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21.06.2006
 

Ranking-Mania im TV

Kann ich's nochmal sehen?

Von Christian Buß

Ob Disco-Hysterie, Adelsskandale oder deutsche Helden: Ranking- und Nostalgie-Shows boomen im deutschen Fernsehen. Woraus speist sich die Lust am ewig Gleichen? Aus dem Frust am stetig Neuen und Ungewissen.

Erinnern Sie sich noch an Elmar Gunsch? Ende der Siebziger moderierte er die Nostalgieshow "Wiedersehen macht Freude". Mit Augenzwinkern und Bassstimme präsentierte der Silberbartträger "Kabinettstückchen" aus Filmklassikern. Gunsch warf sich schon mal kokett den Seidenschal um den Hals, gelegentlich trug er Pullunder und offenen Hemdkragen. Das waren saloppe Auftritte für jene Ära, als das deutsche Fernsehen zwar noch jung war, sich aber umso gesetzter zu geben versuchte.

"Disco Mania"-Moderatoren Schöneberger, Bach: Wiedersehen!
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RTL

"Disco Mania"-Moderatoren Schöneberger, Bach: Wiedersehen!

Lang ist’s her; in der Zwischenzeit hat sich die Müllaufbereitung zu einem der wichtigsten Segmente der heimischen Fernsehindustrie entwickelt. Keine Woche vergeht, in der nicht mindestens eine neue Ranking- oder Nostalgieshow ausgestrahlt wird, mit der man vergangene Moden, Marotten und Glücksmomente medial recycelt. Diese Woche sind es gleich drei: "Disco Mania", "Die besten deutschen Spielfilme" und "Die zehn größten Adelsskandale". "Wiedersehen macht Freude", Gunschs einst arglos formulierte Filmfanbotschaft, ist längst zum schamlos lancierten Universalrezept des TV geworden.

Zum wiederholten Mal: Orientierung!

Die Gunschs von heute heißen Oliver Geissen, Ingolf Lück oder Dirk Bach. War ihr Vorgänger so leger wie ein leicht gelockerter Schlips, geben sich die Epigonen so ungezwungen wie ein offener Hosenstall. Nichts ist ihnen heilig und kein Medienunrat zu unappetitlich. Alles wird verwurstet, gern auch mehrmals. Das Kalkül hinter der exzessiven Wiederaufbereitung: Die Sender werden ihren Abfall los, schinden dabei Sendeminuten raus - und wissen überdies auch noch ein informationsüberdrüssiges Publikum an sich zu binden.

Denn mit nostalgischen Gelüsten allein ist das Phänomen des Wiederaufbereitungsfernsehens nicht zu erklären. Vielmehr finden die an der modernen Mediengesellschaft verzweifelnden Zuschauer inmitten der Zeichen und Botschaften, die auf unzähligen Kanälen auf sie einprasseln, beim Tele-Recycling vertraute Bilder und Klänge. Auf einmal erscheint die komplexe und beschleunigte Mediengesellschaft wieder nachvollziehbar. Saubere Zehner-, Fünfziger- oder Hunderterlisten der "besten", "schönsten" oder "nervigsten" Personen, Augenblicke oder Songs suggerieren Überschaubarkeit und Transparenz.

Dabei ist das deutsche Recycelfernsehen in Wirklichkeit eine Kiste, in die kein Licht von außen dringt. Denn es speist sich nur aus sich selbst. Besonders deutlich konnte man das bei Oliver Geissens "Ultimativer Chartshow" sehen, von der RTL gerade zwei Folgen brachte. In der Ausgabe zu den 50 größten One-Hit-Wonders ließ man einige der Lieder von Ein-Hit-Sternchen wie Alexander nachsingen, die man sich zuvor in der sendereigenen Castingshow "Deutschland sucht den Superstar" herangezüchtet hatte. Zuerst hatte man die Sendung 2003 ausgestrahlt, es war also die Wiederholung der Wiederholung.

Das A und O für B-Promis

Der Zuschauer, gefangen in der Endlosschlaufe: Überall reden die gleichen B-Promis mit ihren Erinnerungen an Lieblingssongs und Modesünden dagegen an, in die C- oder D-Liga abzusteigen. Sie sitzen in Panels oder vor Rückprojektionen lustiger Videos: Komiker, deren Sendung gerade abgesetzt wurde; ehemalige Viva-Moderatorinnen, die sich nach neuen Aufgaben sehnen; und immer ist eine von der aufgelösten Mädchenband No Angels dabei. Indem sie in den Oldie-Paraden ans kollektive Gedächtnis appellieren, versuchen diese verzweifelten Promis selbst dem Vergessen zu entrinnen.

