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21.06.2006
 

Mohrs Deutschlandgefühl

Mehr Sex vor dem Spiel

Von Reinhard Mohr

Kein Sex vor dem Spiel, hieß es bisher immer. Zumindest in der Berliner Nachbarschaft wurde mit diesem Dogma gestern kurz vor 16 Uhr gebrochen. Die Party geht also weiter - und der Patriotismus-Pegel steigt trotz feuilletonistischer Unkenrufe und drohendem Rauchverbot.

Gestern war der längste Tag des Jahres. Sommersonnenwende. Ist Ihnen das eigentlich aufgefallen, mitten im großen WM-Partytrubel? Oder standen Sie irgendwo unter Hunderttausenden im Bierfahnennebel und haben gar nichts mitbekommen außer Kloses Salto mortale?

Von nun an geht es jedenfalls wieder bergab. Bald wird es wieder früher dunkel, die ersten Blätter fallen und Sabine Christiansen kommt zurück auf den Bildschirm. Schrecklich.

Lassen Sie uns lieber gar nicht daran denken.

Denn gerade lernen wir massenhaft, im Hier und Jetzt zu leben. Endlich haben wir’s begriffen: Morgen sind wir alle tot. Philosophisch gesehen, versteht sich.

Heute aber, am frühen Morgen, roch die Luft schon wieder derart südlich sommerlich nach Lindenblüten, nach Frankreich- und Italienurlaub – genau so wie in schönsten Kindheitstagen –, und die gar nicht unerträgliche Leichtigkeit des Seins legte sich wie ein zarter Schweißfilm auf Körper, Geist und Seele.

Selbst uralte deutsche Fußballerweisheiten geraten da ins Wanken. "Kein Sex vor dem Spiel" hieß es immer. Die Kraft muss aufgespart werden für Torschuss und Blutgrätsche. Lieber 'ne anständige Massage von Erich Deuser. Sex schadet nur der Konzentration aufs Wesentliche. Das bringt doch nix. Erst recht bei dieser schwülen Hitze.

Gestern aber, zehn Minuten vor dem Anpfiff des Spiels Ecuador-Deutschland, gellten spitze Schreie der Lust durch den begrünten Hinterhof zwischen Großer Hamburger und Oranienburger Straße, die man lautmalerisch beim besten Willen nicht wiedergeben kann. Pünktlich zum gemeinsamen Absingen des Deutschlandliedes jedoch war der Geschlechtsakt, so weit zu hören, erfolgreich beendet.

A propos: Der Vorsitzende der Lehrergewerkschaft GEW, Ulrich Thöne hat sich offiziell entschuldigt. Mit der Neuauflage einer Broschüre von 1989, in der texthermeneutisch, tiefenpsychologisch und musikhistorisch schärfste Kritik an der Nationalhymne geübt wurde, habe man sich keinesfalls für deren Abschaffung ausgesprochen. Im Gegenteil:

"Wenn heute junge Fußballfans die Nationalhymne singen, tun sie das aus Lebensfreude und zur Unterstützung der deutschen Mannschaft."

Ei der Daus, Potzblitz und horschemal! Wer hätte das gedacht! Wer kommt denn auf so was!

Ausgelassener Fußball-Fan nach dem 3:0 gegen Ecuador: "Lebensfreude und Unterstützung der eigenen Mannschaft"
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Getty Images

Ausgelassener Fußball-Fan nach dem 3:0 gegen Ecuador: "Lebensfreude und Unterstützung der eigenen Mannschaft"

Lebensfreude und Unterstützung der eigenen Mannschaft!!??

Aber gut. Nun haben wir auch noch die amtliche Genehmigung der GEW.

Ist denn überhaupt niemand mehr dagegen? So wie früher?

Wenn jetzt auch noch ein konsequentes Rauchverbot in öffentlichen Räumen verhängt werden sollte und Pfeifenliebhaber Günter Grass publizistischen Hausarrest bekommt, bleibt eigentlich nur noch die "Frankfurter Rundschau" übrig, das Äppelwoikanönsche des südhessischen Bembelsozialismus.

In ihrem gestrigen Feuilleton versuchte sich ein sichtlich ambitionierter Schwerdenker unter dem programmatischen Titel "National-Klamauk" an einem Rundumschlag gegen WM-"glotzende Teutonen" und die "dreiste Unbekümmertheit" geschichtsvergessener publizistischer Sinnstifter.

Na endlich, denkt man, gib's uns mit Horkheimer und Adorno, analysiere die weltweiten Zusammenhänge und mach uns geschichts- wie moralphilosophisch richtig fertig!

Motto: Von wegen, das Runde muss ins Eckige! Das ist, so die "FR", der pure Populismus einer außer Rand und Band geratenen Kulturindustrie, die nicht weit vom Medienfaschismus haust.

Nein und nochmals nein!

Richtig ist und bleibt:

"Das Ganze ist das Unwahre" (Adorno).

So etwa hatten wir gehofft. Doch was lesen wir stattdessen? Ein verquastes Deutsch, das nicht einmal den abwesenden Gedanken angemessen ausdrücken kann. Kostprobe:

"Als bemerkenswert erweist sich nun die mit der Normalisierung einhergehende neue Unbekümmertheit, die ursächlich allerdings eher auf die als Globalisierungsdruck und Sozialstaatsversagen in die Gesellschaft hineinkommunizierte Krisenstimmung zurückgehen dürfte..."

Alles klar?

Es hilft also nichts. Die Party geht weiter, und der Pegel steigt. Auf 9 Punkte.

Bis morgen und Glück auf, Deutschland!

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