Von Doris Plöschberger
Wahrscheinlich gibt es keine andere Sendung in der Fernsehgeschichte, die nach ihrem vor laufender Kamera verkündeten Ende so hartnäckig weiter besteht wie "Das literarische Quartett". Gestern Abend traten seine langjährigen Protagonisten im Kurhaus in Wiesbaden erneut zu einer Sondersitzung zusammen. Ergänzt um den Schriftsteller Peter Rühmkorf trafen sich Marcel Reich-Ranicki, Hellmuth Karasek und Irisch Radisch zum mittlerweile vierten Mal, seit sie sich im Dezember 2001 – vermeintlich endgültig – von ihrem Publikum verabschiedet hatten.
Glaubt man den Eröffnungsworten des Quartett-Vorsitzenden Reich-Ranicki, soll diese Ausgabe nun wieder die letzte gewesen sein. Man darf gespannt sein – und auf den nächsten Todestag eines großen deutschen Dichters warten, denn es waren jeweils Todestage (von Friedrich Schiller, Thomas Mann, Heinrich Heine), die den Anlass zum Revival gaben. Aktuell ist es der bevorstehende 50. des Dramatikers, Lyrikers und Theatertheoretikers Bertolt Brecht.
Mit dem vielfach zitierten und fast schon legendär gewordenen Satz "Meine Damen und Herren, dies ist keine Talkshow" leitete Reich-Ranicki vor fast 20 Jahren, im März 1988, die erste Sendung ein, und er setzte damals fort: "Was wir Ihnen zu bieten haben, ist nichts anderes als Worte, Worte, Worte…" An Worten wurde gestern Abend nach einigen Anlaufschwierigkeiten genug geboten, und den oftmals erhobenen Vorwurf, es handle sich beim "Literarischen Quartett" eben doch um eine Talkshow, war man bemüht zu entkräften.
Der Dichter und die Frauen
Wenige der potentiell talkshow-tauglichen Facetten von Brechts Lebens kamen zur Sprache. Natürlich, der Dichter und die Frauen, das war ein Thema: Dass er viele gehabt habe, nicht hintereinander, sondern vorzugsweise nebeneinander, berichtete Radisch. Aber ob er sie nun mies behandelt und auf mannigfaltige Weise ausgenutzt habe oder nicht, wurde als Frage nicht zugelassen.
Geredet wurde sehr allgemein über Brecht als Lyriker und Dramatiker. Reich-Ranicki, sichtlich müde an diesem Abend, blieb es vorbehalten, die einzige These zu formulieren: Brecht dürfe man sich nicht als politischen Menschen denken. Die "Passion seines Lebens" sei das Theater gewesen, Politik und Partei waren ihm immer nur Mittel, "sein Theater zu schaffen". Anlass zur Kontroverse gab dieser Vorstoß nicht, genauso wenig wie Radischs vehementes Plädoyer für die "Mutter Courage". Leider fragte niemand nach, ob ihrer Ansicht nach dieses Stück mit seinen holzschnittartigen Szenen aus dem Dreißigjährigen Krieg den Zusammenhang von Kapital und Krieg verdeutlichen könne.
"Schlechte Zeit für Lyrik", entstanden 1939 im Exil, heißt eines der bekanntesten Gedichte Brechts, in dem er die Bedingungen reflektiert, die ein Gedicht überhaupt erst hervorbringen. Nicht die Idyllen, so Brecht, verleiten ihn zur Poesie, sondern die Abgründe, "das Entsetzen über die Reden des Anstreichers".
Wenig Begeisterung für Brecht
Anlässe sich zu entsetzen, gibt es in diesen Zeiten genug, aber offenbar ist diese Zeit auch eine "schlechte Zeit für Brecht". Gerade mal fünfzig Jahre nach seinem Tod (am 14. August 1956) ist er in Deutschland kein bekannter Autor mehr, glaubt man einer vom Magazin "Bücher" in Auftrag gegebenen Umfrage. Seine Dramen und Gedichte werden nicht mehr gelesen, selbst das Interesse der deutschsprachigen Bühnen an seinen Stücken hat deutlich nachgelassen. Und von Begeisterung für sein Werk war auch in dieser Runde keine Spur.
"Ich schätze Benn, ich bewundere und liebe Brecht", sagte Reich-Ranicki unlängst im SPIEGEL-Interview. Aber von dieser Liebe und Bewunderung war in der Diskussion wenig zu merken, nicht bei Reich-Ranicki und auch nicht bei seinen Mitrednern. Immerhin, Rühmkorf setzte zu einer fundierten Darstellung der Entwicklung Brechts als Lyriker an, der man die Hochachtung des Poeten vor den Leistungen des Kollegen anmerkte. Aber ausgerechnet Brechts atemberaubend rabiate und gleichzeitig zärtliche Liebeslyrik, die besonders gut geeignet wäre, neue Leser anzulocken, fand in seinen Ausführungen wie in der Diskussion überhaupt kaum Beachtung.
Auch dieses Quartett endete wie alle anderen zuvor, mit dem hinlänglich bekannten und stets von Reich-Ranicki als Schlusswort gesprochenen Zitat aus Brechts "Der gute Mensch von Sezuan". Anders als Reich-Ranicki im Quartett äußert einer der Spieler am Ende dieser Parabel aber nicht nur Betroffenheit über die vielen offen gebliebenen Fragen, sondern Enttäuschung über das Stück selbst und sein "bitteres Ende".
Von einem "bitteren Ende" des "Literarischen Quartetts" zu sprechen, wäre übertrieben. Eine Enttäuschung war diese vielleicht endgültig letzte Ausgabe aber allemal.
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