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01.09.2006
 

Wickerts Abschied

Der Anchor ist gelichtet

Von Reinhard Mohr

Um ein Haar wäre gestern Abend der Atomstreit mit Iran gelöst worden - und gleich noch, sozusagen in einem Aufwasch, der Nahostkonflikt und die Jahrzehnte alte Frage eines endgültigen Friedens zwischen Israel und dem palästinensischen Volk. Fast.

Aber leider, leider konnte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier dem "lieben Ulrich Wickert" an seinem "ganz besonderen Tag" politisches Ungemach wieder mal nicht ersparen, obwohl er dem "Tagesthemen"-Moderator zum Abschied nach fünfzehn Jahren Dienst so gerne "einen gelösten Konflikt als Geschenk auf den Tisch gelegt" hätte.

Es hat nicht sollen sein. Doch es gab Wichtigeres gestern Abend: Wickerts letzte Worte am Ende seiner letzten "Tagesthemen". Was würde er sagen? Wird er gerührt sein? Gibt es wieder Blumen und standing ovations im Studio wie damals, als Hajo Friedrichs ging? Der deutsche Außenminister jedenfalls, der sein Farewell gleich ganz persönlich im Interview mit dem Moderator zum Besten geben konnte, war nur eine – freilich sehr prominente – Stimme im großen Abschiedschor.

Hochherrschaftlicher Rücktritt

Könige und Kanzler, Weltenherrscher und antike Propheten, Kassandra ausgenommen, hätten kaum triumphaler ihren Abgang zelebrieren können als Ulrich Wickert I., der aufgeklärte Monarch von der Hamburger Außenalster. Wie ein in allen Ehren entlassener Imperator trägt ihn die nationale Fernsehgemeinde in einer prächtig ausstaffierten Sänfte aus dem Kolosseum hinaus, und weit und breit sind keine Löwen zu sehen. Keine bösen Kritiker nirgends. Nur Wohlwollen und Elegien. Ach ja, Kinder, wie die Zeit vergeht. Und wie er damals mit dem Baguette unterm Arm über die Place de la Concorde marschiert ist. Grandios!

Seit Wochen tobt nun die mediale Ulrich-Wickert-Abschiedsgedenkschlacht in allen Medien, und mit seinem Günter-Grass-Interview zu dessen SS-Vergangenheit konnte er am Schluss sogar noch einmal eine schöne Extraportion Aufmerksamkeit auf sich lenken.

Während etwa der bedauernswerte Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee verzweifelt versucht, mit dem Vorschlag, Hartz-IV-Empfänger im Anti-Terror-Kampf einzusetzen, ein bisschen Publizität zu ergattern, reicht es Ulrich Wickert längst, eine "geruhsame Nacht" zu wünschen – und alle sind ganz aus dem Häuschen. Selbst jene Intellektuellen, die sich anschließend ihrer Kant-Lektüre im vorgewärmten Bett widmen.

Der Anchorman als Leitfigur

Gewiss, Ulrich Wickert hat ein bisschen mehr dafür getan, bekannt, ja berühmt zu werden, eine Ikone der Mediengesellschaft, eine Art Ersatzautorität im vagabundierenden Diskurs der Gesellschaft über Werte und Moral. Aber warum, um Gottes Willen, werden Fernsehmoderatoren, die einleitende und verbindende Sätze zwischen Nachrichten und Filmbeiträgen vom Teleprompter ablesen (klar: vorher selbst geschrieben!), derart zu Figuren öffentlicher Anbetung?

Warum scheint der großspurig "Anchorman" genannte Fernsehjournalist für viele tatsächlich eine Art Anker im Weltengetriebe zu sein, ein seelischer Katastrophenhelfer im Emergency Room namens Wohnzimmer? Warum verwechselt Oma ihn schon mal mit dem Bundespräsidenten oder Hans Meiser? Warum kriegt er tonnenweise Liebesbriefe, obwohl er doch nur Erdbeben, Kriege, Flutkatastrophen und die Mehrwertsteuererhöhung im Angebot hat? Warum wirkt er glaubwürdiger als die Bundeskanzlerin und fast so nett wie Günter Jauch?

Es kann nur daran liegen, dass der "Anchor" auch ein Schnuffel ist, ein intelligenzbegabter sprechender Teddy. Einer, an den man sich gewöhnt hat. Ein treuer Begleiter durch die Wechselfälle des Lebens, ein wahrer Freund. Nicht zuletzt: Ein Beruhigungsmittel im Weltenwahnsinn. Kurz: Ein Grandseigneur der teleprompten Eigentlichkeit, der mit wenigen Worten die Wasser teilt und im gleichen Augenblick, in dem die Katastrophennachricht serviert wird, schon wieder so etwas wie Contenance ausstrahlt und ein wenig Ordnung im Chaos schafft.

