Von Martin Wolf
Viele Monde sind vergangen, seit Winnetou zum ersten Mal ins Präriegras biss: Karl Mays Roman "Winnetou III", in dem der edle Häuptling der Apachen tödlich verwundet wird, erschien 1893. Zu früh, meinte Manitu, und auch einige Bleichgesichter (Filmproduzenten, Theaterintendanten) waren bald der Ansicht, Winnetou werde auf Erden dringender gebraucht als im Indianerhimmel. Winnetou darf nicht sterben, selbst wenn er wollte.
Winnetou muss jetzt nämlich zur Probe. Er stapft in die Sägemehl-Arena von Bad Segeberg, Norddeutschlands Indianer-Reservat, und versucht, Würde auszustrahlen, auch ohne Kostüm. Statt der üblichen Wildlederkluft mit Fransen trägt er heute ein Fußballtrikot, das deutsche, weiß mit schwarzen Streifen auf den Ärmeln, ein Geschenk von Fans. Auf der Rückseite, über der Nummer 1, steht allerdings nicht "Winnetou", sondern "Mitic". Doch das ist fast das gleiche.
Seit über vierzig Jahren ist Gojko Mitic hauptberuflich Indianer: 1964 begann der gebürtige Serbe als Apachen-Statist im Kinofilm "Old Shatterhand". Seit 1992 spielt Mitic jeden Sommer den Winnetou bei den Segeberger Karl-May-Spielen; in dieser Saison kann er die tausendste Vorstellung feiern. Tausend mal die Silberbüchse laden, Friedenspfeifen rauchen, blumige Sprüche deklamieren, ohne dabei zu lachen. "Deine Stimme ist kalt wie ein zugefrorener See im Winter", sagt Mitic in der neuen Inszenierung von "Winnetou III" ("frei nach Karl May"), die am vergangenen Wochenende in Bad Segeberg Premiere hatte.
Abschied von Bad Segeberg
"Winnetou III" bedeutet Mitic' Abschied von Bad Segeberg, von Winnetou, vielleicht sogar vom Indianer-Spielen. Mitic ist 66 Jahre alt. Wenn er im Sattel sitzt, merkt man ihm das kaum an ("Für mich ist Reiten wie Fahrradfahren"), aber zu Fuß bewegt er sich wie Brasiliens Stürmer Ronaldo an einem schlechten Tag. "Ich hätte es noch ein paar Jährchen machen können", glaubt Mitic, "aber ich wollte als Sieger aus der Arena gehen."
Mitic wurde in den sechziger Jahren eine Art Star, weil der Kalte Krieg auch mit Indianer-Filmen ausgetragen wurde. Die Front verlief ausgerechnet in Mitics Heimat Jugoslawien, das gerade von Filmproduzenten aus West und Ost als billige Amerika-Attrappe entdeckt worden war. Mitic studierte damals an der Sporthochschule in Belgrad, er konnte ein wenig deutsch, reiten und grimmig gucken. Das reichte für ein paar Nebenrollen in westdeutschen Karl-May-Produktionen. "Georg Mitic", hieß er schon mal im Abspann.
Dann warb ihn die DDR an und beförderte ihn sofort zur Chef-Rothaut. "Ich war neugierig auf die Zone", sagt Mitic, und das Zonen-Publikum war neugierig auf Mitic. Gleich der erste DDR-Western mit ihm in der Hauptrolle, "Die Söhne der Großen Bärin" (1966), wurde in ganz Osteuropa ein Riesenerfolg. "Weiter so, weiter so", lobte SED-Chef Walter Ulbricht.
1968 zog Mitic nach Ost-Berlin. Er drehte einen Indianerfilm nach dem anderen, in der Mongolei, im Kaukasus, auf Kuba; er verkörperte für viele DDR-Bürger Freiheit und Abenteuer, ein Held im Kollektiv. "Das Publikum hat mich festgehalten, nicht das System", sagt Mitic. "Ich hatte einen jugoslawischen Pass und konnte jederzeit nach West-Berlin fahren. Aber wenn man es kann, juckt es einen nicht mehr so sehr."
"Wie Kasperle-Theater"
Mit der Wende brach auch die DDR-Spielfilmproduktion zusammen. Glück für Mitic: Kurz darauf wurde im Westen eine Indianer-Stelle frei. Der ewige West-Winnetou Pierre Brice, einst Star der Karl-May-Filme, war nach 15 Jahren Abschiedstournee auf deutschen Freilichtbühnen selbst für Bad Segeberg zu alt; Mitic, elf Jahre jünger, wurde sein Nachfolger.
"Pierre Brice brauchte sich nur hinzustellen und den Applaus entgegen zu nehmen. Ich musste bei Null anfangen", erinnert sich Mitic. Noch immer hängt in der winzigen Segeberger Schauspieler-Kantine ein großes Winnetou-Plakat. Es zeigt Pierre Brice. Mitic dreht ihm demonstrativ den Rücken zu.
Es geht auch ohne Pierre Brice, so wie es bald auch ohne Gojko Mitic gehen wird. 260.000 Zuschauer kamen in der letzten Saison zu den Segeberger Karl-May-Spielen – mehr als in jedes Stadttheater. "Hier werden Erwachsene wieder zu Kindern", sagt Regisseur Nobert Schultze jr., der sonst Action-Serien wie das "Alphateam" inszeniert. "Es ist wie Kasperle-Theater."
Bei aller kalkulierten Naivität (Höhepunkt: ein echter Weißkopfseeadler im Tiefflug) haben die Macher ihren Sinn für Ironie bewahrt. Die Rolle des Schurken Santer, Winnetous mörderischer Gegner, besetzten sie mit Winfried Glatzeder, 61, einem anderen in der DDR berühmten Schauspieler ("Die Legende von Paul und Paula"). Glatzeder war einst Kleindarsteller im Indianerfilm "Spur des Falken", Hauptrolle: Gojko Mitic.
"Die Indianer lassen mich nicht los", sagt Mitic, den Bühnentod vor Augen. 72 Mal wird Winnetou in diesem Sommer in Bad Segeberg sterben, donnerstags, freitags und samstags sogar zweimal pro Tag. Ob dann wirklich Schluss ist?
In diesen Tagen wurde im brandenburgischen Templin, der Heimat von Angela Merkel, das "Eldorado" neu eröffnet, eine Westernstadt für Touristen. Die Betreiber denken auch über Indianer-Festspiele wie in Bad Segeberg nach.
Gojko Mitic war auch schon dort. "Der Saloon ist echt", schwärmt er. Aber dort auftreten? "Ich glaube nicht", sagt Mitic. Dementis klingen anders. Winnetou will weiterleben. Was soll er auch sonst tun?
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