Von Peter Luley
Zugegeben: Die Idee ist von bestechender Schlichtheit und allein dadurch für Triumphe im Unterhaltungsgewerbe prädestiniert. Warum soll sich einer, der über Jahre hinweg so konsequent am eigenen Bad-Guy-Image gearbeitet hat wie Stefan Raab, nicht eines Tages einfach hinstellen und die Möglichkeit, ihn in einem Mehrkampf um 500.000 Euro zu besiegen, zum Showkonzept erklären? Zumal, wenn er sich wie Raab als fröhlicher Dilettant schon in (Nonsens-)Disziplinen wie Wok-Weltmeisterschaften, Turmspringen und Stock-Car-Rennen profiliert und mit einer Niederlage gegen die Boxerin Regina Halmich bewiesen hat, dass gerade auch sein Scheitern Publikum anzieht.
Kein Wunder, dass man bei Raabs Haussender Pro Sieben, wo man in Sachen Show-Events bekanntlich ohnehin vor nichts zurückschreckt (Ochsenrennen! Bundesjugendspiele!), verzückt war. Man schaltete Anzeigen, die den Moderator grinsend mit Veilchen präsentierten, und räumte dem Format "Schlag den Raab" gleich drei Samstagabende ein. Die Resonanz war bereits im Vorfeld beträchtlich: Über 150.000 Bewerbungen will der Sender für die erste Ausgabe erhalten haben.
Triumph über Jauch, Niederlage gegen "Musikantenstadl"
Am Samstag war es nun soweit: Ab 20.15 Uhr ging im Köln-Mühlheimer Studio die Live-Premiere über die Bühne - und erwies sich als Publikumserfolg. 3,38 Millionen Zuschauer sowie 13,6 Prozent Marktanteil beim Gesamtpublikum beziehungsweise 2,6 Millionen und 26,7 Prozent in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen bescherten dem Münchner Spielfilmsender sogar den Quotensieg über Günther Jauch und sein RTL-Quiz "Typisch Frau – Typisch Mann" (2,98 Millionen Zuschauer ab drei Jahren). Lediglich der erste ARD-"Musikantenstadl" von Karl-Moik-Nachfolger Andy Borg zog mit 6,6 Millionen Zuschauern mehr Gesamtpublikum an als Raab – dabei aber dürfte es sich nicht um Pro-Sieben-Klientel gehandelt haben.
Der Erfolg ist insofern beachtlich, als die von Matthias Opdenhövel moderierte Raab-Show vor allem in einem Punkt der Tradition großer Samstagabendunterhaltung folgte: beim Überziehen. Stolze 0 Uhr statt geplanter 23.15 Uhr war es, als Raab nach einem letzten Sieg in der eigenwilligen Disziplin "Schlaff vom Reck hängen" endlich gewonnen hatte. Und das, obwohl nur 13 von 15 angedrohten Duellen ausgetragen werden mussten, weil Raab uneinholbar nach Punkten führte. Allein eine halbe Stunde dauerte es zu Beginn, bis aus fünf in aufwendigen Videoclips vorgestellten Kandidaten per TED Raabs Herausforderer ermittelt war. Mit großer Mehrheit ließ das Publikum die vier angetretenen Männer abblitzen, votierte für die 30-jährige Unternehmerin Esther und damit für Geschlechterkampf.
Der wurde fortan in eher kruden Disziplinen wie "Reifen-Burnout" (Gas geben, bis das Gummi schmilzt) und Papierfliegerbasteln, sportlichen Aufgaben wie Tischtennis, Bowling und Elfmeterschießen sowie Wissens-, Schmeck- und Hörtests ausgetragen. Dass die wackere Esther, Betreiberin eines Indoor-Fußball-Centers, mit dem Rampenlicht schlechter umgehen konnte als der abgezockte Profi Raab, war wenig überraschend und zeigte sich schon in der ersten Disziplin Hochsprung: Da riss die eben noch als Sportskanone und Trägerin des Schwarzen Gürtels in Taekwondo vorgestellte Kandidatin im Hochsprung dreimal die Einstiegshöhe von 1,20 Meter, während Raab sich irgendwie über die Stange hievte und den Punkt gewann.
Technische Aussetzer sorgen für Auflockerung
Zwar sollte der dramaturgische Kniff, dass von Runde zu Runde höhere Punktzahlen zu gewinnen waren, die Spannung aufrechterhalten, doch am Ausgang der Auseinandersetzung bestand schon bald kein Zweifel mehr. Und so schleppte sich das von Umziehpausen, Werbeblöcken und drei Musikeinlagen zusätzlich zerfaserte Geschehen zwischenzeitlich doch sehr zäh dahin. Um 21.30 Uhr waren gerade mal der Hochsprung und das arg schlichte Behauptungs-Quiz "Stimmt's?" absolviert, das Raab zur Abwechslung verlor, weil er Finnland die EU-Mitgliedschaft absprach und die Litfaßsäule nicht mit Ernst Litfaß in Verbindung bringen wollte.
Der größte Unterhaltungswert resultierte phasenweise aus den fortgesetzten technischen Pannen: Am Quizpult funktionierten die Buzzer nur gelegentlich, beim Papierfliegerwerfen versagten die Kontakte des Zeitmessgeräts, das die Flugdauer stoppen sollte, beim Kartenspielen im Casino wies die Grafik ein falsches Bild aus, und als der eigens für Zweifelsfälle bereitstehende "Notar" per Telefon konsultiert werden sollte, versagte auch dieses. Wäre der Wettkampf spannender und inhaltlich relevanter gewesen, hätte das für ernsten Unmut sorgen können - so bescherten die Aussetzer eher etwas Auflockerung. "Gut, dass ich in dieser Show nur Kandidat bin", frozzelte Raab, und als der gestresste Opdenhövel für eine Zwischenmoderation in der "TV total"-erprobten Disziplin "Blamieren oder kassieren" an den unvermeidlichen Elton abgab, wünschte er diesem resigniert "viel Erfolg mit dem Pult".
Noch wichtiger als ein neuer Technik-Support wären für die am 18. November folgende zweite Ausgabe, in der es nun um einen Jackpot von eine Million Euro geht, aber sicher ein paar strukturelle Änderungen: zum Beispiel geistreichere Fragen und Wettbewerbe, ein stärkerer Gegner für Raab und eine deutlich straffere Struktur. Käme "Schlag den Raab" ein wenig knackiger daher, würde das die Attraktivität des Formats noch steigern - fast vier Stunden sind doch auch für eine gute Grundidee ein bisschen lang.
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