Mittwoch, 10. Februar 2010

Kultur



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27.07.2006
 

"Rheingold"-Premiere in Bayreuth

Die Götter müssen entrückt sein

Von Werner Theurich, Bayreuth

Rheintöchter, cool wie Models an einer Bar, hilflos herumstehende Götter. Die "Rheingold"-Inszenierung, mit der gestern Abend in Bayreuth Tankred Dorsts neuer "Ring"-Zyklus eröffnet wurde, blieb nebulös. Auch wenn Sänger und Orchester zu Recht bejubelt wurden.

Leise, ganz leise beginnt das Drama. Bewegt und bewegend, strömend und perlend wird die Welt der Rheintöchter in klarem Es-Dur eingeführt, Wellen und Wirbel entfalten sich. Die drei Grazien, Hüterinnen des Rheingoldes und durchaus kecke, keinem Schabernack abgeneigte Maiden, tänzeln und schweben in den meisten Inszenierungen des "Vorabends" von Wagners "Ring"-Zyklus verführerisch über die Bretter, um den schwer verliebten Tunichtgut Alberich zu necken, der ihnen die Unschuld und ihren Schatz abjagen will.

Doch hier halten sie sich zurück: Tankred Dorst, Spielleiter des diesjährigen "Rings", Theater-Ikone und ausgewiesener Mythen-Spezialist ("Merlin"), lässt sie lieber lässig posieren. Sie sitzen in rotweißen Designerroben auf den Rheinsteinen wie Models an der Bar. Soll der alte Alberich sich doch abmühen, unter Wasser nach ihnen zu jagen, diese Supergirls sind für ihn keine Beute. Ihr Gold aber schon, das holt er sich mit Gewalt. Die starre Pose: Sie schützt nicht vor Verlust. Das gilt für Rheintöchter und später auch für Götter.

Christian Thielemann, in diesem Jahr Dirigent des "Rings" in Bayreuth und in Interviews mindestens so lässig und nonchalant wie die Rheintöchter, zwirbelte das hochdelikate Vorspiel vom "Rheingold" differenziert und spannungsreich aus den Tiefen des Bayreuther Orchestergrabens, der zwar extra für den Ring konzipiert wurde, aber durchaus seine klanglichen Tücken hat.

Thielemann disponierte seine Orchesterkräfte am ersten "Ring"-Abend klug und konzentriert, selbst an den dramatischen Höhepunkten ließ er selten großen Überschwang zu, man spürte förmlich, wie er jeden Exzess vermeiden wollte. Nie zu laut, immer im perfekten Einklang mit dem Gesangsensemble. Wenn man eines schon nach der ersten Aufführung sagen durfte: Thielemann kann den reichen Vorschusslorbeeren gerecht werden. Seine preußische Disziplin, sein Klangsinn und sein Wagner-Faible sind halt eine geniale Kombination. Umso mehr, wenn sie innig und dienlich mit den Stimmen harmonieren.

Bei ihnen ragt vor allem Falk Struckmann als Obergott Wotan heraus, der sich von den beiden Riesen Fafner und Fasolt seine Trutzburg Walhall bauen lässt. Sein grundsolider Bassbariton, von keinem Zweifel angekränkelt, steht - buchstäblich - wie ein Denkmal. Tankred Dorsts Götter, allesamt als porzellanartige, weißgewandete Kunstfiguren ausstaffiert, sind nicht-menschlich angelegt, auf wohlfeile Aktualisierungen, die in der Vergangenheit so manche versucht haben, verzichtet er konsequent.

