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19.06.2006
 

Satire in Terror-Zeiten

Die palästinensische Jungfrau

Von Marc Pitzke, New York

Lachen über Tod und Terror war in New York nach dem 11. September lange tabu. Inzwischen werden in den Comedy-Clubs der Stadt wieder politisch unkorrekte Witze gerissen. Am weitesten wagt sich Maysoon Zayid vor - die erste muslimische Satirikerin der USA.

Es ist einer dieser Abende, die Comedians fürchten. Ein Abend, an dem selbst die besten Witze wie bleierne Kanonenkugeln im Publikum landen, mit einem dumpfen Rumms, dem unüberhörbare Stille folgt. Und an dem niemand auch nur mit den Schultern zuckt, geschweige denn applaudiert. Steinern sitzen sie stattdessen da, unerheitert, ungerührt, mit kritischem Stirnrunzeln, Augenbraue gelupft, Martiniglas gelangweilt zwischen den Fingern.

Komikerin Maysoon Zayid: "Guantanamo ist der Wunschtraum jeder alleinstehenden Araberin: So viele arabische Singles an einem Ort"
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AP

Komikerin Maysoon Zayid: "Guantanamo ist der Wunschtraum jeder alleinstehenden Araberin: So viele arabische Singles an einem Ort"

"Verdammt noch mal", ruft Erin Foley schließlich frustriert von der kleinen Bühne herab, nachdem ein weiteres ihrer Apercus - über Frauen im Sportstudio - gnadenlos verpufft. "Das ist doch verdammt komisch. This is fucking funny! Lacht doch mal! Ha! Ha! Ha!"

Widerwilliges Klatschen. Hüsteln. Irgendwo dudelt ein Handy mit dem neuesten HipHop-Ringtone.

"Oh, come on! Ich bin extra aus dem Bett aufgestanden und habe mir das Haar gebürstet!"

Das also nennen sie eine "tough crowd", ein knallhartes Publikum. Kommt schon mal vor, ist zu hören. Vor allem an einem Dienstagabend. Vor allem, wenn sie auf jemand anderen warten, der erst später dran ist - die witzereißende Araberin.

Applaus und Rülpsen

Der dunkle Saal des Gotham Comedy Clubs in Chelsea ist etwa zu zwei Dritteln gefüllt. Er gehört zu den bekanntesten Unterhaltungs-Etablissements New Yorks, hier haben sich schon viele Lachkünstler ihre Sporen verdient, die später eigene TV-Sitcoms oder Talk Shows bekamen, zu "Saturday Night Live" aufstiegen oder sich gar die gelegentliche Filmrolle schnappten. Jerry Seinfeld, Roseanne Barr, Ellen DeGeneres.

Doch heute sind keine prominenten Namen da. Heute ist "Nachwuchsabend": ein Kessel Buntes aus der New Yorker Comedy-Szene, moderiert von Erin Foley, einer jungen, fluchenden Frau in Jeans und grünem T-Shirt, die strähniges, brünettes Haar hat und auch unter dem Alias "Funny Ladee" auftritt. Ladee mit zwei "e".

An den Tischen sitzen weitgehend gemischte Grüppchen, Touristen, die eine oder andere Junggesellenparty, eine laute Freundesclique, Latinos, einige Paare. Corona scheint das Bier des Abends zu sein, mit Limonenkeil im Flaschenhals.

Foley erzählt ihren Lieblingswitz von dem Mann auf dem U-Bahnsteig, der, als der Zug einfuhr, den Daumen hochhielt wie ein Anhalter. "Mein Lieblingsmoment, den ich in Manhattan erlebt habe." Höflicher Applaus. Jemand rülpst. Doch Foley ist sowieso nur die Aufwärmerin. Wie gesagt, die meisten sind wegen jemand anderem hier.

Kein Witz, sondern bitterer Ernst

Dann kommt sie endlich. Das erste, was einem an Maysoon Zayid auffällt, sind ihre ausdrucksvollen, tiefen Augen. Das zweite ist ihre interessante Figur: schmal an den Schultern, breit an den Hüften. Das dritte ist, dass sie leicht nuschelt und, statt zu stehen, sich vorsichtig auf einen Barhocker setzt (sie nennt das "Sitdown Standup"). Warum, das erläutert sie gleich zur Begrüßung.

"Hi, ich bin eine muslimisch-palästinensische Jungfrau aus New Jersey mit Kinderlähmung."