Die Botschaft: Solange Wickerts Krawatte sitzt und der immerwährende Kampf gegen Huster und Versprecher so vorhersagbar ist wie der Nahost-Konflikt, steht die Welt noch. "Mehr als eine Katastrophe pro Abend geht nicht", wusste schon Wickert-Vorgänger Hans-Joachim Friedrichs. Auch wenn es heute die eine oder andere mehr sein darf – die Zuschauer sollen nicht erschlagen werden. Nicht mehr jedenfalls, als unbedingt nötig.

Eine Ausnahme bildete der 11. September 2001, der jedes Maß sprengte und auch Ulrich Wickert an den Rand seiner Möglichkeiten brachte. Der apokalyptische Schrecken in Echtzeit überwältigte jeden Versuch, Abstand zu finden, gar Souveränität zu vermitteln. Für ein paar Stunden waren damals alle gleich angesichts des ungeheuerlichen Geschehens – von den Opfern abgesehen.

Fauxpas vom Grandseigneur

Später dann hat Ulrich Wickert ein bisschen der Interpretationsteufel geritten. Er wollte einmal gründlich nachdenken. So wie 1995, als er das 735-seitige "Buch der Tugenden" veröffentlichte und Sätze sagte wie "Es scheint notwendig, dass der einzelne darüber nachdenkt, vielleicht umdenkt".

Das Ergebnis seiner jüngsten Denkanstrengung war die Erkenntnis, George W. Bush und Osama Bin Laden hätten "gleiche Denkstrukturen". Nun müsste man Gehirnforscher konsultieren, um genau zu wissen, was "Denkstrukturen" sind und ob, mit Verlaub, bei George W. Bush wie Osama Bin Laden von "Denken" im strengen, also cartesianisch-kantischen Sinne überhaupt die Rede sein kann.

Aber soweit kam es nicht, denn nach einem Sturm der Entrüstung über diese unziemliche Gleichsetzung entschuldigte Wickert sich öffentlich. Gleich dreimal. Und dann war es gut. Man hatte dann auch vergessen, dass Wickert ebenfalls dafür plädiert hatte, den Islam "mohammedanisch" sein zu lassen und ihm bitte nicht "den westlichen Materialismus aufzuzwingen". Sei’s drum.

Wickert schrieb noch so manches Buch und hielt noch diese und jene Rede zu existentiellen Problemen zwischen Welt und Werten; auch in Talkshows trat er auf. Doch man konnte ihm einfach nichts richtig übel nehmen. Nicht einmal die Freundschaft zu Günter Grass.

Das Kind im Medienmanne

Warum? Weil er, trotz seiner Korrespondententätigkeiten in New York, Paris und Washington, trotz Weltläufigkeit und perfekter Selbstvermarktung, trotz Fernsehglanz und Medienglamour ein kleiner großer Junge geblieben ist – ein Bub, den die mehreren hundert französischen Käsesorten im tiefsten Grunde mehr interessieren als die dritte Stufe der Gesundheitsreform.

Mit seinen 63 Jahren wirkt er zuweilen immer noch wie jemand, dem das alles irgendwie zugestoßen ist, während er sich mit Händen und Füßen gewehrt hat, erwachsen zu werden. Unvergessen sein ungläubiges, öffentlich geäußertes Erstaunen, als er fünfzig Jahre alt geworden war. Wie konnte es bloß soweit kommen?

Eine Frage bleibt noch: Warum gibt es keine anchorwoman im deutschen Fernsehen? Warum wachsen Marietta Slomka und Anne Will, bei all ihren Fähigkeiten, so wenig in diese Rolle hinein wie zuvor Sabine Christiansen und Gaby Bauer? Könnte es sein, dass sie in gewisser Weise zu professionell sind, zu perfekt? Offenbar fehlt ihnen einfach jener Anflug des Problembärhaften, der bei Wickert an bestimmten Abenden dazu führen konnte, dass die Zuschauer eher dem nächsten Versprecher entgegenbangten als dem nächsten Terroranschlag im Nahen Osten. Das schafft emotionale Bindung. Wiedererkennung. Wärme. Vertrauen. Also Glaubwürdigkeit. Wenigstens "ein Stück weit".

Um 22.45 Uhr dann hielt die Fernsehnation die Luft an: Dank an die Zuschauer, "dass Sie mir vertraut haben", ein letzter Versprecher und, tatsächlich, das "Tagesthemen"-Team steht im Studio und applaudiert. Freude. Rührung. Blumen. Abspann.

Heute Abend hat Tom Buhrow den Nahostkonflikt an der Backe.

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