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"Wickerts Bücher" Mann ohne Leidenschaften

Es gibt ein Fernsehleben nach den "Tagesthemen": In seiner neuen Sendung "Wickerts Bücher" unterhält sich Ulrich Wickert mit Autoren und Kritikern, spricht Empfehlungen und Warnungen aus. Einen speziellen Wickert-Sound hat er dafür aber noch nicht gefunden.

Jetzt, im Ruhestand und in seinem "zweiten Leben", wie er es im Interview mit dem SPIEGEL nannte, beginnt Ulrich Wickert zu einer Uhrzeit, zu der er seinen Zuschauern im ersten Leben als Moderator der "Tagesthemen" die legendär gewordene "Geruhsame Nacht" wünschte. Gestern pünktlich um Viertel vor elf, nachdem Anne Will schlicht und unprätentiös "Auf Wiedersehen" gesagt hatte, startete die zweite Ausgabe der ARD-Literatursendung "Wickerts Bücher".

Buchkenner Wickert: Erhebliche Betulichkeit
NDR/Marcus Krüger

Buchkenner Wickert: Erhebliche Betulichkeit

Im August dieses Jahres gab es bereits eine vorgezogene Premiere der Sendung. Wickert interviewte Günter Grass, nachdem der im "FAZ"-Interview seine Waffen-SS-Vergangenheit öffentlich gemacht hatte. Damals blieb man noch unter sich: Grass und Wickert im Männergespräch, einem Gespräch unter Freunden. Gestern, am ersten Tag der 58. Frankfurter Buchmesse, gab er sich geselliger. Wickert hatte vier Gäste eingeladen: Neben der "FAZ"-Literaturredakteurin Felicitas von Lovenberg noch den Schweizer Kolumnisten und Krimiautor Martin Suter. Dazu, passend zum diesjährigen Gastland in Frankfurt, den Schriftsteller Ilija Trojanow, der einige Jahre in Mumbai gelebt und mehrere Bücher über Indien verfasst hat. Und schließlich Katharina Hacker, die Gewinnerin des Deutschen Buchpreises 2006, der ihr zur Eröffnung der Buchmesse verliehen worden war.

Eine knappe halbe Stunde hatte Wickert Zeit, seiner Sendung Profil zu geben, ihr diesen speziellen Wickert-Sound zu unterlegen, der ihn einst zum unumschränkten Herrscher des ARD-Newsrooms gemacht hatte. Viel Zeit war das zwar nicht, aber immerhin genauso lang, wie die "Tagesthemen" dauern. Von der Entschlossenheit, mit der er dort auftrat, war in der neuen Sendung allerdings nicht viel zu bemerken. Wickert wirkte ratlos, und seiner Büchersendung merkte man die Kraftanstrengung an, mit der sie trotz unbestrittenem Informationswert um die Aufmerksamkeit der Zuschauer kämpfte.

Die Autoren bekamen Gelegenheit, ihre Bücher zu präsentieren, die Kritikerin durfte das kommentieren, und der Moderator stellte erwartbare Fragen ("Ist Indien so kompliziert?"), auf die er nichts Unerwartetes zur Antwort bekam ("Nein, es ist nicht kompliziert"). Überraschend war höchstens, dass sich der ansonsten nüchterne Wickert zu erheblicher Betulichkeit hinreißen ließ, als er die eine oder andere Leseprobe zum Besten gab.

Warnungen vor schlechten Büchern

Nur ein einziges Mal bekam die Sendung Schwung, als Hacker und von Lovenberg aus dem monotonen Frage-Antwort-Pingpong ausstiegen, und sich kurz, aber angeregt über eine Empfehlung des diesjährigen Bücherherbstes unterhielten - über das schmale Buch "Älter werden" der Essayistin und Literaturwissenschafterin Silvia Bovenschen, einer Sammlung kluger und mit bestechender Eleganz formulierter Reflexionen zum vergehenden Leben. Daraus hätte jenes interessante Gespräch werden können, das der Heterogenität der Sendung und der Vielzahl an Büchern zum Opfer fiel, die Wickert mit zu vielen Gästen in zu kurzer Zeit erörterte.

Auflockernd wirkten die dezidiert ausgesprochenen Warnungen vor schlechten Büchern. Eine traf den österreichischen Autor Wolf Haas und seinen neuen Roman "Das Wetter vor 15 Jahren", mit dem er sich aus seiner Brenner-Kultkrimi-Vergangenheit verabschiedete. Die beiden anderen Warnungen galten zwei amerikanischen Romanen, die sich beide mit dem Terror der Selbstmordkommandos um und nach dem 11. September auseinandersetzen: John Updikes "Terrorist" und Benjamin Kunkels "Unentschlossen". Der Terror neuen Zuschnitts ist längst nicht mehr nur Sachbuchthema, aber ob er auch poesiefähig ist, bleibt zumindest umstritten.

Ganz am Ende standen dann noch allerlei Lese- und Hörbuchtipps von einem fahrig wirkenden Moderator. Wickerts oftmals gepriesene Distanziertheit, die er als Nachrichtenmann seinen Meldungen gegenüber bewahrte, wirkte im Fall der Literatur weniger souverän als müde und unbeteiligt. Als es im Lauf der Sendung um Katharina Hackers preisgekrönten Roman "Die Habenichtse" und um die scheinbare oder tatsächliche Teilnahmslosigkeit ihrer Helden ging, stand für einen Moment auch die Frage nach dem Wert der Leidenschaftlichkeit in der Literatur und im Leben im Raum. Genauso gut könnte man sich diese Frage beim Gedanken an diese Sendung stellen.

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