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29.07.2006
 

TV-Vorschau

Von dicken Kindern und dünnen Konzepten

Von Peer Schader

Die Telenovela ist nicht tot zu kriegen. Stefan Raab verzockt 500.000 Euro. RTL legt sich mit Sat.1 an, RTL2 macht dicke Kinder schlank. SPIEGEL ONLINE verrät, welche televisionären Grausamkeiten die Privatsender fürs kommende Jahr bereithalten.

Beim Fernsehen ist Weihnachten immer schon im Juli, kurz bevor die Leute aus den Freibädern, den Biergärten und dem Urlaub wieder nach Hause kommen und sich vor den Fernseher setzen. Dann laden die Sender zu kleinen Festen mit Prosecco und Krabbensalat, packen ihre schönsten neuen Programme aus, und alle, die da sind, dürfen mal eine fachmännische Einschätzung dazu abgeben. So wie: Oh, das ist aber eine gute Idee. Oder: Ach, das gab es so ähnlich doch schon einmal. Manch einer zieht es auch vor, zu schweigen.

Eines immerhin lässt sich schon jetzt sagen, bevor die meisten der angekündigten Programme überhaupt angelaufen sind: Was "Gute Idee!"-Ausrufe betrifft, muss man sich in diesem Jahr nicht verausgaben.

Trotzdem ein Schnelldurchlauf gefällig, was die privaten Sender alles in petto haben? Na gut: Stefan Raab moderiert auf ProSieben mit "Schlag den Raab" eine Art "100.000 Mark-Show", bei der Kandidaten aber eine halbe Million Euro gewinnen können. Hella von Sinnen und Hugo Egon Balder spielen bei Sat.1 mit lebenden Promi-Spielfiguren "Schiffe versenken", Vera Int-Veen bringt auf RTL schwer vermittelbare Muttersöhnchen unter die Haube, Kabel 1 gräbt Mike Krüger wieder aus, RTL2 macht dicke Kinder schlank und Vox – ja, Vox zeigt wohl noch mehr Koch-, Heimwerker- und Tier-Shows. Natürlich war das noch nicht alles. Aber den Rest kann man sich eigentlich denken.

Gestern Abend stellten ProSieben, Sat.1 und Kabel 1 beim "Big Picture"-Meeting in Düsseldorf ihre Programme für die neue TV-Saison vor, die im Herbst beginnt. "Ein paar Stunden, dann haben wir’s geschafft", lästerte Moderator Oliver Kalkofe zwischendurch, weil die Veranstaltung sich schier endlos hinzog. Konkurrent RTL informierte bereits Anfang des Monats in Hamburg über neue Programmideen, Vox folgt im August. Doch schon jetzt ist klar: Es wird erst einmal nicht darum gehen, welcher Sender die innovativsten Programme hat, sondern vor allem darum, wie der Showdown zwischen RTL und Sat.1 ausgeht.

Beide Sender haben ihr Vorabendprogramm neu strukturiert, um eine dritte Daily Soap (RTL) und eine weitere Telenovela (Sat.1) platzieren zu können. "Schmetterlinge im Bauch" soll ähnlich erfolgreich wie "Verliebt in Berlin" werden, das auch nach dem Finale mit Alexandra Neldel weitergeht, künftig aber mit neuem Hauptdarsteller und in direkter Konkurrenz zur RTL-Soap "Alles was zählt" mit Ex-Eiskunstläuferin Tanja Szewczenko.

Dass sich auf Dauer beide Sendungen durchsetzen werden, ist ziemlich unwahrscheinlich. Man dreht sonst ja durch bei so viel täglichem Herzschmerzkitsch, vor allem, wenn man vorher auch noch "Verbotene Liebe" und "Marienhof" in der ARD gesehen hat! Aber wie das nun mal im Fernsehen so ist: Was funktioniert, wird so lange kopiert, bis die Zuschauer sich satt gesehen haben.

Bei RTL mussten sie jedenfalls dringend etwas gegen den Erfolg von "Verliebt in Berlin" bei Sat.1 tun. Für seine Abwehrmaßnahme hat der Sender sogar das Krawallmagazin "Explosiv" geopfert, das künftig auf 18 Uhr vorrutscht und in vielen Bundesländern durch zeitgleiche Regionalprogramme komplett wegfällt. Die "Explosiv"-Konkurrenz "Blitz" von Sat.1 läuft – welch Überraschung! – dann zur selben Zeit. Wer hier wen kopiert hat, ist schwer zu sagen. Mit so einer Unsinnsprogrammierung wird sich allerdings keiner der beiden Konkurrenten einen Gefallen getan haben, weil sie damit bloß die Zuschauer ärgern.

