Es groovt sich ein. Die WM bestimmt den Lebensrhythmus, irgendwo zwischen Strandurlaub, Dauerstadionatmosphäre und kurzen Pausen, in denen schnell mal gearbeitet werden muss.
Morgens, beim Kaffee in der Sonne, die ohn' Unterlass scheint, als habe der Sozialismus, von dem wir einst geträumt haben, doch gesiegt, geht der erste Blick auf den Spielplan: 21 Uhr Brasilien-Kroatien, davor um 18 Uhr Frankreich-Schweiz. "Zizou" gegen die Eigernordwand. Liest sich wie ein erlesenes Menü auf der Speisekarte. Bei Südkorea-Togo um 15 Uhr könnte es etwas eng werden. Und allzu heiß. Vielleicht entscheidet man sich doch für den Park. Ein bisschen auftanken kann nicht schaden. Und dann ein erstes Kölsch in der "Ständigen Vertretung" (StäV) am Schiffbauerdamm, draußen an der Spree, wo eine sehr gutaussehende schwarze männliche Servicekraft im extrem farbenfrohen ghanaischen Trikot herumläuft.
Und die Arbeit? Wenn, statistisch gesehen, sowieso nur noch 28 Prozent der Bevölkerung arbeiten, ist man als bummelnder WM-Tourist im eigenen Kiez in bester (Mehrheits-)Gesellschaft. Das war nicht immer so.
"Wie man aus eigenem lebt, wie man ein kleines privates Leben groß, schön und lohnend machen kann, wie man es genießt und wo es interessant wird" – das hätten die Deutschen nie gelernt, schrieb der Historiker Sebastian Haffner 1939. Stets bräuchten sie Sensationen, die von außen kommen, wagnerianische Erlösungs- oder Untergangszenarien, kurz: führermäßigen Wahnsinn, um sich selbst zu "spüren".
Die alten Klischees lösen sich vielerorts ins Spielerische auf, auch wenn englische Fans in Frankfurt am Main immer noch glauben, auf dem Bahnhofsvorplatz vom britischen Sieg im Luftkrieg 1944 singen zu müssen. Lassen wir ihnen den Spaß.
Schwarzrotgold jedenfalls ist keine Bedrohung für den Weltfrieden mehr, sondern Spielmaterial für eine Dauerparty. Motto: Hallo, wir leben.
Selbst im Hamburger Schanzenviertel, so berichten schwer irritierte Augenzeugen, wehen deutsche Fahnen. Dass dort, zwischen Sternschanze, Schulterblatt und Roter Flora, wo noch vor nicht allzu langer Zeit das schwarze Tuch von Autonomen, Antifas und Anarchisten das Straßenbild prägte, einem wie immer gearteten Nationalgefühl Ausdruck verliehen wird, ist ein größerer Tabubruch als es die Wiedereinführung des "Liberos" in der deutschen Abwehrkette wäre.
Derweil gibt es im deutschen Feuilleton einen Phantomschmerz: Keiner protestiert so richtig, keiner warnt vor einem "neuen Nationalismus" oder der Verdrängung der Vergangenheit durch die "patriotisch gewendete" Spaßgesellschaft. Oder haben wir was überlesen?
Wo bleibt das kritische Wort, wo bleibt der Aufschrei?
Vorläufig behilft man sich mit kurzen Feuilletons darüber, dass es im Feuilleton keine Feuilletondebatte gibt.
Eine Debatte aber muss demnächst geführt werden – über die Kernerisierung des ZDF, ach was, des Fernsehens und ganz Deutschlands. Da braut sich was zusammen.
Bis dahin ist der PP-Wert von gestern der von heute: 9 Punkte auf dem Klinsimeter.
Bis morgen und Glück auf, Deutschland!
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Dem ist voll zuzustimmen! Leider hat hier - in dieser oberflächlichen und dummen Gesellschaft - niemand mehr Vaterlandsliebe. Wozu auch bisher? Bei zaghaften Einwänden gegen die Political Corerectiness wird gelich von deren [...] mehr...
Wenn ich so die Politiker von Koch bis Westerwelle sehe, die gerne in Wahlkämpfen als Stolzdeutsche auftreten, fällt mir ein Satz des Englischen Dichter Johnsen ein: "Die Letzte Zuflucht eines Schurken ist immer der [...] mehr...
Als im Jahre 2oo3 , am Beginn des Irak-Kriegs , versehentlich ein amerikanischer Abfangjäger ein brittisches Flugzeug pulverisierte und zwei Tage später auch umgekehrt, berichteten die Militärs, daß es sich in beiden Fällen um [...] mehr...
Wenn ein sachlicher Diskurs als unpatriotisch gilt, dann hat sich der Patriotismus bereits disqualifiziert - so wie alles, was der kritischen Überprüfung nicht stand hält. mehr...
Ist der Verfassungspatriotismus (http://de.wikipedia.org/wiki/Verfassungspatriotismus) noch zeitgemäß? mehr...
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