Hat der neue Gott also noch Gegner? Da gibt es noch diese Protestaktionen von attac und ähnlichen Gruppen. Sie werden so lange scheitern und sich in Einzelaktionen verlieren, als sie eines nicht begriffen haben: Sie müssen erst einmal selbst Kirche werden und dabei ihre Unschuld verlieren. Auch wem das widerstrebt, wer die Massen gewinnen will, braucht nun einmal eine professionelle Organisation, einfache Symbole, wenige, aber dafür einprägsame Glaubenssätze (Zehn Gebote) und eine charismatische Führungspersönlichkeit, auf die man sich nach ihrem Tod noch berufen kann. Das alles fehlt diesen Protestbewegungen. Da helfen auch keine postmodernen Ideologeme. Man wird einfach nicht ernstgenommen.
Gibt es also aktuell eine Gegenreligion zum Gott Markt? Wer wird es schaffen, die Weltöffentlichkeit in seinen Bann zu ziehen? Wer verbreitet Angst und Schrecken bei den Anhängern der Marktreligion im Namen einer anderen Religion? Wo sind Menschen nicht bereit, sich der Lebensweise der modernen westlichen Marktreligion zu unterwerfen? Wir ahnen die Antwort bereits, aber begriffen haben wir sie noch nicht: Da gibt es Menschen, die sich opfern, weil sie an etwas völlig anderes glauben; die zu sterben bereit sind und im Versprechen auf ein Himmelreich selbst zur Waffe werden, um andere, möglichst viele, mit in den Tod zu reißen. Sie werfen ihr Leben weg, um mit letzter Gewalt für eine höhere Sache Zeugnis abzulegen, indem sie sich, Landsleute, insbesondere aber Ungläubige, Andersgläubige, Verräter, Westler töten.
Unsere eigene alte Glaubensgeschichte ist voll von solchen Ereignissen, wir haben es nur vergessen. Unsere Märtyrer sind zu Kunst erstarrt und zur Historie erkaltet. Sie stehen leblos in alten Kirchen oder Museen herum. Schauen wir noch einmal auf die Anfänge der Christenheit. Hervorgegangen aus der verzweifelten Situation in einer Weltgegend, die stets von irgendeiner Großmacht besetzt war und in der sich verschiedene radikalisierende Minderheiten das Ende der Welt herbeiwünschten, damit ein heiliges Königreich entstehe. Für den Glanz des Hellenismus, seine Kultstätten, Arenen und Prunkbauten, seine prassende Oberschicht, selbst für die Hohepriester der eigenen Religion hatten sie nur Verachtung. Zuletzt wollte man sich auch den Römern nicht unterwerfen, man setzte dem Imperium der Statthalter, des Kaisers ein anderes Imperium entgegen, ein Reich Gottes.
Sie galten aus der Sicht der Herrschenden alle als Terroristen - im damaligen Sprachgebrauch Räuber (lestai, latrones): Zeloten (Eiferer), wahrscheinlich hervorgegangen aus einer jüdischen Sekte, die den Römern die Steuerzahlung verweigerte; Sikarier (Dolchmörder), die auch Priester ermordeten, weil sie Verrat an der Religion begangen hatten, d.h. zu sehr mit den Besatzern sympathisierten; Essener, die eher quietistisch auf das Ende der Zeit warteten; und viele andere Grüppchen, über die wir heute (wie über Qumran) nur Vermutungen anstellen können; und eben Christen, die damals noch nicht so hießen, sondern Nazarener, Jesusleute, die bereit waren, für Ideen zu sterben, die kein normal gebildeter Zeitgenosse verstehen konnte, einen gekreuzigten Gott - ein unvorstellbarer Irrsinn für die Gebildeten damals. Wir wissen, was daraus geworden ist.
Bahnt er sich erneut an, ein Glaubenskampf, ein Glaubenskrieg? Nein, denn er ist schon da; es sind nur die zaghaften, ersten Vorläufer, tastende Versuche, die uns, die wir in über einem halben Jahrhundert Frieden aufgewachsen sind, aufscheuchen wie die Hühner. Aber das sind nur die ersten Versuche, Anfänge für das Zeitalter eines neuen Glaubenskampfes, Testversuche für Kommendes. Präsident Bush gibt vor, zu wissen, worum es geht. Er gibt sich als Gläubiger und lässt seine Reden von Theologen schreiben. Nein, es geht nicht bloß um Öl, dummes materialistisches Missverständnis. Sicherlich, darum geht es auch, denn Öl ist ein wichtiger Garant für das, worum es im Kern wirklich geht: Es geht um die Lebensweise, es geht um den Way of Life, um den American Way of Life, dem wir (nicht nur wir) im sogenannten Westen weitgehend anhängen und den wir überwiegend von amerikanischen Soldaten beschützen lassen. Die Weltmacht erklärt ihre Kriege im Kampf und den Schutz ihrer Lebensweise. Das ist ihre Mission, das legitimiert das Imperium.
