jedes Fußballspiels: Vor dem Spiel, erste Halbzeit, Pause, zweite Halbzeit, Verlängerung, Elfmeterschießen, nach dem Spiel. Die Fotos zeigen die Rituale die zu diesen Kapitel gehören. Die Nationalhymnen, den Fähnchentausch, das In-die-Luft-Recken des Weltmeisterpokals, den Trikottausch.

Aber auch wenn am Fußball vieles Ritual ist - seine Varianten sind unendlich. Darum ist er der beliebteste Sport der Welt. Ebenso unendlich sind die Varianten der Fußball-Fotografie. "Das Spiel" zeigt Totalen und Details, Athletik und Emotion. Dazu der Wandel der Fototechnik. Manche Fotos zeigen beeindruckend große Spielausschnitte, vor allem die Fotos aus der Zeit vor dem Teleobjektiv; sie verdeutlichen die Dimensionen des Feldes, auf dem die Spieler wie Schachfiguren stehen. Je weiter die Perspektive, desto abstrakter das Bild. Oder sie zeigen, was es heißt, wenn sich 200.000 Menschen drängen, wie beim Endspiel 1950 im Maracanã-Stadion von Rio de Janeiro.

Auf anderen Bildern ist spektakuläre Akrobatik zu sehen: Der Argentinier Robert Perfumo zum Beispiel, der beim 1966er-Vorrundenspiel gegen Deutschland mit einem Fallrückzieher auf der Linie klärt. Oder sie zeigen die Stille, wie das Foto von Olli Kahn, der nach dem verlorenen 2002er-Finale am Pfosten seines Tores heruntergerutscht ist und ins Nichts starrt.

Aus der Zeit

Nicht jedes der Fotos in "Das Spiel" ist bekannt und erzählt solche Geschichten. Aber jedes von ihnen nimmt einzelne Momente aus der Zeit. Das ist der Vorteil der Fotografie: Kein TV-Kommentator plappert.

Die "Spiel"-Macher wagen dennoch zwei Ausflüge in die Welt der Bewegtbilder. Der eine ist eine Halbzeitpausen-Sequenz aus der Dokumentation "Les yeux dans les Bleus", von Stéphane Meunier, der die französische Nationalmannschaft bei ihrer WM 1998 bis in die Umkleidekabine begleitete. Aber was als TV-Experiment 1998 noch innovativ war, ist heute ernüchternd. Didier Deschamps mault über Lilian Thuram. Fabien Barthez hätte noch gern noch zwei Flaschen Wasser. Zinedine Zidane wird vom Trainer Aimé Jacquet mit "mein Großer" in die zweite Halbzeit geschickt. Sogar das fahle Kabinenlicht erinnert an das im "Big Brother"-Container.

Der zweite Multimedia-Ausflug ist innovativer. In der Mitte des Ausstellungsraumes stehen drei Bänke mit zwei Lautsprechern. Aus dem rechten kommt der (west-)deutsche Originalkommentar: Herbert Zimmermann zum Berner Finale von 1954, Werner Schneiders ZDF-Kommentar des BRD-DDR-Spiels von 1974 und Rudi Michels Kommentar von Wembley 1966. Parallel läuft auf dem linken Lautsprecher der Kommentar des Gegnerlandes. Aber Hörfunk ist vergänglich. Außer Zimmermanns "Tor!"-Eruption wurde aus keinem der Kommentare eine Legende.

Schau ohne Klammer

Und eigentlich gibt es noch eine dritte Exkursion in ein fremdes Medium, der gleichzeitig den misslungensten Teil der Ausstellung darstellt. Jede der verschiedenen Sektionen leiten Crüwell und Rumberg mit einer Art Versform ein: "Anstoß, das Spiel beginnt/ Auf dem Platz ist nun alles möglich/ innerhalb der Schranken des Erlaubten/ Im Mittelfeld wird das Tempo bestimmt/ Stürmer warten auf ihren Pass/ aus der Tiefe des Raums/ Verteidiger sichern den Torraum ab".

Ein anderer, weitaus wichtigerer Text fehlt der Schau: die Einordnung der Bilder. Was ist das besondere an Fußball-Fotografien? Was ist ein gutes Foto? Wie hat sich die Fototechnik seit 1930 verändert, und was bedeutet das für die Fußball-Fotografie? Im Katalog antworten darauf der Berliner Kunsthistoriker Horst Bredekamp, die Medienwissenschaftler Vinzenz Hediger und Markus Stauff und die Kommentatorenlegende Rudi Michel. All das fehlt in dieser Ausstellung. Sie bleibt eine Foto-Schau ohne Interpretations-Klammer. Aber immerhin zum richtigen Zeitpunkt.

Und so kommt es, dass Schulklassen durch die Ausstellung rennen, vorbei an den Bildern, auf denen sich unbekannte langhaarige Männer in kurzen Hosen verrenken. Oder ein Torwart mit Glatze über den Rasen rennt.


Das Spiel - Die Fußball-Weltmeisterschaften im Spiegel der Sportfotografie: Deutsches Historisches Museum, Berlin; Pei-Bau/EG. 29. April bis 30. Juli 2006

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