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12.07.2006
 

Mohrs Deutschlandgefühl extra

Jürgen, wir haben verstanden

Von Reinhard Mohr

Auf dem Höhepunkt der Klinsi-Euphorie schmeißt der Bundestrainer ausgebrannt hin. Deutschland zu dienen, kann anstrengend sein. Nun wird Joachim Löw den "Spirit" der DFB-Elf weiter anfachen. Und wir? Wir müssen zeigen, dass wir von Jürgen Klinsmann etwas gelernt haben.

Als hätten wir’s geahnt. Wir müssen noch mal ran. Und das, obwohl Klinsimeter und Patriotismuspegel schon eingemottet waren und wir eigentlich ziemlich erschöpft sind. Urlaubsreif wie die meisten. Mannomann.

Aber: Klinsmann hat geschmissen und verabschiedet sich auf dem absoluten Höhepunkt. Die Nachricht des Tages zur Lage der Nation. Ein deutsches Sommerdrama nach der großen WM-Party.

Was immer Klinsmanns Motive insgesamt gewesen sein mögen – nicht nur er weiß: Bei der WM 2010 in Südafrika hätte er Weltmeister werden müssen, Europameister 2008 sowieso, um vergleichbare Emotionen auszulösen wie in diesen Tagen. Bis dahin aber hätten sie sich ausgebreitet wie ein niederbayerischer Hausschwamm – die Mühen der Ebene, die zähe Talsohle eines langgestreckten neuen Anlaufs, die täglich wechselnden Schlagzeilen der "Bild"-Zeitung, nicht zuletzt die reformresistenten Strukturen des Altherren-DFB.

Natürlich sprach Klinsmann nicht davon. Stattdessen nannte er in seinem ersten Statement auf der großen DFB-Pressekonferenz ausschließlich persönliche und private Gründe, und fast wären ein paar Tränen geflossen. Jetzt will er, "ausgebrannt" wie er sei, erst einmal ein halbes Jahr Urlaub machen. Deutschland dienen, das weiß auch Angela Merkel, ist eine verdammt anstrengende Sache.

Allerdings war Jürgen Klinsmann deutlich erfolgreicher als die derzeitige Bundeskanzlerin.

Nun also übernimmt der bisherige Co-Trainer Löw die Nachfolge. Vom Klinsi-Spirit zum Jogi-Effekt?

"Was bleibt von der Euphorie?", fragte gestern Abend das NDR-Info-Radio. Können wir etwas von der sensationell guten Stimmung in Deutschland während der WM in den Alltag hinüberretten, womöglich auch in die politische Auseinandersetzung? Man gab sich skeptisch, aber durchaus optimistisch. Warum nicht? Ein bissel was geht immer. Wir können auch anders. Das wissen wir jetzt.

Aber das war vor dem "Klinsi-Schock".

So geht es heute Morgen dem Deutschlandgefühl wie allen anderen Brüdern und Schwestern. Es weiß nicht so recht. Einerseits ist Klinsmanns Abschied, mitten im Aufbau einer neuen Nationalmannschaft mit einem neuen Konzept und einem neuen "Spirit", sehr bedauerlich, und die von ihm öffentlich vorgebrachten Gründe wirken nicht wirklich überzeugend.

Andererseits kann man ihn verstehen. In derselben Lage, und in Erinnerung an all das, was vor der großen Euphorie geschehen ist, hätten wir es wohl genauso gemacht.

Einen besseren Abgang gibt es nicht. Kalifornien wartet.

Vielleicht könnte man die Stimmung im Lande mit dem Morgen "danach" vergleichen, nach der knappen Niederlage gegen Italien im Halbfinale. Man war traurig, ziemlich traurig, aber nicht deprimiert oder gar verzweifelt. Schon gar nicht aggressiv oder gewalttätig. Denn das Auftreten der Mannschaft, die gab, was sie geben konnte, stimmte versöhnlich. Genauso wie die heitere Atmosphäre in den Stadien und drum herum. Den einen oder anderen machte das sogar ein bisschen Stolz.

Die frohe Botschaft: Auch so sehen Sieger aus.

Ein NDR-Info-Hörer, der zu diesem Augenblick in den Niederlanden war, erzählte gestern Abend, dass viele Holländer die Art und Weise, wie die Deutschen mit der schmerzlichen Niederlage umgingen, bewundernswert fanden. "Bei uns hätte es Krawall gegeben", hätten einige gesagt.

Das hatten wir allerdings auch bei uns befürchtet, und die Sicherheitswarnungen der "Stiftung Warentest" klingen uns noch im Ohr. Achtung Hooligans auf den Fanmeilen, Achtung Massenpanik auf den Treppenstufen! Und dann sind noch die Feuerlöscher falsch montiert...

Aber es kam ganz anders, wie so vieles bei dieser WM 2006. Als mit dem 3:1-Sieg über Portugal der dritte WM-Platz erobert war und wie ein Finaltriumph begangen wurde, ist noch einmal deutlich geworden: Die Deutschen können sich auch dann feiern, wenn sie nicht ganz oben auf dem Treppchen stehen.

Eine ganz neue Mischung von Ausgelassenheit und Bescheidenheit, Begeisterung und Realismus. Weit weg ist da jeder Fanatismus einer verklemmt-aggressiven Siegernation vergangener Zeiten. Tatsächlich ein neues Deutschlandgefühl. Das bleibt.

Zurück zu Klinsmanns Rücktritt: Könnte es nicht sein, dass wir nun ähnlich reagieren – dass viele enttäuscht, ja traurig sein werden und dennoch optimistisch nach vorn blicken? Denn die Lektion ist ja gelernt. Wir haben gesehen, wie es gehen kann. Irgendwie sind wir in den letzten Wochen auch ein bisschen erwachsener geworden.

Vielleicht hilft hier die Weisheit eines Eishockeyspielers. Wayne Gretzky, Profispieler aus Kanada, sagt: "Don't skate where the puck is, skate where the puck will be!”

Es gilt, die Flugbahn zu ahnen. Der Weg ist das Ziel. Es kommt auf die Bewegung an

Jogimeter, übernehmen Sie!

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