Von Moritz Küpper
Berlin – Es gilt noch die Weinfrage zu klären: Wo er denn seinen Rotwein stehen haben wolle, fragt Claus Peymann, Leiter des Berliner Ensembles. Günter Grass steht auf der Bühne und lässt gerade einen Ton-Test über sich ergehen. "Hier wäre gut", sagt Grass und zeigt auf einen kleinen schwarzen Hocker neben dem Sofa. Wenige Minuten später wird eben jener Hocker noch einmal mit schwarzer Farbe gestrichen. Und auch das Stehpult, zu dem Grass später vier Mal aufbrechen wird, um aus seinem Buch zu lesen, wird noch einmal um einige Grad gedreht. Nichts wird dem Zufall überlassen an diesem Montagabend in Berlin, dem ersten öffentlichen Auftritt von Günter Grass mit seinem neuen, autobiographischen Werk "Beim Häuten der Zwiebel".
Wochenlang hatte Grass' Geständnis, Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, "weltweit für Furore" gesorgt, wie der Moderator des Abends, der Journalist Wolfgang Herles, feststellt, als er mit Grass auf dem blauen Sofa Platz nimmt. Jenem blauen Sofa, auf dem zahlreiche berühmte Schriftsteller saßen und ihre Bücher vorstellten. Auch Grass Werk sollte darauf vorgestellt werden, doch das Geständnis in der "FAZ" ließ einen Aufschub nicht zu. Deshalb war der Nobelpreisträger vorher zu Gast in Ulrich Wickerts Sendung gewesen, deswegen wurde aus der Lesung keine Buch-Vorstellung, sondern ein Stimmungstest – für den Autor und sein Publikum.
Kein Verständnis für die Kritiker
Die heftige Kritik habe ihn getroffen, räumt Grass zu Beginn der Lesung ein, aber "die oberflächlichen Begründungen fallen auf die Kritiker zurück". Verständnis habe er dafür nicht, sagt er. "Mit welchem Recht will man verlangen, dass ich eine sehr kurze Phase in meinem Leben der Öffentlichkeit darstelle?"
Auch den Vorwurf, dass er sich mit seinem Geständnis solange Zeit gelassen habe, kann er nicht nachvollziehen: "Ich habe nach einer Form gesucht", sagt Grass, "ich wollte nicht einfach an einer Rampe stehen." Es sei sein Versuch gewesen, "sich über das Schreiben einer entrückten Person zu nähern". Für jede Aussage erhält er Applaus. Er sei erleichtert, dass "das Buch jetzt den Leser erreiche und er sich nach diesen undifferenzierten Urteilen selbst ein Bild machen kann", sagt Grass. "Jetzt soll das Buch sprechen." Dann geht er zum Pult.
Er liest mit ruhiger Stimme, doch bei jedem Satzbeginn geht ein Ruck durch seinen Körper. Das Publikum lauscht gebannt. Dabei sind es nicht die Seiten 126 und 127, in die Grass ein Lesezeichen gelegt hat und in denen er von jener schlagzeilenträchtigen Mitgliedschaft in der SS berichtet. Vielmehr liest er aus seinen Jahren beim Jungvolk, seiner Zeit in der Armee; schildert, wie er nach dem Krieg einen Kochkurs besuchte. Auch das Kapitel über seine Schreibmaschine, die Olivetti, trägt er vor.
Kritiker stellen falsche Fragen
Jedes Mal, wenn Grass zurück zu seinem Platz geht, gibt es lauten Beifall. Kritische Töne finden sich kaum – auch vor oder nach der Lesung nicht. Es ist ein Heimspiel für den Autor, mit rund 750 Zuschauern. Im Foyer wurde zudem kurzfristig eine Leinwand aufgebaut, auf der die Lesung übertragen wurde. Auch das Medieninteresse ist riesig: Zehn Kamerateams, unzählige Fotografen buhlen um Grass.
Es sind die Momente zwischen den Lesungen, die Grass für eine Abrechnung und Erklärung nutzt. "Ich habe drei Jahre an diesem Buch gearbeitet", entgegnet er auf den Vorwurf, das Geständnis nun zu vermarkten, "offenbar darf man für alles werben, nur für Bücher nicht."
Auch sei der Ansatz der Kritik falsch. Er stünde seiner Vergangenheit kritisch gegenüber, aber "die Vorwürfe, die ich dem 15-, 16-, 17-Jährigen mache, sind, dass er bestimmte Fragen nicht gestellt hat". Beispielsweise, als ein Spielkamerad in dieser Zeit nicht mehr wiederkam oder ein Lateinlehrer verschwand. Er sagt, dass man wusste, dass es Konzentrationslager gab. "Das sind die Dinge, denen ich kritisch gegenüberstehe", betont er, "aber zur Waffen-SS wurde man eingezogen." Er gehöre halt zu einer Generation, die verführt wurde.
"Ich will weiterhin den Mund aufmachen"
Ob ihn die heftige Kritik verändert habe, kann er noch nicht beurteilen, sagt Grass. "Dafür brauche ich noch Distanz." Eines sei jedoch sicher: "Ich will weiterhin den Mund aufmachen, wenn die Leute mich fragen."
Es sind genau jene Worte, die dem ehemaligen SPD-Politiker und Zuhörer Egon Bahr zeigen, "wie überrascht und tief ihn diese Kritik getroffen hat". Das wichtigste an der Veranstaltung sei jedoch gewesen, so Bahr am Rande der Veranstaltung zu SPIEGEL ONLINE, zu zeigen, dass er über seine Kritiker spotten könne. "Deswegen habe er", sagt Bahr, "zumindest nach meinem Eindruck die Vorwürfe überwunden". Egon Bahr und Günter Grass kennen sich seit den sechziger Jahren, als sich beide im Wahlkampf für den Sozialdemokraten Willy Brandt einsetzten.
Am Ende der Lesung strömen die Zuschauer aus dem Saal. Davor hat Grass an einem kleinen Tisch Platz genommen und signiert sein Buch. In der Menschentraube, die sich um ihn bildet, geht er fast unter. Zahlreiche Exemplare werden ihm gereicht, schwungvoll setzt er seinen Namen in jedes, immer wieder. Doch bevor er ein Buch zurückgibt, guckt er dem Empfänger tief in die Augen. Aus seinem Blick scheint Dankbarkeit zu sprechen. Jedes Mal.
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