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28.05.2006
 

Berlin vor der WM

Das Leben ist eine Baustelle

Von Reinhard Mohr

Derzeit gibt es in Deutschland nur noch eine Art der Zeitmessung: vor und nach der WM. Besonders in Berlin muss alles schnell noch fertig werden, bis das Fußballfest beginnt. Die Folge: eine ganz neue Art der Baustellen-Philosophie.

Ganz Deutschland buddelt und werkelt, gräbt und hämmert, stampft und schweißt in diesen Tagen. Was vor der WM nicht fertig wird, wird es nimmermehr. Das sagt jedenfalls das Bau(ch)gefühl.

Besonders in der deutschen Hauptstadt wird deshalb gnadenlos aufs Tempo gedrückt. Ob rund um den neuen Hauptbahnhof, der feierlich eröffnet wurde, oder am Alexanderplatz, am Hackeschen Markt, Unter den Linden, vor dem Reichstag oder an der Museumsinsel - plötzlich geht es beinah zu wie auf den Großbaustellen zwischen Peking und Shanghai.

Doch eines wissen die Berliner schon jetzt: Nach der WM geht wieder alles seinen gewohnten Gang - im üblichen Schneckentempo.

Denn die Berliner Baustelle folgt eigenen, ehernen Gesetzen.

Das erste lautet: Man kann sie eigentlich gar nicht verstehen, diese Gesetze, jedenfalls nach Maßgabe unvoreingenommener Anschauung, Vernunft und Logik - so wenig wie die wundersame Vermehrung der "Bedarfsgemeinschaften" bei Hartz IV.

Dagegen ist Paragraf 2 des Berliner Baugesetzes völlig eindeutig: Erst einmal Straße und Bürgersteig aufreißen, ganze Plätze sperren, einen beeindruckenden Schilderwald montieren und Bauwagen samt Dixi-Klohäuschen aufstellen - dann sieht man weiter.

Der Berliner unterscheidet dabei zunächst grob zwischen Wander-, Dauer- und Endlosbaustelle. Die Endlosbaustelle gräbt sich so tief in Bewusstsein und Gemüt der Menschen ein, dass die etwaige Fertigstellung einer jahre- oder gar jahrzehntelangen Baustelle entweder gar nicht oder mit purem Erschrecken bemerkt wird: "Was, schon fertig?!"

Das mag auch daran liegen, dass in Berlin, genauer: im Osten der Stadt seit dem Mauerfall von 1989, Baustellen eine beinah mystische Qualität angenommen haben und zum Kult der "Schaustelle" erhoben wurden - eine profane Ersatzreligion, die den politischen Utopieverlust ein wenig kompensieren soll.

Die Botschaft lautet: Siehe nur, o Mensch und Berliner, von Globalisierung, Staatsverschuldung und Politikverdrossenheit geplagtes Wesen, hier wird an Deiner, an unserer Zukunft gebaut, und sie wird großartig werden!

Allein, es dauert noch ein wenig. Im Berliner Busfahreridiom: Et dauert noch, wa! Vastanden?!

Zupflastern ist vor dem Aufreißen

Diese wunderbare Transzendenz einer geradezu Bloch'schen "Dämmerung nach Vorwärts" sitzt nicht nur tief im "antizipierenden Bewusstsein" der Bürger, sondern hat sich auch in der Arbeitsweise von Verwaltung und Behörden nachdrücklich niedergeschlagen. Selbst die Baufirmen und ihre Mitarbeiter haben sich diese Philosophie des ewigen "Noch-nicht-aber-irgendwann-wird-es-soweit-sein" gründlich angeeignet und legen eine teils staunenswert buddhistische Weltweisheit an den Tag. Motto: Was nützt es, wenn wir diesen Kabelschacht oder jene Wasserleitung schnell instand setzen, der nächste Bagger kommt bestimmt.

Frei nach Sepp Herberger: Nach dem Zupflastern ist vor dem Aufreißen.

Fortgeschrittene und vorausschauende Arbeitskräfte besorgen sich daher, wie an der galeriensatten Auguststraße unlängst geschehen, gleich eine ausgewachsene Hollywoodschaukel, um in den ausgedehnten Schaffenspausen über Sinn und Zweck des großen Ganzen entspannt nachdenken zu können. Was macht es da schon, dass eine vor allem von Müttern und Kindern frequentierte Grünfläche zwei ganze Sommer lang durch einen ebenso überflüssigen wie zeitlupenhaften Wege- und Mäuerchenbau blockiert ist? Wie schnell sind die Kinder groß und studieren im Ausland! Und die Mütter arbeiten dann längst wieder.

Wer braucht da einen Park?

Am häufigsten ist freilich eine geheimnisvolle Mischung aus Wander- und Dauerbaustelle zu beobachten. Wie ein Nacktschnecken-Kombinat nach drei Tagen Regen breitet sie sich in alle Richtungen aus, mäandert von der Haupt- in die Nebenstraßen und zieht eine Schleimspur von Bauschutt, Brettern und verrosteten Rohren hinter sich her. Baufortschritte lassen sich dabei bestenfalls im Abstand von Monaten erkennen, was auch daran liegt, dass oft gar nicht gebaut wird oder nur mit äußerst schwachen Kräften, zwei oder drei bedauernswerten Arbeitern, die schon in Miene und Bewegungsablauf an die Legende von Sisyphos erinnern.

