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26.05.2006
 

Streit um Berliner Hauptbahnhof

"Schildbürgerstreich erster Güte"

Er baute den neuen gefeierten Berliner Hauptbahnhof, aber mit dem Ergebnis ist er nicht glücklich: Star-Architekt Meinhard von Gerkan beklagt im Interview mit SPIEGEL ONLINE das mangelnde ästhetische Bewusstsein von Bahnchef Mehdorn und die unnötigen Abweichungen von seinem Entwurf.

SPIEGEL ONLINE: Herr von Gerkan, werden Sie heute Abend bei der Eröffnung Ihres Bahnhofs in Berlin dabei sein?

von Gerkan: Das werde ich noch entscheiden.

SPIEGEL ONLINE: Wovon hängt das ab?

von Gerkan: Vom Wetter (lacht).

SPIEGEL ONLINE: Wegen baulicher Veränderungen liegen Sie seit Jahren im Streit mit der Bahn und deren Chef Hartmut Mehdorn. Die Bahn wollte sie nicht als Redner zur Eröffnung, angeblich aus Zeitgründen. Man hat Ihnen nur ein Interview im Bahnmagazin angeboten. Sind Sie enttäuscht?

von Gerkan: Das spiegelt nur die grundlegende Einstellung wider, in der die Rolle der Architekten und Ingenieure keinen Platz hat. Nach der Auffassung der Bahn ist die Eröffnung eine politische Angelegenheit - um den Bahnhof als solchen geht es schon lange nicht mehr. Der Bahnhof dient als Selbstdarstellung der wirtschaftlichen Stärke des Unternehmens.

SPIEGEL ONLINE: Die Bahn hat das Dach verkürzt, angeblich aus Kosten- und Zeitgründen, hat im Untergeschoss die filigrane Deckenkonstruktion durch eine schlichtere Variante ersetzt. Im November soll in einem Urheberrechtsstreit das Landgericht in Berlin beiden Fällen entscheiden. Aber hat Herr Mehdorn nicht nur das getan, was ohnehin zwischen Bauherrn und Architekt im Verlaufe eines Projektes üblich ist?

von Gerkan: Er hat ästhetisches Gefühl gar nicht erst entwickelt und dem auch keinerlei Aufmerksamkeit geschenkt. Herr Mehdorn ist Empfehlungen gefolgt, die er nicht überprüft hat und die auf falschen Angaben basieren. Es wurden einseitige und willkürliche Entscheidungen getroffen, obwohl die Bahn uns vor zehn Jahren zugesichert hat, dass der Bahnhof so gebaut wird, wie wir es vorgesehen hatten. Herr Mehdorn hat diese Vereinbarungen gebrochen - aber auch das hat ihn nicht weiter erschüttert. Die Verkürzung des Daches ist ein Schildbürgerstreich ersten Ranges - heute werden sogar ältere Bahnhöfe mit kürzeren Dächern wieder mit Provisorien verlängert.

SPIEGEL ONLINE: Stehen Sie denn noch zu Ihrem Bau?

von Gerkan: Aber selbstverständlich. Es ist so, als hätten sie ein Kind, dem zwei Kinderkrankheiten mutwillig zugefügt worden sind. Das geben sie ja auch nicht auf. Die Tatsache, dass es einen Schaden hat, ist ja Veranlassung, sich ihm besonders zuzuwenden. Deshalb werde ich nicht ermüden, diese Verunstaltungen wieder rückgängig zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Wer soll das bewerkstelligen - der Vater Staat als Aufsichtsbehörde der Bahn?

von Gerkan: Die Bundesrepublik Deutschland kann sich eine solche Verstümmelung des Bahnhofs nicht leisten. Das ist weder im Interesse der deutschen Baukultur noch unserer Politik. Ich vertraue darauf, dass die momentane Aufmerksamkeit, die der Bahnhof durch die Eröffnung erfährt, auch die Politiker dafür interessieren wird, diesen Makel zu beseitigen.

SPIEGEL ONLINE: Rechnen Sie damit, dass sich die Kanzlerin einschaltet, die heute Abend die Eröffnungsrede hält?

von Gerkan: Ja, sicher denke ich an Frau Merkel. Aber nicht nur an sie. Ich habe ja schon in der Vergangenheit darüber mit Schröder, Stolpe, Steinbrück, Tiefensee und Steinmeier gesprochen. Jetzt muss ich es halt mit den Neuen im Kabinett nochmals versuchen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie schon Signale erhalten?

von Gerkan: Noch nicht.

