Von Peer Schader
Wenn man dem Durchschnittsdeutschen Handy, EC-Karte und Federkernmatratze entführt, ist er der rauen Welt da draußen schutzlos ausgeliefert. Natürlich gibt es Menschen, die prima darauf verzichten können, sich morgens in volle U-Bahnen zu stopfen oder am Postschalter Schlange zu stehen, um das Paket vom Versandhandel entgegenzunehmen, das man nachher sowieso wieder zurückschickt. Aber die meisten wissen dennoch die Vorzüge einer heißen Dusche oder eines gut sortierten Supermarkts zu schätzen. Sonst hilft nur die Flucht in den Abenteuerurlaub.
Familie Düvel aus Wesel und die Sauerzapf-Kochs aus Kassel machen nicht den gerade Eindruck, als seien sie versessen darauf, sich mit der Machete durch den Dschungel Indonesiens zu schlagen oder morgens in der afrikanischen Steppe aufzuwachen. Dass sie sich trotzdem darauf eingelassen haben, ist die Schuld von Sat.1. Der Sender hat die Deutschen mit Sack und Pack in ein Flugzeug gesetzt, nachher noch mal in ein kleineres Flugzeug, dann in ein Boot und in einen Jeep; alle wurden kräftig durchgeschüttelt und nach einer endlosen Reise am anderen Ende der Welt von Gastfamilien empfangen, denen man nicht jeden Tag begegnet.
Entdeckung des Fremdkörpers
"Wie die Wilden – Deutsche im Busch" heißt die Reality-Doku, in der drei Familien für drei Wochen bei einem Eingeborenenstamm wohnen sollen, jeweils an unterschiedlichen Flecken mitten im Nirgendwo. Zwei davon stellt Sat.1 heute Abend in der Auftaktfolge der sechsteiligen Reihe vor. Und schon nach 45 Minuten ahnt man: Die Familien dürften ziemlich froh gewesen sein, nachher wieder heimzukommen.
Allein die Begrüßung durch die Mentawai, Bewohner der indonesischen Insel Siberut, schockt die Deutschen so sehr, dass sie am liebsten gleich wieder kehrtmachen würden. Nix mit Händeschütteln! Da wird ausgiebig gedrückt, umarmt und getätschelt. Allein Papa Georges, der zuhause im Job Grundstücke sucht, auf die Fastfood-Restaurants gebaut werden, kommt mit der überschwänglichen Herzlichkeit des Stamms zurecht und lässt sich geduldig schmücken und umdekorieren. Die Kinder allerdings sind genervt, soviel Fremde war ihnen bisher fremd.
"Die rotzen die ganze Zeit auf den Boden und betatschen mich!", beschwert sich der 14-jährige Vico, der sich an die heimische Playstation zurücksehnt und stattdessen zusehen muss, wie sein Vater beim traditionellen Hühneropferungsritual in Geflügelgedärmen wühlt. Die 18-jährige Thea empört sich derweil über die Übernachtungsrituale der Mentawai: "Ich schlafe nicht neben Leuten, die ich nicht kenne." Wenn sich Mama auch zuhause so aufs Töchterchen verlassen kann, ist's ja gut.
Sanitäre Emissäre
Den Düvels ergeht es im Norden Namibias beim Stamm der Himba nicht anders. Tochter Uta ist mit ihren acht Jahren völlig überfordert, als sie erfährt, dass alle Kinder ohne Eltern in einer separaten Hütte nächtigen sollen. Zum Glück holt die diplomatische Pädagogenmama beim Häuptling eine Ausnahmegenehmigung ein und beginnt, den Laden zu organisieren: "Jetzt finden wir erst einmal raus, wo wir Pipi machen." Das ist deutsche Gründlichkeit.
"Wie die Wilden" zeigt eine unterhaltsame Annäherung der Kulturen und kommentiert die kleinen Missverständnisse zwischen Gastgebern und Gästen süffisant-ironisch – selten auf Kosten der Stämme, sondern eher mit milder Häme für die deutschen Familien, die sich jedoch wacker schlagen. Vor der Abreise geben die Düvel-Damen noch zu Protokoll, ohne Dusche morgens nicht existieren zu können. Schon folgt der Schnitt auf die Himba-Frauen: "Wir waschen uns nie – unsere Körper sind noch nie mit Wasser in Berührung gekommen!"
Zum Frühstück wird Pampe und Sauermilch aufgetischt. Und bis sich auch zuhause eine Schlafzimmerdeko aus Affen- und Schweineschädeln bei Ikea durchsetzt, wird es wohl noch eine Weile dauern. Sat.1 hat für die Deutschen nicht mal einen Übersetzer mitgeschickt, lediglich die Zuschauer bekommen über Untertitel mit, was die Eingeborenen sagen.
Im Zeichen der Verständigung
Als einer der Himba die Handbewegung eines landenden Flugzeugs macht und fragt, ob die Familie mit so einem Ding hergekommen sei, erklärt Sohn Volker etwas voreilig: "Verstehe: Die Sonne geht unter." Aber was soll man machen, wenn man einander nicht versteht? Klatschen, um Zustimmung zu signalisieren – oder Englisch sprechen, weil das ja im Urlaub auch immer irgendwie geklappt hat? Immerhin weiß man jetzt, dass man auch in der afrikanischen Steppe Humor haben kann. Ein junges Himba-Mädchen versucht die weinende Uta aus Deutschland mit einem Scherz zu besänftigen: "Hab keine Angst. Wir essen keine Menschen."
Schön, dass Sat.1 es fertig gebracht hat, die Stämme nicht vorzuführen, sondern deren Traditionen als völlig selbstverständlich zu zeigen. Und den Deutschen gebührt Respekt: Ihr Anpassungswillen ans Fremde ist über jeden Kolonialherrendünkel erhaben.
"Vielleicht erkennt man durch so eine Reise, was wirklich wichtig ist im Leben", sagt Mama Sauerzapf-Koch zu Beginn des Abenteuers. Was das wohl sein mag? Vermutlich Handys. Und Federkernmatratzen.
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