Im Winter wird selbstverständlich gar nicht gearbeitet, und der dauert in Berlin nach offizieller Definition von Ende Oktober bis Anfang Mai. In der restlichen Zeit muss man sich erst wieder an die Hitze gewöhnen, an den lästigen Blütenstaub und daran, dass es keine "Materialpausen" mehr gibt wie einst im real existierenden Sozialismus.

Material ist (fast) immer da, mehr als genug, und oft wird es, wie die riesigen Steinplatten oder Kies- und Sandhaufen, schon Monate vor der Verwendung geliefert und im öffentlichen Raum kostenlos zwischengelagert.

Nur gestresste Metropolenhektiker und kleingeistige Erbsenzähler erwarten, dass anschließend mit dem Verbauen des Materials begonnen wird, erst recht an zentralen Punkten der Touristenströme.

Diese besinnungs- und seelenlosen Pragmatiker haben immer noch nicht die Berliner Bauphilosophie verstanden: Das gestapelte Material ist der Vorschein des Künftigen, die Antizipation des Bauens, die Repräsentation einer Idee: die Baustelle als "Wille und Vorstellung" (Schopenhauer).

Gewiss, der Wille ist meist schwächer ausgeprägt als die Vorstellung, aber wenn dann nach all den unerklärlich langen, Monate währenden Unterbrechungen tatsächlich das verbreiterte Trottoir rund um den Hackeschen Markt fertig ist oder die neue Uferbefestigung am Pergamonmuseum in Rufweite zu Angela Merkels Privatwohnung, dann fragt keiner mehr, warum die Sache mehr als zwei oder drei volle Jahre in Anspruch genommen hat. Denn morgen schon beginnt 100 Meter weiter die nächste Operation Zukunft.

Zemento Mori

Doch da ist noch ein ungeschriebener Paragraf im Berliner Baugesetz, der die Baufirmen betrifft, oft solche, die kurz vor der Pleite stehen, weil sie das billigste Angebot gemacht haben: Beende nie eine Baustelle, ohne ein Häufchen zu hinterlassen, gleichsam zur Erinnerung an die große Sache, ein Zemento Mori: Wenn ich geh, geht nur ein Teil von mir.

Mal ist es ein unscheinbares Dreckhäufchen, mal eine Pyramide durchgebrochener, übrig gebliebener Steinplatten, mal aufgetürmte Asphaltbrocken, verbogene Absperrgitter oder unbenutzte Pflastersteine - meistens alles zusammen. Schnell gesellt sich der übliche Großstadtmüll dazu, und als Extra wird das nicht abgeholte Dixi-Klo von einem entschlossenen Mitbürger mit einem einzigen beherzten Tritt umgekippt.

Nur unverbesserliche Ignoranten werden sich sträuben, hier, im berühmten Berliner Baudreckhäufchen, die unzweideutige Vanitas-Symbolik zu erkennen, den abgründigen Hinweis auf die Vergänglichkeit alles Irdischen und die ewige Unfertigkeit menschlichen Wirkens hienieden. Stattdessen rufen sie das Ordnungsamt an. Was für ein Banausentum.

Wenn aber einen einzigen Augenblick lang mal Ruhe ist an der Tiefbaufront, dann werden Buden aufgebaut. Am liebsten gleich ganze Budenzeilen, Budenschwärme, Budencluster.

An der Ostseite des Holocaust-Mahnmals etwa lädt seit kurzem eine mehrere hundert Meter lange Budenfront zum entspannten Verweilen ein - mit Eis, Döner, Bagel, Muffins und Bratwurst.

Entlang der Oranienburger Straße, seit Jahren schon ein ausgetretener Pfad des Berlintourismus, wo sich die Besucher in den Palmen- und Heizpilzbestandenen Lokalen wie zu Hause auf Mallorca fühlen können, sind zwei neue Attraktionen errichtet worden, die sich in den letzten verbliebenen Baulücken eingenistet haben: Der "Oranienmarkt" in der Nähe des Hackeschen Marktes und der "Gourmetgarten" am "Tacheles".

Beide letztlich unbeschreibbare Agglomerationen aus Brettern und weißen Stoffplanen, hinter denen sich die weltweit erfolgreiche Mischung aus Modeschmuck, Donut und "Asia-Pfanne" verbirgt, vervollkommnen auf ihre Weise die Berliner Baustellenkultur kurz vor Beginn der Fußballweltmeisterschaft 2006.

Denn eins ist gewiss: Wenn die Freunde aus aller Welt weg sind, kehren die Bagger zurück. Nach der WM ist vor der Baugrube. Das Leben ist eine Baustelle.

Jedenfalls in Berlin-Mitte.

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