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30.06.2006
 

Mohrs Deutschlandgefühl

Don't cry for us, Argentina

Von Reinhard Mohr

Gehorchen Sie heute Ihrer inneren Stimme: Stehen Sie auf, halten Sie die Spannung! Raus aus dem Bett, runter vom Sofa, hinaus auf die Straße. Denn da gibt es an diesem Schicksalstag Zeichen und Wunder zu bestaunen. Sie werden es nicht glauben.

"Steh' auf, wenn Du Deutscher bist!", rief es mir heute früh von irgendwo her ins Ohr, noch früher als sonst und ziemlich laut. Nein, es kam nicht von draußen, von der Straße, auf der zuweilen Jugendliche mit "Alles-für-den-Sieg!"-Gebrüll umherziehen und so ihr filigranes Geschichtsbewusstsein unter Beweis stellen.

Nein, es war eine innere Stimme.

Aber ich wollte eigentlich gar nicht aufstehen. Nicht, dass ich etwa Angst vor dem Tag der Entscheidung hätte oder mich nicht angesprochen fühlte, aber ich wollte noch ein bisschen das unschuldige Reich des Halbschlafs genießen, in dem sich Traum und Wirklichkeit so schön mischen.

Doch dann erinnerte ich mich, was Diplom-Psychologe Ulrich Kuhl zur Lage der Nation gesagt hat: Das hohe Bedrohungspotential, im Versagensfall am öffentlichen Pranger zu stehen, verwandle sich in ein gesteigertes Herausforderungspotential bei jedem einzelnen...

Also nahm ich, so wie unsere Nationalmannschaft, die Herausforderung entschlossen an und stand auf. Und man spürt es gleich, "der Wahnsinnsdruck ist wesentlich geringer geworden, jetzt bestimmt eher das Hochgefühl, den Berg nach harter Kletterei bald geschafft zu haben."

Dann geh'n wirs also an.

Argentinische Fans in Buenos Aires (beim Spiel gegen die Niederlande): Dann gehen wir's also an...
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AP

Argentinische Fans in Buenos Aires (beim Spiel gegen die Niederlande): Dann gehen wir's also an...

"Don't cry for me Argentina/ It won't be easy, you'll think it strange/ When I try to explain how I feel..."

Überall sucht man jetzt nach Erklärungen und Prophezeiungen, nach Zeichen und Wundern. Und es gibt sie.

Als ich gestern Nachmittag zu einer letzten Kontrollfahrt durch den Bezirk aufbrach, wollte ich es erst selbst nicht glauben: An der Oranienburger Straße in Höhe Monbijoupark parkte ein waschechter dunkelblauer Rolls Royce mit britischem Kennzeichen. Auf der - rechten (!) - Fahrerseite prangte wie selbstverständlich die schwarz-rot-goldene Fahne.

"Das ist nicht mehr normal!", entfuhr es einem vorbeilaufenden Paar. Aber was ist in diesen Tagen schon "normal"?

Eine Berliner Gruppe Fans von der Elfenbeinküste ist nach dem Ausscheiden ihrer Mannschaft einfach hier geblieben und unterstützt nun Deutschland mit Pauken und Trompeten. Dasselbe gilt für WM-Gäste aus Angola.

Nur Österreich verweigert sich wieder einmal. Der Cheftrainer der frustriert zu Hause gebliebenen Alpenösis, Josef Hickersperger, hält Argentinien für den "logischen Weltmeister". Ein echter Kaiserschmarrn.

An der nächsten Straßenkreuzung war das radelnde Deutschlandgefühl schon wieder dabei, sich wie in ganz normalen Zeiten über den allzu zögerlichen Vordermann aufzuregen - immer diese Ängstlichkeit, diese Unentschlossenheit -, als plötzlich eine Stimme von der anderen Straßenseite herüber drang. Sie klang zugleich brummend und krächzend, irgendwie vertraut:

"Na, von Dir hätte ich ja wenigstens ein schwarz-rot-goldenes Trikot erwartet!"

Haha.

Es war Joschka Fischer, angehender Gastprofessor in Princeton, im Übrigen "younger elder statesman". Sagt er selbst. Schöner Beruf. Auch er im dezenten Freizeitlook, ohne jede sichtbare Spur patriotischen Bekennertums.

Aber mit dem Herzen ist er dabei. Der Spirit stimmt.

Jetzt heißt es die Spannung halten.

Aber Achtung, Pegelwarnung! Heute könnte der Klinsimeter gesprengt werden.

Bis später und Glück auf, Deutschland!

Reinhard Mohr

Reinhard Mohr, Jahrgang 1955, studierte in Frankfurt am Main Soziologie und arbeitete als Autor für "Pflasterstrand", "taz" und "FAZ". Bevor er von 1996 bis 2005 als Kulturredakteur zum SPIEGEL ging, schrieb er unter anderem auch Kabaretttexte für Michael Quast und Matthias Beltz. Reinhard Mohr lebt und arbeitet als freier Autor in Berlin-Mitte. Letzte Veröffentlichungen : "Generation Z oder Von der Zumutung, älter zu werden" (Argon Verlag, 2004), "Das Deutschlandgefühl" (Rowohlt, 2005) und "Der diskrete Charme der Rebellion" (Wjs, 2007).

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