Dieser Way of Life ist das Werk eines voraussetzungsvollen Glaubens an den Markt als Gott. Er bietet Freiheiten, Wahlchancen, erzeugt Warenfetischismus, bietet Lebensziele, stiftet Karrieren. Der Markt macht Sinn. Er erzwingt eine spezifische Lebensweise, speist sich aus dem Glauben an bestimmte Wertvorstellungen und Überzeugungen, bei denen offen oder unterschwellig geleugnet wird, dass sie nicht überall und für jeden selbstverständlich sind.
Da sich der Markt als Gott und seine Anhänger gerade erst allem und jedem überlegen glaubten, können sie noch gar nicht so recht glauben, dass der American Way of Life möglicherweise nicht für jeden das Endziel der Menschheit, das "Ende der Geschichte" darstellt. Da bringt es auch nichts, die Gegner als "mittelalterlich" oder "rückständig" zu karikieren. Da meinen es einige wirklich ernst und halten uns für heuchlerische, ungläubige Hurenböcke, Ausgeburten der Hölle, die von Werten reden, wenn sie den Markt meinen. Die wollen einfach nicht akzeptieren, wie unsere Frauen herumlaufen, wie wir reden, was unsere Medien für Bilder ausstrahlen; sie verachten unser Weltbild und predigen gegen unseren Lebenweise an. Sie halten uns für Tiere, die mit gespaltener Zunge reden.
Sie testen unseren Glauben, sie erproben die Anfälligkeit unseres Glaubens, des Glaubens an die Ware, den Preis, den Konsum, an Angebot und Nachfrage, kurz: an den Markt. Haben wir etwas entgegenzusetzen? Unser Gott, dieser Markt, ist anfällig. Seine Erprobung durch Anschläge und Terror bringt etwas Schreckliches zu Tage, nicht nur die unschuldigen Toten: seine Anfälligkeit, seine mögliche Unbeständigkeit. Dieser Markt, seine Tempel, seine Institutionen und Priester brauchen Straßen, Schiffe, Computer, Pipelines, elektrische Leitungen. Dieser neue Gott, er kommt schnell ins Wanken, ist sehr nervös, reagiert empfindlich.
Das Schlimmste: Da stellt es sich heraus, dass dieser Gott doch eine Geschichte hat, dass er kein unangreifbares, höchstes, unabhängiges Wesen ist. Dieser Gott hat eine zivilisatorische, technologische Vorgeschichte. Das ist nichts Besonderes. Aber dieser Gott Markt ist von so vielem abhängig, ist so angreifbar, ein richtiges Sensibelchen. Zwar ist er inzwischen umgreifend und weltumspannend, aber dadurch auch kompliziert und empfindlich.
Sind wir in unserer postheroischen Glaubenskultur bereit, unseren Gott zu verteidigen, stehen wir für ihn ein? Was passiert mit unserem Gott? Welcher Gott wird sich am Ende als der Stärkere erweisen? Da gab es schon einmal ein Zeitalter der Glaubenskriege. Das haben wir in Europa bereits durchgemacht. Vielleicht ein Drittel der Bevölkerung hat es gekostet. Am Ende all der Bürgerkriege stand der absolute monarchische Staat. Da musste sich eine Staatsgewalt herausbilden, um all die streitenden Parteien niederzuhalten.
Was wird in hundert Jahren sein? Der absolute Weltstaat? Eine Macht, die uns zusammenzwingt, damit wir uns nicht gegenseitig vernichten. Wer wird all die gewaltbereiten Irren im Zaum halten? Wer schützt die U-Bahnen, die Banken, die Börsen, die Häfen, die Flugzeuge, die Industrien, die Speicher, die Kommunikationsnetze, die Moden, die Waren? Wer schützt uns? Wir sind anfälliger geworden, je mehr die Ansprüche mit unserem Way of Life gewachsen sind.
Wenn das alles überwacht und geschützt werden muss, weil es um die Verteidigung der Lebensweise geht, was werden wir dann für einen Staat haben, was wird die Freiheit dann sein? War das liberale Zeitalter nur eine kurze, fröhliche Zäsur, eine kleine Loveparade in der Weltgeschichte, eine beschauliche Phase vor dem totalen Weltüberwachungsstaat? Geht unsere Lebensweise im Schutz dieser Lebensweise verloren?
Der neue Gott Markt ist möglicherweise sterblich. Oder er schrumpft auf ein Maß, mit dem mehrere Religionen leben können.
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