Da lachen sie plötzlich alle laut. Übertrieben laut, wie man lacht, wenn man beklommen ist oder unsicher, oder damit einem das Lachen nicht im Halse stecken bleibt. Dabei ist das, was Zayid gesagt hat, ja nicht mal ein Witz. Es ist der bittere Ernst.

Sie ist Muslimin. Sie ist Palästinenserin. Sie ist, sagt sie, noch Jungfrau. Sie ist in New Jersey geboren. Und sie hat Kinderlähmung.

"Fotografen nennen mich die Verwackelte. Weil ich dauernd so zittere." "Ich hasse Fliegen. Wenn die mich an der Sicherheitskontrolle sehen, sehen sie nur eine zitternde Araberin und denken sofort: Die hat eine Bombe im Koffer."

Sie kennt kein Erbarmen. Weder vor sich noch vor den Edikten politischer correctness. "Ich bin die dreifache Diskriminierung. Ich bin eine Frau, ich bin eine Muslimin, ich bin behindert. Wie ich's auch drehe, ich bin diskriminiert."

Araber und Juden lachen gemeinsam

Behinderte Komiker gibt es längst. Doch Maysoon Zayid, 30, ist darüber hinaus die erste offen moslemische Standup-Comedienne der USA - und übrigens die erste überhaupt, die Standup-Auftritte in den palästinensischen Gebieten gewagt hat, und das auch noch während der letzten Intifada. Sie ist in Nazareth, Haifa, Bethlehem, Ramallah und Jerusalem aufgetreten. Doch ihr härtester Gig bleibt ihre Heimatstadt, die 9/11-Stadt.

Auch die Dienstagskunden im Gotham Comedy Club müssen sich, nach dem Schock ihrer opening line, erstmal erwärmen für ihre furchtlose Art von Humor.

Ihr Kommentar zu Steven Spielbergs cineastischer Terror-Bewältigung "München": "Was ist schlimmer, als eine Olympiamannschaft umzubringen? Eine Mannschaft der Behindertenolympiade umzubringen!" Ihr Familienproblem: "Mein Vater sieht aus wie Saddam Hussein. Aber er heißt Moses. Ein Araber namens Moses. Das bringt Juden zur Weißglut." Ihre Meinung zur First Lady Laura Bush: "Ich möchte die Pillen kriegen, die die kriegt. Die ist immer so ein happy motherfucker!" Über Araber: "Araber kommen überall zu spät. Selbst auf ihren eigenen Beerdigungen. Woran allerdings die Zionisten Schuld haben."

Inzwischen biegt sich das Publikum im Gotham vor Lachen. In dem übrigens Araber und Juden sitzen.

Das Ende der Ironie

Dass so etwas zur allgemeinen Erheiterung hier gesagt werden kann, erst recht in einem Mainstream-Etablissement wie dem Gotham und nicht in einem der experimentell-progressiven Downtown-Clubs im East Village, das will was heißen. Hier in dieser Stadt, wo Massenmord und Nahostkonflikt in lange unvorstellbarer Weise aufeinander prallten, wo Fotos der Vermissten von Ground Zero heute noch an den Häusermauern kleben, wo der Dreitagebart-Look seit 9/11 eine ganz neue Bedeutung hat.

Der 11. September 2001, so hieß es damals, markiere "das Ende der Ironie" - immer schon mal beschworen, doch diesmal ein für alle Mal. Das Ende von Witz und Satire, Häme und Schadenfreude, Entertainment und Pop-Kultur. Comedy Clubs schlossen, Standup-Tourneen wurden abgesagt, die Late-Night-Joker David Letterman (in New York) und Jay Leno (im kalifornischen Burbank) machten Pietätspause. Selbst die New Yorker Satirezeitung "Onion" stellt ihr Erscheinen vorübergehend ein.

Nur langsam kamen die Komiker zurück. Doch etwas war anders als früher. Letterman und Leno waren bedacht, fast feinsinnig. Viele Themen waren tabu: Militär, Polizei, World Trade Center, New York generell, Bush.

Selbst im East Village, wo nach 9/11 eine ganz neue, schräge und vor allem kritische Comedy-Szene entstand, war der Krieg lange humoristischer Treibsand. Nur die "Onion" preschte vor. "Amerika schwört, wen auch immer zu besiegen, mit dem wir im Krieg stehen", spottete das Blatt. Und: "Erboster Gott stellt Nicht-Töten-Gebot klar."

"Viele Dinge in Amerika änderten sich, aber Humor kannst du nicht killen", erklärt "Onion"-Chefredakteur Robert Siegel. "Oder Trauer oder Furcht oder Freude. Die Leute werden immer lachen, sarkastisch sein, ironisch und unernst. Das ist ein Zeichen der Rückkehr zur Normalität."

