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17.06.2006
 

Mohrs Deutschlandgefühl

Die Obermahner der Nation

Am ehemaligen "Tag der deutschen Einheit" verharrt der Patriotismuspegel bei acht Punkten. Schuld an dieser Flaute sind immer noch die GEW - und Günter Grass.

Ist Ihnen heute Morgen was aufgefallen, vielleicht beim Blick auf die Datumszeile Ihrer Zeitung? 17. Juni? War da mal was? Richtig, früher, als es noch "drüben" gab und die DDR eine einzige No-go-area für die Freiheit war: Der Arbeiter- und Volksaufstand am 17. Juni 1953, der in der "Stalinallee" seinen Ausgang nahm und Tage später von sowjetischen Panzern überrollt wurde.

Taxifahrer mit Deutschland-Fahnen: Die GEW spielt nicht mit
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DPA

Taxifahrer mit Deutschland-Fahnen: Die GEW spielt nicht mit

Im Westen wurde aus ihm ein offizieller Feiertag, der "Tag der deutschen Einheit", eine wunderbare Gelegenheit für Volksreden, Schulfeiern und Picknick im Grünen. Seit dem Mauerfall hat die Geschichte diesen Tag eingeholt, gleichsam dialektisch "aufgehoben". Die Wiedervereinigung hat ihn sozusagen überflüssig gemacht.

Wer aber glaubt, deutsche Geschichte könne auch mal eine versöhnliche, geradezu glückliche Wendung nehmen, kennt weder Günter Grass noch die Lehrergewerkschaft GEW. Denn diese beiden starken Mächte des Fortschritts können nicht anders als zurückzublicken und von dort wieder in die dunkle Zukunft, die uns droht. Unentwegt schauen sie auf den historischen Punkt zurück, an dem ihre Wahrnehmung und ihr Bewusstsein stehen geblieben sind.

Wir vermuten, irgendwann in den späten siebziger Jahren.

Sie ahnen es: Jetzt hat sich auch der Obermahner der deutschen Nation, die irgendwie immer noch keine sein soll, mit einem gewohnt originellen Beitrag zur Fußballweltmeisterschaft in Deutschland zu Wort gemeldet: "Leute wie Stoiber und andere" hätten mit "ihren populistischen Maßnahmen die latente Fremdenfeindlichkeit stubenrein" gemacht, sagt unser Bundes-Günter und schmaucht sich eins. Warum er das gerade jetzt sagt, da Hunderttausende Fremde sich als feiernde WM-Gäste und Fußballfans in Deutschland wie zu Hause fühlen? Wir wissen es nicht.

Dass in Stoibers Bayern fremdenfeindliche Attacken so selten sind wie in keinem anderen Bundesland, stört den Literaturpreisträger nicht. Er hat es eben so gelernt in den siebziger Jahren: "CSU, F.J. Strauss, Stoiber & Co. – eine einzige reaktionär-rassistische Bagage".

Auch die linke GEW tobt weiter im Laufställchen ihres anachronistischen Geschichtsbewusstseins herum. Als hätten wir es gestern schon geahnt: Die Broschüre, mit der die tapferen Lehrer ihre fehlgeleiteten Schüler über das "furchtbare Loblied auf die deutsche Nation" aufklären wollen, ist 16 Jahre alt. Sie stammt also aus der Zeit, als fortschrittlich gesinnte Menschen durch die Straßen liefen und riefen: "Nie wieder Deutschland!" Nicht wenige sahen damals ein "Viertes Reich" heraufziehen.

Selbst Jürgen Habermas warnte vor einem neuen, wenngleich panzerfreien "D-Mark-Nationalismus", der wieder in den östlichen Lebensraum vorstoßen wolle. Vom Euro konnte er noch nichts wissen.

Nun legt die GEW unverdrossen nach. Mit Melodie und Text des Deutschandliedes, so heißt es, verbänden sich in vielen Köpfen der Text der berüchtigten ersten Strophe ("Deutschland, Deutschland über alles..."), den die Nationalsozialisten verherrlicht hätten.

Ja, ja, man müsste in die Köpfe schauen können, am besten in jeden einzelnen. Freiwillige Kopfkontrolleure der GEW gäbe es genug. Ihren George Orwell kennen sie.

"Alleine die Melodie" wecke bei "Angehörigen der Opfer des Zweiten Weltkriegs schlimme Erinnerungen", behauptet der Vorsitzende der baden-württembergischen GEW, Rainer Dahlem, und fordert "eine neue Nationalhymne". Wenn das Joseph Haydn (1732-1809) hören könnte, aus dessen "Kaiserquartett" die böse Melodie stammt.

Um dieses hässliche Minus wieder auszugleichen, vergeben wir heute, am 17. Juni, einen schönen Pluspunkt allein für das Gesamtwerk des Schriftstellers Walter Kempowski ("Tadellöser & Wolff", "Ein Kapitel für sich", "Sirius", "Alkor", "Echolot", "Hamit" und vieles andere mehr). Macht zusammen 8 Punkte auf dem Klinsimeter.

Bis morgen und Glück auf, Deutschland!

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