Loriots Wunsch war ihm Befehl

Dorst muss wohl den Wunsch des großen Humoristen Loriot gehört haben. Der erbat sich nämlich schon vor Jahren nach all den Wagner-Wotans mit Aktentasche endlich mal wieder einen Chef-Gott mit Speer: Den hat er nun bekommen. Mehr Speer als in diesem "Rheingold" geht kaum: Wotan lehnt dran, präsentiert ihn, schaut ihn versonnen an und legt die Waffe mit der funkelnden Spitze kaum je aus der Hand. Ein Gott der Posen wie seine Kollegen Donner, Froh und die Göttinnen Fricka und Freya. Erstarrt und ein wenig hilflos stehen sie der bösen Welt gegenüber, die sie doch eigentlich beherrschen sollten. Einzig der eloquente und smarte Gott Loge (brillante und strahlende Tenor-Töne: Arnold Bezuyen), der auch für die Kommunikation mit der Rest-Welt zuständig ist, bringt Bewegung, Ironie und Distanz ins Spiel - er tritt folglich auch nicht in purem Weiß, sondern mit grauglänzendem Lackmantel auf: Die Anti-Pose.

Die nach dem Burg-Bau leicht ungehaltenen und auf ihre Bezahlung pochenden Riesen Fafner und Faselt (angenehm souverän: Jyrki Korhonen und Kwangchul Youn) wollen die als Lohn versprochene Göttin Freya und das zugehörige Edelmetall heimführen. Wotan, ganz zeitloser Geschäftsmann, beschafft sich den Sold per Diebstahl des Rheingoldes, das er - zusammen mit einer praktischen Tarnkappe - dem Nibelungen Alberich abgaunert. Der hat inzwischen obendrein noch einen Macht versprechenden Ring aus dem Gold der Rheintöchter geschmiedet, den er nach dem Diebstahl vorsichtshalber mit einem vernichtenden Fluch belegt. Und der erweist sich fatalerweise als schlagkräftig. Wotans Misserfolg ist programmiert.

Die starren, eleganten Götter kontrastieren hart mit der Welt, in der sie agieren: Die "freie Gegend auf Bergeshöhen" der zweiten Szene ist eine schäbig graue Beton-Terrasse mit karger Burg-Baustelle im Hintergrund, Graffiti an einem armseligen Turm. Dazu dämmert eine einsame, trübe Laterne vor sich hin. Die Götter: Gestrandete in einem fremden Land. Auch der Ort Niebelheim, wo Alberich den Schatz hortet, versteckt sich hinter einer Fabrikfassade, die allerdings nur Tarnung für eine traditionelle Schatzhöhle ist. Durch die Bühnenaufbauten huschen mal ein heutiger Tourist, dann ein Hausmeister, aber niemand von ihnen beachtet die Götter und ihr Treiben - die Menschen haben andere Sorgen. Am Schluss finden spielende Kinder einen Ring und beginnen sofort, sich brutal um ihn zu streiten wie die mythischen Gestalten vor ihnen. Die Gewalt kam in die Welt und blieb.

Gleichsam versuchte Tankred Dorst, mit seinem "Rheingold", den Ring schon am Anfang zu schließen: Die Zeitlosigkeit der Mythen und die scheinbar zufällig hereinplatzende Gegenwart sollten vor Beliebigkeit der Bilder schützen. Doch die Brechungen wirken allzu gewollt. Dazu kommt billige Effekthascherei: Alberichs Verwandlungen finden in schlichtem brausendem Bühnennebel statt, die Zwergenhelfer des Goldräubers sehen aus wie kleine, rotäugige Schreckgestalten aus der Geisterbahn. Nicht zuletzt wirken die schroffen Kontraste von Frank Philipp Schlössmanns Bühnenbild unentschlossen: Am Ende ist die trutzige Burg Walhall nurmehr eine Idee aus psychedelischem, nebelhaftem Lichtzauber, in die die Götter Einzug halten.

Nach dem ersten Abend kann also vom "Ring" der Erleuchtung keine Rede sein, eher von einer diffusen Resignation. Aber es geht ja noch weiter - die Nebel können sich lichten. Das Publikum immerhin war vom verhaltenen Auftakt des neuen "Rings" begeistert: Einhellliger Jubel für Sänger und Orchester.

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