SPIEGEL ONLINE: Der neue Bahnhof liegt noch in einer städtischen Brache. Zugleich ist Berlin eine arme Stadt, es gibt immensen Büroleerstand. Haben Sie wirklich Hoffnungen, dass die Leere gefüllt wird?

von Gerkan: Es ist bedauerlich, dass trotz eines verbindlichen Bebauungsplans seit zehn Jahren nichts realisiert worden ist. Das hängt nicht nur mit der Immobiliensituation in Berlin zusammen, sondern auch daran, dass man ungern neben einer Großbaustelle baut. Mit der Fertigstellung des Bahnhofs dürfte die Gegend aber wieder sehr interessant für Investoren werden. Ich rechne damit, dass über kurz oder lang die Bautätigkeit dort einsetzt und wir in einigen Jahren dann dort ein urbanes Quartier vorfinden.

SPIEGEL ONLINE: Ein wenig hat man den Eindruck, die Bahn habe aus Ihrem Bahnhof ein gigantisches Einkaufszentrum mit Gleisanschluss gemacht.

Hamburger Stararchitekt Meinhard von Gerkan: "Ich habe lebhafte Erinnerungen an den Zoo"
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DPA

Hamburger Stararchitekt Meinhard von Gerkan: "Ich habe lebhafte Erinnerungen an den Zoo"

von Gerkan: Das ist ein Dilemma, das sie bei den meisten Bahnhöfen und Flughäfen heute haben. Die Einnahmen, die nicht unmittelbar aus dem Betrieb stammen, gewinnen immer mehr an Bedeutung. Das ist die eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite sollte ein Bahnhof auch Leben ausstrahlen. Und da sind die 80 Geschäfte mehr oder weniger gut integriert. Weder verstellen noch dominieren sie den Bahnhof.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von den großen Werbeflächen im Eingangsbereich, wie sie die Bahn vorsieht?

von Gerkan: Das macht mir auch Sorgen. Ich hoffe nicht, dass die Großzügigkeit, die gute Orientierung im Gebäude selbst verstellt wird.

SPIEGEL ONLINE: Mit der Eröffnung des Hauptbahnhofs wird der Bahnhof Zoo vom ICE-Netz genommen. Tausende Berliner haben gegen die Entscheidung Mehdorns mit Unterschriften protestiert. Haben Sie Verständnis dafür?

von Gerkan: Ja, zumal ich als Student lebhafte Erinnerungen an den Bahnhof Zoo habe. Nur, kaum eine Großstadt leistet sich den Luxus, schon nach wenigen Kilometern eine Station zu haben, in der überregionale Züge in kurzer Folge halten. Insofern ist es verständlich, dass man den Umschlagsplatz an dieses neue Drehkreuz verlagert. Das wird natürlich im Umfeld des Bahnhofs Zoo Auswirkungen haben.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie einem der Hundertausenden, die am Wochenende sich den Bahnhof ansehen, Ihre Lieblingsstelle zeigen müssten, welche wäre das?

von Gerkan: Es sind zwei. Die eine ist auf dem oberen Bahnsteig, in der Mitte der Kreuzungsvierung, wo man den gesamten Bahnhof von minus 15 Meter bis unter die große, lange Halle erfassen kann. Die andere Stelle ist die vorgelagerte Terrasse nach Süden mit dem Blick auf das Kanzleramt, das Reichstagsgebäude und in der Ferne den Potsdamer Platz. In diesem Moment vergesse ich, dass drumherum noch eine Wüste existiert.

SPIEGEL ONLINE: Und für einen Augenblick auch den Streit mit der Bahn?

von Gerkan: Der ist leider immer im Bauch, das ist nun mal im Leben so.

Das Interview führte Severin Weiland

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10.10.2011 von chirin: Berliner Hauptbahnhof - Gigantismus oder Wunderwerk?

Ganz abgehoben oder bereichert seine Architektur die Hauptstadt?[/QUOTE] Nicht nur der Hauptbahnhof, auch der Potsdamer Platz und nun noch die Kantstraße zeugen von einem Gigantismus und einem schlechten Geschmack, der [...] mehr...

10.09.2011 von osramabenabdul: hu hi holo

der absolute wahnsinn. ab und zu kommen auch züge. danke, sie können wegen verblödung dieses thema schließen mehr...

08.09.2011 von PvdL: Berliner Kakophonieorchester

Ich kenne keinen Bahnhof, auf dem man Durchsagen so schlecht verstehen kann. Entweder schwatzen mehrere der offenbar automatisierten Durchsagen durcheinander oder es quietscht oder rapelt ein Zug dazu. Einmal wurde ein Zug auf ein [...] mehr...

31.08.2011 von Cugel:

Wo genau hätten Sie ihn denn hingebaut? Und ist er Ihnen nun zu groß oder zu klein? mehr...

30.08.2011 von chirin: Berliner Hauptbahnhof - Gigantismus oder Wunderwerk?

Ich stimme Ihnen voll zu - wie viele Berliner. Der "unvollendete" und tatsächlich im Nichts gelegene. Eine katastrophale Fehlleistung von der Lage und Größe. mehr...

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