Von Marc Pitzke, New York
"Sie haben ihn hängen lassen"
Für seine Krankenkosten wollte das NYPD jedoch nicht länger aufkommen. "Das Department hat ihm jede mögliche medizinische Option gewährt", wiegelte die Behörde eiskalt ab. Das NYPD weigerte sich auch, einen offiziellen Zusammenhang zwischen Zadrogas selbstlosem Einsatz an Ground Zero und seiner Lungenerkrankung herzustellen.
"Sie haben ihn nicht gut behandelt", beklagte sich sein Vater bei einem Lokalreporter. "Sie haben ihn hängen lassen."
Kurz nach seiner Pensionierung verlor Zadroga dann seine Ehefrau. Er selbst wurde so krank, dass er zu seinen Eltern ziehen musste. Seine Tochter Tylerann wich nicht mehr von seinem Bett und spielte Krankenschwester. Sie fühlte seine Stirn auf Fieber und half ihm mit der Sauerstoffflasche.
"Daddy's little nurse", schrieb die Zeitung "Daily News".
Zadroga stirbt nur wenige Tage, nachdem Bürgermeister Bloomberg bei seiner zweiten Amtsvereidigung vor der City Hall ein neues, sorgenfreies Zeitalter ausrief und das Ende der 9/11-Depression beschwor. Der NYPD-Veteran hinterlässt seiner Familie unbezahlte Medikamenten- und Krankenhausrechungen in Höhe von mindestens 50.000 Dollar.
Eine Autopsie wird angeordnet. Bis zu deren Ergebnis, erklärt das NYPD, werde man sich weder zur Todesursache äußern noch finanzielle Verantwortung dafür übernehmen.
Jim Zadrogas Totenmesse findet in der Queen of Peace Church statt, einem Sandsteinbau mit weißem Neuengland-Türmchen. Der katholische Pastor der Kirche, William Fadrowski, hatte noch im letzten Pfarrbrief alle Gemeindemitglieder aufgefordert, für Zadrogas baldige Genesung zu beten.
Das Sternenbanner vor der Kirche weht auf Halbmast. Entlang der abgesperrten Straße hat sich schon in der frühen Morgensonne eine Hundertschaft verschiedenster Polizeieinheiten aus New York und New Jersey zur uniformierten Ehrengarde postiert: Streifenbeamte, Sheriffs, Highway-Patrol-Cops, Park Ranger. Auch Zivilbeamte sind darunter, mit getönten Sonnenbrillen. Die Dudelsack- und Schlagzeugkompanie der Police Pipes and Drums Bergen County ist angetreten, sie haben Schottenröcke und grün-rote Wollstrümpfe an und weiße Gamaschen über ihren Stiefeln.
Die kühle Luft kondensiert den Atem zu weißen Wölkchen. Nur das Rauschen von Walkie-Talkies stört die Stille. Dann beginnt eine Glocke zu läuten.
"Worte sind unzulänglich"
Die Leichenprozession nähert sich, angeführt von einem Bataillon Motorräder, deren Fahrer schwarze Lederjacken und kniehohe Lederstiefel tragen. Zadrogas Sarg ist in die weiß-grüne Flagge des NYPD gehüllt; langsam balancieren ihn die Cops auf den Schultern durchs Ehrenspalier und die Stufen hinauf ins Kirchenschiff, gefolgt von der Trauergemeinde, die langsam aus ihren Autos quillt. Linda Zadroga stützt sich auf die Seite ihres Mannes.
Drinnen ist die Kirche schlicht, fast schmucklos. Keine Blumen, keine Kränze, nur ein goldenes Kreuz vor einem goldenen Vorhang. Drei Kristallleuchter erhellen den Raum. Auf dem Balkon steht ein Chor und singt. "Pax vobis", steht über dem Haupteingang gemalt. Die Trauernden defilieren schweigend in die Bänke, sie füllen etwa ein Viertel der Sitze.
Pfarrer Fadrowski versucht die Hinterbliebenen mit passen-den Bibelzitaten über den unzeitigen Tod hinwegzutrösten. Wie immer in solchen Fällen.
"Der Gerechte aber, kommt auch sein Ende früh, geht in Gottes Reich ein."
"Die Hoffnung aber lässt nicht zugrunde gehen."
"Christus ist schon zu der Zeit, da wir noch schwach und gottlos waren, für uns gestorben."
Anschließend spricht er ein paar persönliche Worte, redet davon, wie 9/11 die Menschen hier auch heute noch berühre, wie nicht nur die Toten Helden seien, sondern auch die Hinterbliebenen - und Menschen wie Jim Zadroga, die "das äußerste Opfer" gebracht hätten, "um zu schützen und zu dienen".
Dann schaut der Pfarrer traurig auf Linda Zadroga und seufzt. "Ich weiß", sagt er, "Worte sind unzulänglich."
Die Dudelsackspieler marschieren ein und spielen ein ohrenbetäubendes "Amazing Grace", das durch das Kirchengewölbe hallt und einem Schauer über den Rücken jagt. Die verstimmte Orgel beschließt die Messe mit "God Bless America", während der Sarg wieder nach draußen getragen wird.
Über die Ridge Street schleppt sich die Prozession zum Friedhof. Vorbei an Danielle's Hair Design Studio,am örtlichen Dunkin Donuts,vor dem die Angestellten neugierig glotzen, an dem North Arlington Pub und den Schülern der North Arlington High School in ihrem weiß-blauen Uniformjacken, die sich salutierend auf dem Gehweg aufgereiht haben. Die Feuerwehr hat zwei Leitern über der Straße gekreuzt und daran ein riesiges Sternenbanner aufgehängt.
Das Grab auf der Hügelkuppe ist noch namenlos und ohne Grabstein. Nachdem alle Anwesenden ihre Rosen auf den Sarg geworfen haben, lädt der Pfarrer zum Leichenschmaus ins italienische Restaurant Roma.
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