Unlängst hat es auch Barbara Schöneberger ins Zwischenreich verlöschenden Ruhms verschlagen. Schöneberger war eine Zeitlang die lustigste Frau des deutschen Fernsehens, jetzt führt sie für RTL neben Dirk Bach Tänze und Kostüme vergangener Moden auf. Letztes Jahr wurden "Dirty Dancing" oder "Abba" in den Motto-Shows ihrer "Mania"-Reihe verschrottet, nun drehen sie die Nostalgie-Klamotte mit dem Thema "Disco" weiter. Es dürfte wieder ein Ringelpietz mit Anfassen werden, dessen Witze sich aus Schönebergers großer Oberweite und Bachs kleinem Wuchs speist.

Dass Ironie kein Mittel ist, um auf Distanz zur Retro-Manie zu gehen, zeigte sich schon mehrfach. Den deutlichsten Beweis erbrachte wohl Ingolf Lück, der eigentlich mit einem instinktsicheren Humor gesegnet ist. Für ProSieben organisierte er Hitparaden, in denen er die 100 nervigsten Deutschen präsentierte - von denen er einige als Gäste im Studio hatte. Inzwischen ist Lück zum Wiederholsender Kabel 1 abgestiegen, wo er gerade einen Queen-Gedächtnisabend samt einem digital wiedererweckten Freddie Mercury präsentierte. Gruselig.

Mit souveräner Kaltschnäuzigkeit hat sich indes Sonja Zietlow in die Retro-Routine gefügt. In unregelmäßigen Abständen bündelt die RTL-Söldnerin ("Ich bin ein Star - holt mich hier raus") Archivmaterial zu recht beliebigen Charts. Diese Woche sind "Die 10 größten Adelsskandale" dran - falls jemand vergessen haben sollte, dass die sympathische norwegische Prinzgemahlin Mette-Marit mal ein "wildes Party-Girl" war.

Ein Trecker hat Anhänger - im Fernsehen

Und die öffentlich-rechtlichen Sender? Die haben so ihre eigenen Strategien entwickelt, beim Erinnerungswahn mitzumischen. Neben dem ZDF, wo man Ranking-Blockbuster mit Johannes B. Kerner ("Unsere Besten") ausstrahlt, engagiert sich besonders N3 in der Fernsehchartsproduktion. Zu meist vorgerückter Stunde wird hier die Sehnsucht nach dem Vergangenen mit Eigenwerbung und bizarrem norddeutschen Lokalpatriotismus verquickt.

Nach den "lustigsten Fernsehpannen" aus dem eigenen Hause werden bald die "beliebtesten Trecker" präsentiert. Im Internet appelliert der NDR: "Sie wählen Ihren Oldtimer-Trecker, und wir machen daraus eine Sendung." Prinzipiell kann mal also zu jedem Thema ein Ranking erstellen. Man muss dem Publikum nur suggerieren, es partizipiere daran. Diese Woche allerdings gibt man sich bei N3 geradezu klassisch und spult kommentierte Ausschnitte aus den "100 besten deutschen Spielfilmen" ab - von "Der Kongress tanzt" über "Die Feuerzangenbowle" bis zu "Das Boot".

An dieser Auswahl hätte sicherlich auch Elmar Gunsch, der Pate der deutschen Fernsehnostalgie, seine Freude gehabt. So landet das Fernsehen bei aller Erinnerungsarbeit immer wieder nur - bei sich selbst.


"Disco Mania"
, heute, 20.15, RTL
"Die besten deutschen Spielfilme", Donnerstag, 22. Juni, 22.30 Uhr, N3
"Die zehn größten Adelsskandale", Freitag, 23. Juni, 20.15 Uhr, RTL

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Zustimmung, wie sonst ist sogar der gebannte Blick der Massen auf den U-Bahn Infoscreen zu erklären. mehr...

10.04.2007 von inci:

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ganz so schlimm ist es ja nicht. sudoku auf ard / zdf ist schon ziehmlich anspruchslos. wobei an ein "Deal or no Deal" kommt nie ein ÖR-Sender ran (-: mehr...

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