Es geht ein Gespenst um in Deutschland. Nein, eigentlich weht es eher. Es ist der Patriotismus. Quer durchs Land flattern die Deutschlandfahnen im milden Frühsommerwind und lassen ihr schwarzrotgoldenes Band über Feld und Aue gleiten, am Reichstag wie an der Dönerbude, am Taxi wie vom Balkon herunter. Nicht einmal das gefürchtete Bezirksamt von Berlin-Mitte fordert eine "Sondernutzungserlaubnis", wenn das gute Stück gefährlich weit "in den Luftraum über dem Bürgersteig" ragt. Ein historischer Fortschritt.
Seit den Tagen der Wiedervereinigung von 1990 und dem WM-Triumph in Rom waren nicht mehr so viele Deutschlandfahnen zu sehen. Ein ganz neues Gefühl wenige Stunden vor dem Anpfiff zur Fußball-WM 2006. Jetzt dürfen wir auch mal die eigene Flagge zeigen und müssen nicht Ghana, Togo oder der Elfenbeinküste zujubeln, den grundsympathischen und wieselflinken Männern aus Westafrika.
Wir sind so frei. Proud to be a German – bis zur nächsten Gesundheitsreform.
Wie gerufen kommt da die aktuelle Patriotismusdebatte über Vaterlandsliebe und Nationalgefühl. Einen "positiven Patriotismus" fordert jetzt auch der weltläufige Teammanager Oliver Bierhoff. Was ein negativer Patriotismus wäre, möchte man kurz vor Spielbeginn gar nicht wissen. Plötzlich entdecken auch patriotische Spätheimkehrer aus Kultur und Politik ihr Konvertitenherz für die Nation und kämpfen lautstark und mit vollem Körpereinsatz gegen jede Spielart des politisch korrekten deutschen Selbsthasses.
Recht so. Deutschland peinlich Vaterland – das war früher.
Doch wie immer, wenn in Deutschland um die "nationale Identität" gerungen wird, geht es äußerst gründlich zu, knallhart und ziemlich humorlos. Besonders verbissen wirken dabei zuweilen jene, die für mehr nationale Lockerheit plädieren. Stolz werden große Geister der deutschen Kulturnation ins Feld geführt, wogegen jene, die eine andere Meinung haben oder auch nur nicht mitgrölen wollen, als zurückgebliebene Kleingeister erscheinen – als "Problempatrioten" im Sinne von Edmund Stoiber.
Gern baut man Popanze und Pappmaché-Tabus auf, um sie anschließend mit Karacho platt zu walzen. Auch eine schöne deutsche Tradition.
"Es war einmal ein Volk", schrieb der vor einigen Jahren verstorbene Kabarettist Matthias Beltz im Sommer 1990, "das fühlte sich so verarscht von der ganzen Welt, dass es sich die Deutschen nannte. Schon in der Volksschule wollte niemand mit ihnen Völkerball spielen.
Da beschloss das deutsche Volk in einer dunklen Stunde, Fußballweltmeister zu werden. Und so gaben sich die Deutschen eine Nationalhymne, und die hieß: Deutschland vor, noch ein Tor. Der Refrain aber lautete: Olé – olé – oléoléolé!"
In diesem Sinne wollen wir ab morgen den Finger in die deutsche Luft halten. Jeden Tag. Vier Wochen lang, ganz kurz und sehr subjektiv. Wir versuchen, den täglichen Patriotismus-Pegel (PP) zu messen, den Klinsimeter (KM) der Nation, Von -10 bis +10 auf der nach oben nicht offenen Patriotismus-Skala (PS). PP, KM, PS. Alles klar?
Wie ist die Stimmung im Lande als Gastgeber von lauter Freunden? Wo drückt der Schuh? Wie geht es Ballacks Wade? Klappt der Biernachschub? Bleibt alles schön friedlich? Was macht das Deutschlandgefühl um zehn Uhr morgens? Wer verweigert sich dem Flaggenschmuck und warum? Werden doch wieder einige unwissende deutsche Frauen Costa Rica, Ecuador und Trinidad/Tobago die Daumen drücken, nur weil die Spieler angeblich "so toll aussehen"? Und was ist, wenn die deutsche Mannschaft trotz Schweini und Poldi früh ausscheidet?
Fallen wir dann gleich vom Glauben ab und laufen mit wehenden Fahnen zu Holland, Frankreich oder, Gott behüte, England über? Oder feiern mit Trinidad/Tobago das olympische Motto: Dabei trommeln ist alles? Kurz: Sind wir womöglich verdammte Schönwetterpatrioten?
Nein, keine Angst, wie machen uns nicht über alles lustig, das wäre zu billig. Aber über einiges schon. Ein Gang über die Berliner Fanmeile sagt vielleicht mehr über die Lage der Nation als dicke Bücher. Auch Problempatrioten sind Patrioten.
Dann bis morgen. Und Glück auf, Deutschland!
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Dem ist voll zuzustimmen! Leider hat hier - in dieser oberflächlichen und dummen Gesellschaft - niemand mehr Vaterlandsliebe. Wozu auch bisher? Bei zaghaften Einwänden gegen die Political Corerectiness wird gelich von deren [...] mehr...
Wenn ich so die Politiker von Koch bis Westerwelle sehe, die gerne in Wahlkämpfen als Stolzdeutsche auftreten, fällt mir ein Satz des Englischen Dichter Johnsen ein: "Die Letzte Zuflucht eines Schurken ist immer der [...] mehr...
Als im Jahre 2oo3 , am Beginn des Irak-Kriegs , versehentlich ein amerikanischer Abfangjäger ein brittisches Flugzeug pulverisierte und zwei Tage später auch umgekehrt, berichteten die Militärs, daß es sich in beiden Fällen um [...] mehr...
Wenn ein sachlicher Diskurs als unpatriotisch gilt, dann hat sich der Patriotismus bereits disqualifiziert - so wie alles, was der kritischen Überprüfung nicht stand hält. mehr...
Ist der Verfassungspatriotismus (http://de.wikipedia.org/wiki/Verfassungspatriotismus) noch zeitgemäß? mehr...
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