Von Reinhard Mohr
"Steh' auf, wenn Du Deutscher bist!", rief es mir heute früh von irgendwo her ins Ohr, noch früher als sonst und ziemlich laut. Nein, es kam nicht von draußen, von der Straße, auf der zuweilen Jugendliche mit "Alles-für-den-Sieg!"-Gebrüll umherziehen und so ihr filigranes Geschichtsbewusstsein unter Beweis stellen.
Nein, es war eine innere Stimme.
Aber ich wollte eigentlich gar nicht aufstehen. Nicht, dass ich etwa Angst vor dem Tag der Entscheidung hätte oder mich nicht angesprochen fühlte, aber ich wollte noch ein bisschen das unschuldige Reich des Halbschlafs genießen, in dem sich Traum und Wirklichkeit so schön mischen.
Doch dann erinnerte ich mich, was Diplom-Psychologe Ulrich Kuhl zur Lage der Nation gesagt hat: Das hohe Bedrohungspotential, im Versagensfall am öffentlichen Pranger zu stehen, verwandle sich in ein gesteigertes Herausforderungspotential bei jedem einzelnen...
Also nahm ich, so wie unsere Nationalmannschaft, die Herausforderung entschlossen an und stand auf. Und man spürt es gleich, "der Wahnsinnsdruck ist wesentlich geringer geworden, jetzt bestimmt eher das Hochgefühl, den Berg nach harter Kletterei bald geschafft zu haben."
Dann geh'n wirs also an.
"Don't cry for me Argentina/ It won't be easy, you'll think it strange/ When I try to explain how I feel..."
Überall sucht man jetzt nach Erklärungen und Prophezeiungen, nach Zeichen und Wundern. Und es gibt sie.
Als ich gestern Nachmittag zu einer letzten Kontrollfahrt durch den Bezirk aufbrach, wollte ich es erst selbst nicht glauben: An der Oranienburger Straße in Höhe Monbijoupark parkte ein waschechter dunkelblauer Rolls Royce mit britischem Kennzeichen. Auf der - rechten (!) - Fahrerseite prangte wie selbstverständlich die schwarz-rot-goldene Fahne.
"Das ist nicht mehr normal!", entfuhr es einem vorbeilaufenden Paar. Aber was ist in diesen Tagen schon "normal"?
Eine Berliner Gruppe Fans von der Elfenbeinküste ist nach dem Ausscheiden ihrer Mannschaft einfach hier geblieben und unterstützt nun Deutschland mit Pauken und Trompeten. Dasselbe gilt für WM-Gäste aus Angola.
Nur Österreich verweigert sich wieder einmal. Der Cheftrainer der frustriert zu Hause gebliebenen Alpenösis, Josef Hickersperger, hält Argentinien für den "logischen Weltmeister". Ein echter Kaiserschmarrn.
An der nächsten Straßenkreuzung war das radelnde Deutschlandgefühl schon wieder dabei, sich wie in ganz normalen Zeiten über den allzu zögerlichen Vordermann aufzuregen - immer diese Ängstlichkeit, diese Unentschlossenheit -, als plötzlich eine Stimme von der anderen Straßenseite herüber drang. Sie klang zugleich brummend und krächzend, irgendwie vertraut:
"Na, von Dir hätte ich ja wenigstens ein schwarz-rot-goldenes Trikot erwartet!"
Haha.
Es war Joschka Fischer, angehender Gastprofessor in Princeton, im Übrigen "younger elder statesman". Sagt er selbst. Schöner Beruf. Auch er im dezenten Freizeitlook, ohne jede sichtbare Spur patriotischen Bekennertums.
Aber mit dem Herzen ist er dabei. Der Spirit stimmt.
Jetzt heißt es die Spannung halten.
Aber Achtung, Pegelwarnung! Heute könnte der Klinsimeter gesprengt werden.
Bis später und Glück auf, Deutschland!
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Ich glaube, es sind nicht (nur) die äußeren Umstände. Jeden Tag mache ich persönlich die Erfahrung, dass man auch versuchen muss, Glück zu empfinden. Auf die eigene Stimmung achten, sich über die Ursachen schlechter Laune [...] mehr...
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Vielleicht liegt es am langen Winter und der Tatsache, dass die globale Erwärmung nicht dazu führt, dass hier im Januar schon die Blumen blühen. Trotzdem ändert sich was. Ich nehme immer mehr Lebensfreude wahr und denke, dass es [...] mehr...
Fast 3 Jahre nach der WM würde ich sagen, dass Deutschland nicht zum Land der Lebensfreude geworden ist :) Ich glaube, das ist ein eingefahrenes Muster - an Freunden erkenne ich oft, dass viele genauso viel oder wenig nörgeln wie [...] mehr...
Das ist ja nun alles längst wieder verflogen. Der Deutsche braucht organisierte Fröhlichkeit. Lässt man ihn allein, dann nörgelt er wieder nur rum. mehr...
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