Eine schlechte Nachricht: Die erhoffte Serienqualitätsoffensive ist vorerst abgesagt. Nachdem Sat.1 mit dem etwas eigenartigen Beziehungsdrama "Bis in die Spitzen" Ende 2005 übel baden ging, sehen die neuen Eigenproduktionen wieder so aus wie das, was man gewohnt ist: solides Serienfernsehen ohne große Überraschungen. Einzig "Allein unter Bauern", in der Christoph M. Ohrt ("Edel & Starck") als überzeugter Städter einen Job als Landbürgermeister erledigen muss, macht in der Vorschau einen ganz lustigen Eindruck.

Bei RTL, wo Barbara Thielen seit vergangenem Herbst als Fiction-Chefin aufräumen soll, tun sie sich mit neuen Serienformaten auch eher schwer. Angekündigt ist eine Anwaltsserie mit Kai Wiesinger und dem höchst originellen Titel "Die Anwälte" sowie eine Rechtsmedizinerserie mit Hannes Jaenicke ("Post Mortem"). Mehr als Anwälte und Mediziner fällt in Köln offenbar niemandem mehr ein, zumal schon etliche andere Kollegen bei RTL das Recht ergründen und obduzieren – vielleicht wäre eine Kombination mal ganz interessant.

Die ganz großen Serien kommen weiterhin aus den USA und laufen bei ProSieben: die zweite Staffel der Robinson-Mystery "Lost", Neues von den "Desperate Housewives" und "4400 – Die Rückkehrer" plus die Alien-Serie "Invasion". RTL hat sich das fürs deutsche Fernsehen etwas ungewöhnliche Historiendrama "Rome" gesichert, das vom "Sex and the City"-Sender HBO produziert wurde. Die künftige Dauerberieselung durch "CSI" auf RTL und Vox ist auch geklärt, während man bei Sat.1 ankündigt, eine ganz ähnliche Reihe in Eigenregie auf die Beine stellen zu wollen.

Nein, der ganz große Wurf ist nicht dabei. Nicht bei Kabel 1, das weiter die "Besten Filme aller Zeiten" zeigen will, aber immer stärker auf billige Shows wie "Darf man das?" mit Ingolf Lück und "Hilf dir selbst, sonst hilft dir Krüger" setzt. Bei RTL 2 wissen sie gerade sowieso nicht, wo ihnen nach all den Flops der Kopf steht und bringen eine Dokusoap nach der nächsten.

Ein Lichtblick immerhin: Bei ProSieben, das sich im Entertainment fast völlig auf Stefan-Raab-Events wie die Wok-WM verlässt, darf Christoph Maria Herbst als "Stromberg" weitermachen und Christian Ulmen in seiner ersten eigenen Serie als "Mr. Soft" auftreten. Dazu kommen eine neue Staffel "Germany's Next Topmodel", Oliver Pocher mit seinen "Bundesjugendspielen" als TV-Show und die "ProSieben Märchenstunden" mit Hella von Sinnen als Frau Holle und Ulmen als "Hans im Glück".

Er wolle seinen Sender wieder zu mehr Verlässlichkeit zurückführen, sagte ProSieben-Chef Andreas Bartl gestern Abend in Düsseldorf, weil die Markanteile in den vergangenen Monaten nicht besonders gut waren. Von Verlässlichkeit bei ProSieben war zuletzt wahrlich keine Spur – vor allem in der Führungsebene, weil ein Chef auf den nächsten folgte.

Christoph Maria Herbst, der die Präsentation seines Arbeitgebers in Düsseldorf co-moderierte, lästerte deshalb: "Mit ProSieben-Chefs ist's wie mit James Bond: Beide wechseln ständig, ohne dass es die Zuschauer interessiert, und tauchen immer erst dann auf, wenn die Lage schon so richtig scheiße ist."

Ein Trost ist sicher: Zumindest bei Bond geht hinterher ja trotzdem immer alles glatt. Und was bitte schön soll man vom Fernsehen sonst auch anderes erwarten?

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