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01.06.2006
 

Patriotismus-Debatte

Entdeckung des Schweinebratens

Von Henryk M. Broder

Worauf man sich in Deutschland verlassen kann, ist die beständige Wiederkehr eines Debatten-Evergreens namens Patriotismus. Diesmal wird er jedoch nicht von Leitkultur-süchtigen Politikern beschworen, sondern von heimgekehrten Feuilleton-Vordenkern.

Im Auf und Ab der politischen Konjunkturen gibt es vier Evergreens, die immer wieder auf die Tagesordnung kommen: die Leitkultur, die Renten-Frage, die Arbeitslosigkeit und der Patriotismus, meistens mit dem Zusatz "gesunder". Zurzeit ist wieder der Patriotismus an der Reihe, obwohl die letzte große Patriotismus-Debatte erst vor kurzem geführt wurde – auf dem 18. Parteitag der CDU in Düsseldorf Anfang Dezember 2004.

Deutsche Flagge vor dem Berliner Reichstag: Patriotismus-Debatte als Wanderpokal
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DDP

Deutsche Flagge vor dem Berliner Reichstag: Patriotismus-Debatte als Wanderpokal

Die Diskussion begann schon im Vorfeld des Treffens in der Nähe der Rheinauen. Der damalige Generalsekretär der CDU, Laurenz Meyer, warf der rot-grünen Koalition vor, sie habe "kein emotionales Verhältnis zur Nation" und beschäftige sich lieber mit dem Dosenpfand und der Legehennen-Verordnung.

Der damalige SPD-Vorsitzende Franz Müntefering antwortete, die SPD müsse sich "von niemand fehlenden Patriotismus vorwerfen" lassen. Die damalige Fraktionschefin der Grünen, Krista Sager, warf der Union vor, sie betreibe mit der Debatte "einen kalkulierten Taktikwechsel", Angela Merkel werde es nicht schaffen, "unseren Kanzler als begeisterten WM-Schlachtenbummler in den Schatten zu stellen". Der damalige Kanzler, Gerhard Schröder, nahm es gelassen: "Patriotismus ist das, was ich jeden Tag tue."

Das Ganze ist erst anderthalb Jahre her und doch so gut wie vergessen. Während sich die Politiker an patriotischen Statements überboten, reagierten die Intellektuellen leicht ungehalten: "Haben die da nix Besseres zu tun? Gibt es in der Republik keine wirklichen Probleme, um die sich unsere Politiker kümmern könnten?" Worauf Angela Merkel eine symbiotisch-holistische Position bezog: "Reformen und Patriotismus sind für mich zwei Seiten einer Medaille."

Die Medaille ist ein Wanderpokal. Zurzeit macht er die Runde durch die Wärmestuben der Intellektuellen, von "Kulturzeit" zu "Titel, Thesen, Temperamente", von "aspekte" zu "Beckmann". Und es sieht aus, als wären Phantomdebatten eine viel zu ernste Angelegenheit, als dass man sie den Politikern überlassen könnte. Die hauptamtlichen Vor- und Nachdenker der Nation können es besser.

Zweierlei zeichnet die jetzige Debatte aus. Erstens: Über das Thema Patriotismus gibt es nichts Neues zu sagen, zumindest nichts, was über das ultimative Wort des Philosophen Arthur Schopenhauer hinaus weisen würde: "Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein. Hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Torheiten, die ihr eigen sind, mit Händen und Füßen zu verteidigen."

Bob Dylan hat es etwas einfacher formuliert: "Der Patriotismus ist die letzte Zuflucht, an die sich der Strauchdieb klammert." Und Max Horkheimer brauchte auch nur einen Satz, um das P-Wort zu entsorgen: "Der Patriotismus in Deutschland ist so furchtbar, weil er grundlos ist."

Damit, sollte man meinen, wäre alles über den Patriotismus gesagt; und man könnte sich wieder relevanten Themen zuwenden, den Lohnnebenkosten oder der eskalierenden Gewalt an den Schulen.

Man kann es kauen, lutschen und lecken...

Zweitens: Diejenigen, die sich an der laufenden Patriotismus-Debatte beteiligen, verhalten sich wie Kinder, denen zum ersten Mal bewusst wird, dass es nicht der Klapperstorch ist, der die Babys ins Haus bringt. Sie machen eine Entdeckung, die sie anderen mitteilen müssen: Schaut her, was wir gefunden haben! Es fängt mit "P" an und hört mit "mus" auf! Man kann es kauen, lutschen und lecken, man kann es sich auch in die Haare schmieren, und es wird nicht alle!

Das neue Buch von Matthias Matussek ("Wir Deutschen"), dem man zugute halten muss, das es unter erheblichem Zeitdruck geschrieben wurde, um noch vor der WM auf dem Markt zu sein, enthält nichts, was den Leser überrascht oder erschüttert.

Stattdessen gibt es eine Menge summarischer Weisheiten, wie sie in jeder Selbsterfahrungsgruppe ausgetauscht werden. Wie zum Beispiel die, dass wir uns selbst mögen müssen, "bevor die anderen uns gerne haben können". Diese Einsicht ist so sensationell wie die, dass "die zwölf dunklen Jahre des Nationalsozialismus wie ein Riegel quer in der deutschen Geschichte" liegen und "dass Hitler ein Freak-Unfall der deutschen Geschichte war". Haben wir solche Sätze nicht schon oft gelesen? Immer verbunden mit der Aufforderung, dass man die deutsche Geschichte nicht durch den Flaschenhals des Holocaust betrachten dürfe, und der Feststellung, dass andere Völker auch schreckliche Verbrechen begangen hätten - die Amis an den Indianern, die Japaner an den Koreanern und die Australier an den Känguruhs.

