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04.07.2006
 

Mohrs Deutschlandgefühl

Parmesan und Partisan

Von Reinhard Mohr

Wenige Stunden vor dem möglicherweise entscheidenden Spiel heißt es ruhig bleiben. Nicht provozieren lassen, nicht verrückt werden. Wir halten uns an eine von Schopenhauers Lebensregeln: Zu viel fürchten ist noch schlimmer als zu viel hoffen.

Wenn die anderen heute unruhig herumzappeln, sich den Mund über alles Mögliche fusselig reden und viel zu früh am Tage auf die angeblich beruhigende Wirkung von Hopfen und Malz vertrauen, um die Spannung bis 21 Uhr zu ertragen, dann sagen wir mit Horst Schlämmer aus Grevenbroich: "Kinder, macht euch nit verrückt!"

Nein, wir reden nicht über Torsten Frings, die Fifa und ihren famosen Blatter Sepp.

Wir haben Besseres zu bieten, wenige Stunden vor der Entscheidung, ob Deutschland am kommenden Sonntag im WM-Finale stehen wird oder nicht. Wir haben einen deutschen Philosophen, Arthur Schopenhauer. "Die Welt als Wille und Vorstellung".

Der Mann, in Danzig geboren und in Frankfurt am Main gestorben, kannte weder Francesco Tottis federleichte Wendigkeit im Strafraum noch Gennaro Gattusos Unerbittlichkeit im Abwehrkampf und schon gar nicht Horst Schlämmer aus Grevenbroich.

Aber er kannte das Leben.

Fünfzig "Lebensregeln" hat er um das Jahr 1850 formuliert, aphoristische Weisheiten, von denen selbst Jürgen Klinsmann und Jogi Löw noch lernen könnten.

Etwa Lebensregel Nr. 18: "Man muss seine Phantasie im Zügel halten in allen Dingen, die unser Wohl und Weh, unser Hoffen und Fürchten betreffen. Malt man sich in der Phantasie mögliche Glücksfälle und ihre Folgen aus, so macht man sich die Wirklichkeit noch ungenießbarer, man baut Luftschlösser und muss sie nachher, durch die Enttäuschung, teuer bezahlen. Aber noch schlimmere Folgen kann das Ausmalen möglicher Unglücksfälle haben: es kann, wie Gracián sagt, die Phantasie zu unserm hässlichen Henker machen..."

Wir verstehen: Zu viel fürchten ist noch schlimmer als zu viel hoffen.

Mut ist die Klugheit der Realisten.

Deutscher Fan: "Kinder, macht euch nit verrückt!"
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DPA

Deutscher Fan: "Kinder, macht euch nit verrückt!"

Vielleicht kam Jens Lehmann beim Elfmeterschießen mit Argentinien dieser konzentrierten Ruhe des Geistes am nächsten, die sich weder in flirrende Scheinwelten flüchtet noch durch düstere Drohgebärden einschüchtern lässt – eine Mischung aus abgeklärtem Gleichmut und leidenschaftlicher Bewegung.

Der geheimnisvolle kleine Zettel, den er aus seinem Stutzen zog, war womöglich das symbolische Scharnier zwischen beidem, zugleich eine ferne Erinnerung an den griechischen Helden Odysseus. Auch der hatte nicht wenige körperlich oder zahlenmäßig überlegene Feinde mit List und Geschick zur Strecke gebracht – am Ende sogar die versammelten Freier seiner schönen Frau Penelope. Historischer Hinweis für die Jungen: Heute wäre sie wahrscheinlich eine Spielerfrau und säße im VIP-Bereich der Haupttribüne.

Wir bleiben also, bei aller Hoffnung und Begeisterung, im Innersten ganz ruhig. Wir lassen uns nicht verrückt machen und schon gar nicht provozieren. Sollen die anderen nur staunen.

Als Nation der Dichter und Denker kennen wir die Metaphysik des Seins und sind durchaus in der Lage, über den Dingen zu stehen. Bestimmt erinnern Sie sich noch an die Szene, als Franz Beckenbauer nach dem WM-Triumph in Rom 1990 ganz allein über den Rasen des Stadions schlenderte, als sei er nicht von dieser Welt?

Inzwischen wissen wir: Beckenbauer hat Schopenhauer gelesen.

Wahrscheinlich auch Lebensregel Nr. 16: "In Arkadien geboren sind wir alle, d.h. wir treten in die Welt voll Ansprüche auf Glück und Genuss und bewahren die törichte Hoffnung, solche durchzusetzen, bis das Schicksal uns unsanft packt und uns zeigt, dass nichts unser ist..."

Der vor wenigen Jahren verstorbene Frankfurter Kabarettist Beltz hat Schopenhauers Lebensregeln, ja, sein ganzes Werk, einmal in zwei Zeilen mustergültig zusammengefasst:

"Parmesan und Partisan, wo sind sie geblieben?

Parmesan und Partisan, alles wird zerrieben."

Nur der Klinsimeter bleibt auf seinem Allzeithoch.

Bis morgen!

Reinhard Mohr

Reinhard Mohr, Jahrgang 1955, studierte in Frankfurt am Main Soziologie und arbeitete als Autor für "Pflasterstrand", "taz" und "FAZ". Bevor er von 1996 bis 2005 als Kulturredakteur zum SPIEGEL ging, schrieb er unter anderem auch Kabaretttexte für Michael Quast und Matthias Beltz. Reinhard Mohr lebt und arbeitet als freier Autor in Berlin-Mitte. Letzte Veröffentlichungen : "Generation Z oder Von der Zumutung, älter zu werden" (Argon Verlag, 2004), "Das Deutschlandgefühl" (Rowohlt, 2005) und "Der diskrete Charme der Rebellion" (Wjs, 2007).

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