"Nichts ist mir heilig"

Muslimische Comedians, die über Terroristen Witze machten, waren freilich eine ganz andere Frage. Erst langsam wagten sich ein paar an Flughafenwitze, polizeiliche Diskriminierung, die neuen Antiterrorgesetze. Guantanamo blieb Spaß-Niemandsland.

Doch Humor, so eine Branchenweisheit, ist nichts anderes als Tragödie plus Zeit.

Wegen ihrer Kinderlähmung kann Zayid nicht lange stehen. Sie balanciert auf einem Hocker mit niedriger Rückenlehne, an der sie sich mit der linken Hand hinter dem Rücken stabilisiert, während die rechte Hand das Mikrofon hält. Ihre Arme und Beine zittern leicht. Ihre Stimme ist unscharf und verschwommen, manchmal verschluckt sie ganze Silben, doch sie ist nicht im Geringsten befangen oder unsicher. Ihre Witze gleiten dahin, wie ein Eistänzer auf etwas stumpfen Kufen, und nach ein paar Minuten hat man sich an ihren synkopischen Rhythmus gewöhnt. Der Rhythmus wird eins mit ihrem Act.

"Nichts ist mir heilig", grinst Zayid nach ihrer Vorstellung. "Ich will, dass wir aus dem politisch korrekten Alcatraz unserer Gedanken ausbrechen. Ich will zeigen, dass Araber in den USA wie jede andere ethnische Gruppe sind." Wie jede andere - und doch natürlich nicht.

"Schmerz plus Timing"

"Wie können sich arabische Männer für all das revanchieren, das Bush ihnen angetan hat? Sie sollten es sich zu ihrem einzigen Ziel machen, eine der Bush-Zwillinge zu heiraten. Oder besser: beide Zwillinge auf einmal zu heiraten." Und von wegen Guantanamo: "Das ist der Wunschtraum jeder alleinstehenden Araberin: So viele arabische Singles an einem Ort!"

Humor als Ausdruck von Wut und Trauer - dass sich in New York ausgerechnet eine Araberin, eine Palästinenserin, als erste daran wagt, auch das ist bezeichnend.

Sie lästert, natürlich, über Palästinenser und Israelis, über Bush, über den Irak-Krieg, über Vorurteile und Benachteiligung. Themen, die die Medien - auch die New Yorker Medien - mit Glacéhandschuhen anfassen. "Comedy", findet sie, "ist unsere letzte Bastion der freien Meinungsäußerung. Ich schreibe und sage, was ich will."

Ärger hat sie deshalb in New York noch keinen bekommen. Sie hat in allen Clubs gespielt, im Gotham, im Caroline's, im Stand Up New York. "Kein einziger hat mich bisher gebeten zurückzudrehen." Nur einmal musste eine ihrer Shows abgesagt werden - in Gaza, weil die Israelis einen Checkpoint schlossen.

Ihr größtes Vorbild ist Richard Pryor, der Pionier der schwarzen Comedy. "Comedy ist Schmerz plus Timing", sagt sie, den alten Spruch abwandelnd. "Der Schmerz, unterdrückt zu werden. Zu wissen, dass du und dein Volk wie Zweite-Klasse-Bürger behandelt werden. Wege zu finden, sich darüber lustig zu machen."

Flug nach Gaza

Doch für Zayid, die manchmal in der Moschee an der East 96th Street betet, ist nicht alles nur Spaß. Drei Monate im Jahr verbringt sie in Palästina, wo sie rund 800 behinderten, verwundeten oder verwaisten Flüchtlingskindern das Schauspielen beibringt. Den Großteil des Erlöses aus ihren Shows spendet sie außerdem für Medikamente und Schuhe in den Flüchtlingslagern.

Eine Viertelstunde dauert Zayids Show, dann schließt sie mit einem lauten "George W. Bush schert sich nicht um Araber!" Der Rest des Abends verläuft wie der Anfang: konventionell. Witze über Schwule, Lesben, Kinder in Restaurants, Antidepressiva. "Ich brauche die allein wegen heute Abend", kräht eine füllige Comedienne namens Marianne.

Zayid sitzt noch eine Weile im Dunkeln auf einer Bank und hört den anderen zu. Dann macht sie sich auf den Weg, schnappt sich auf der Straße ein Taxi nach Hause. Denn schon in ein paar Stunden muss die "zitternde Araberin" wieder zum Newark Airport - sie fliegt nach Gaza.

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