Witziger wird es, wenn Matussek mit Joschka Fischer und seinem Jahrgang abrechnet ("eine phänomenal unsympathische Generation von historischen Besserwissern"), oder Heidi Klum zur Vorzeigekosmopolitin ernennt, weil sie in Bergisch-Gladbach und Beverly Hills zu Hause ist, einen schwarzen Briten geheiratet hat und den Karneval in Köln feiert. Solche Pointen sind es wohl, die Franz Josef Wagner zu dem Urteil veranlasst haben, Matussek habe ein Buch geschrieben "wie Heinrich Heine, der Dichter der Loreley, es heute geschrieben hätte".

Bei der Gelegenheit enthüllte Wagner auch, wie er und Matussek Freunde wurden. Vor 20 Jahren standen sie mal im Stadion nebeneinander. Und als die Nationalhymne ertönte und Matussek daraufhin feuchte Augen bekam, da "wurde ich sein Freund, ich finde es großartig, wenn einem bei der Nationalhymne die Tränen kommen".

Es dauerte freilich eine Weile, bis sich Matussek als deutscher Patriot outete. Um Deutschland lieben zu lernen, musste er erst 15 Jahre im Ausland verbringen, in den USA, in Brasilien und in England, wo ihm seine Freunde immer wieder sagten: "Enough, it's enough!", die Deutschen sollten endlich aufhören, sich mit ihrer Vergangenheit zu beschäftigen, und lieber nach vorne schauen.

Da ist was dran. Wenn die Ressourcen knapp werden und der Benzinpreis steigt, wird die Frage: "Wer sind wir und was hält uns überhaupt zusammen?" zum sinnstiftenden Zeitvertreib. Und wenn der Kerosinpreis ein tiefes Loch in die Reisekasse reißt und die Seychellen wieder in weite Ferne rücken, dann wird auch ein Ausflug zum Deutschen Eck zu einem Erlebnis, dann kann man sich sogar die Eifel schön reden.

Der deutsche Wald, die Loreley und der Schweinebraten

Auf die Frage, was sie an Deutschland am meisten schätzen würden, antworteten die Gäste vergangenen Montag bei "Beckmann", es wären vor allem die Natur und die Landschaft. Alice Schwarzer, die einen guten Teil ihres Lebens in der "Coupole" und in der Pariser Metro verbracht hat, erzählte, wie sehr es sie aufwühlen würde, wenn sie mit dem Zug an der Loreley vorbeifährt. Matussek bekannte, darüber habe er sich noch keine Gedanken gemacht, und entschied sich schließlich für den Schweinebraten, den seine Frau so gut kochen kann.

Es war eine jener Geisterstunden vor Mitternacht, an deren Ende man die Wohnung lüften musste, um nicht zu ersticken. Der deutsche Wald, die Loreley und der Schweinebraten. Und natürlich die Hoffnung, dass wir die Fußball-WM gewinnen werden. Gibt es sonst nichts, wofür sich deutsche Patrioten begeistern könnten?

Ist es nicht schön, dass man in einem Starbuck’s-Café am Pariser Platz sitzen und die Ostseite des Brandenburger Tores sehen kann? Dass ein bekennender Schwuler Bürgermeister der Hauptstadt werden konnte? Dass man von Magdeburg nach Kassel fahren kann ohne sein Leben zu riskieren? Wieso kommt deutschen Patrioten so etwas nicht in den Sinn? Warum schlagen sie immer im Wald auf?

Weil es sich um Spätheimkehrer handelt. Während die Jungen Heimweh nach der Zukunft haben, wollen die Alten nur noch eines: sich mit ihrer wilden Vergangenheit aussöhnen.

Am schönsten ist es doch zu Hause, wo Mutti den Schweinebraten auf den Tisch stellt und Vati, Bier bei Fuß, Poldi und Schweini anfeuern kann.

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09.02.2010 von chirin: Patriotismus - ist eine neue Debatte notwendig?

Dem ist voll zuzustimmen! Leider hat hier - in dieser oberflächlichen und dummen Gesellschaft - niemand mehr Vaterlandsliebe. Wozu auch bisher? Bei zaghaften Einwänden gegen die Political Corerectiness wird gelich von deren [...] mehr...

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Wenn ich so die Politiker von Koch bis Westerwelle sehe, die gerne in Wahlkämpfen als Stolzdeutsche auftreten, fällt mir ein Satz des Englischen Dichter Johnsen ein: "Die Letzte Zuflucht eines Schurken ist immer der [...] mehr...

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Als im Jahre 2oo3 , am Beginn des Irak-Kriegs , versehentlich ein amerikanischer Abfangjäger ein brittisches Flugzeug pulverisierte und zwei Tage später auch umgekehrt, berichteten die Militärs, daß es sich in beiden Fällen um [...] mehr...

08.02.2010 von Mad Mace:

Wenn ein sachlicher Diskurs als unpatriotisch gilt, dann hat sich der Patriotismus bereits disqualifiziert - so wie alles, was der kritischen Überprüfung nicht stand hält. mehr...

04.02.2010 von Reformhaus: Patriotismus-Debatte

Ist der Verfassungspatriotismus (http://de.wikipedia.org/wiki/Verfassungspatriotismus) noch zeitgemäß? mehr...

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