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30.05.2006
 

Neuer Chef der "Berliner Zeitung"

"Ich möchte den Spirit begreifen"

Die Ernennung von Josef Depenbrock zum neuen Chefredakteur der "Berliner Zeitung" hat für Tumulte in der Belegschaft gesorgt. Am Dienstag erschien die Zeitung nur in einer Notausgabe. SPIEGEL ONLINE sprach mit dem Mann aus Hamburg über Vertrauen, Erfolg und Verteufelung.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben am Montag Ihren neuen Job als Chefredakteur der "Berliner Zeitung" angetreten. Was war es für ein Gefühl, wie der Leibhaftige von seiner neuen Redaktion empfangen zu werden?

Josef Depenbrock: "Wir sind alle Profis" 
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DPA

Josef Depenbrock: "Wir sind alle Profis" 

Depenbrock: Exotisch. So etwas habe ich in dieser Form noch nicht erlebt. Also war es kein erfreulicher Start.

SPIEGEL ONLINE: Haben sich die Gemüter inzwischen etwas beruhigt?

Depenbrock: Wir arbeiten heute mit normalen, und nicht mit erhöhtem Pulsschlag am Produkt. Das Entscheidende ist, dass ich einen vernünftigen Umgang mit den Mitarbeitern pflege.

SPIEGEL ONLINE: Am Montag sollte eigentlich abschließend ein Redaktionsstatut verhandelt werden. Stattdessen wurde ihre Ernennung verkündet. Für die Redaktion war das ein "grober Vertrauensbruch". Wie wollen Sie neues Vertrauen schaffen?

Depenbrock: Ich kann nicht mehr machen, als einen fairen Dialog anzubieten und mich darum bemühen, die Mitarbeiter anständig zu behandeln. Und das will ich tun.

SPIEGEL ONLINE: Wird weiter über das Redaktionsstatut verhandelt? Wird der Redaktion nach dem gestrigen Eklat nun künftig ein Vetorecht bei der Ernennung von Chefredakteuren eingeräumt?

Depenbrock: Die Geschäftsführung hat heute in einer Mitarbeitversammlung signalisiert, dass die Gespräche fortgeführt werden. Es wurde aber auch signalisiert, dass man bei wichtigen Fragen, wie der Ernennung von Führungskräften, kein Vetorecht akzeptieren wird.

SPIEGEL ONLINE: Scharfe Kritik entzündet sich an der Tatsache, dass Sie auch der Geschäftsführung des Mutterunternehmens BV Deutsche Zeitungsholding angehören und Anteile an der Holding halten. Sie selbst sollen bei ihrer Vorstellung im Haus immer wieder gefragt haben, ob Sie nun als Chefredakteur oder als Geschäftsführer befragt wurden.

Depenbrock: In der Vorstellung ist es wohl so, dass der Chefredakteur keine weitere Aufgaben übernehmen darf und dadurch völlig frei von äußeren Einflüssen ist. In der Wirklichkeit ist es aber so, dass ich eine Position in der Holding angestrebt habe, weil ich der Auffassung bin, dass im Spitzengremium eines großen Verlagshauses ein Journalist vertreten sein sollte. Schließlich wird hier mit den Eigentümern die langfristige Strategie diskutiert. Und ich verstehe mich eher als Vertretung der Redaktionen als jemand, der nur Sparmaßnahmen ausheckt.

SPIEGEL ONLINE: Sie sehen also die "redaktionelle Unabhängigkeit" der "Berliner Zeitung" nicht gefährdet?

Depenbrock: Wir sind alle Profis. Auch die Investoren. Und auch die wissen, dass Medien nur funktionieren, wenn sie unabhängig, glaubwürdig und gut gemacht sind.

SPIEGEL ONLINE: Ihnen eilt vor allem ein Ruf als Manager und Sanierer voraus. Genießen Sie deshalb das Vertrauen des britischen Investors David Montgomery?

Depenbrock: Ich glaube, dass sehr aufmerksam verfolgt wurde, was in den vergangenen sechs Jahren bei der "Hamburger Morgenpost" gemacht wurde. Die "Mopo" hatte rote Zahlen geschrieben und ist in einem kontinuierlichen Prozess, ohne böse Überraschungen für die Mitarbeiter, profitabel gemacht worden. Die "Mopo" hat durch inhaltliche Veränderungen mittlerweile die jüngste Leserstruktur aller deutschen Tageszeitungen. Wer meint, die "Mopo" sei deshalb in der Gewinnzone, weil nur gespart wurde, der sieht nicht die ganze Wahrheit.

SPIEGEL ONLINE: Montgomery erwartet eine Rendite von 20 Prozent. Wie ist dieses Ziel ohne Kündigungen zu erreichen?

Depenbrock: Diese Zahl von 20 Prozent ist kein Dogma. Alle Titel der Verlagsgruppe sollen in einer guten Marktposition gehalten und grundsätzlich profitabel geführt werden. Aber man wird niemals die Marktposition der Titel aufgrund eines kurzfristigen Renditeziels gefährden.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange waren Sie vor Ihrer Berufung über die Entscheidung informiert?

Depenbrock: Wir haben immer Gespräche geführt, aber letztendlich ist die Berufung eine kurzfristige Entscheidung gewesen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind ein ausgewiesener Boulevard-Mann. Was sind die Unterschiede zwischen Ihrem neuen Job und der Leitung von Zeitungen wie der "Hamburger Morgenpost" und dem "Berliner Kurier"? Müssen Sie sich selbst bewegen?

Depenbrock: Natürlich muss ich mich bewegen. Ich möchte wissen, wie diese Zeitung tickt und den Spirit begreifen. Völlig falsch wäre es, wenn ich denken würde, ich kann alles besser, als die Mitarbeiter, die dort schon Jahre arbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Sie bemängelten gestern vor den Mitarbeitern, dass das Ressort Vermischtes zwar eine häufig gelesene Seite der Zeitung ist, aber nur über 1,6 Redakteure verfügt - das Feuilleton aber über 13 Stellen. Werden künftig Theaterkritiker Meldungen aus aller Welt machen?

Depenbrock: Nein. Aber Fakt ist, dass bei allen Leseruntersuchungen die Seiten mit Weltnachrichten und Panoramanachrichten der beliebteste Teil sind. Und es fällt auf, dass in diesem Kapitel nur wenig Redakteure arbeiten. Wir haben darüber diskutiert, ob die Gewichtungen bleiben. Die Medienwelt verändert sich so dramatisch, dass sich auch Zeitungen immer wieder neu justieren müssen.

SPIEGEL ONLINE: Die Redaktion befürchtet eine Verstärkung der Boulevard-Berichterstattung und ein Verlust der bundespolitischen Bedeutung der Zeitung.

Depenbrock: Die bundespolitische Bedeutung der Zeitung ist immanent. Sie ist die führende Zeitung in Berlin und hat eine Ausstrahlung weit über die Hauptstadt hinaus. Und daran will ich überhaupt nichts ändern.

SPIEGEL ONLINE: Was wird denn jetzt anders?

Depenbrock: Erstmal wird sich überhaupt nichts ändern. Die Strukturen und Stellenpläne, die mein Vorgänger für dieses Jahr gemacht hat, bleiben unangerührt. Für 2007 und 2008 werde ich die Pläne mit leitenden Redakteuren im Haus zu gegebener Zeit erörtern.

SPIEGEL ONLINE: Wird die "Berliner Zeitung" am Mittwoch wieder im normalen Umfang erscheinen?

Depenbrock: Es läuft alles nach Plan und es würde mich wundern, wenn jetzt noch was schief geht.

Das Interview führte Lars Langenau

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