Mittwoch, 10. Februar 2010

Kultur



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19.10.2006
 

Aktionskünstler Allan Kaprow

Der will nicht nur spielen

Von Bettina Musall

Der Künstler Allan Kaprow wollte keinen Kunstfriedhof im Museum, sondern mit seinen skurrilen Happenings die Kunst mit dem Leben versöhnen. Wenige Monate nach seinem Tod hat das Münchner Haus der Kunst für eine einzigartige Retrospektive seine berühmtesten Aktionen neu inszeniert.

In der großen Halle des Münchner Hauses der Kunst schießen Kinder mit der Druckluftpistole Wollknäuel in einen Stacheldrahthimmel, die dort hängen bleiben oder als bunte Bindfäden anmutig auf den Boden regnen. "Eistecka & spuin" (einstecken und spielen) fordert nebenan eine Ansammlung kaputter Elektrogeräte auf. Aus drei Reißwölfen unter der Decke rieseln fiepend und sirrend Papierschlangen auf einen Jägerhutträger mit sperrangeloffenem Lederhosentürl herab. Und an einer "Tauschbörse" drängeln sich verwöhnte Kunstkunden um eine verbeulte Kupferkanne, verkratzte Schelllackplatten, Marienbildchen und das gesamte Flohmarkt-Arsenal einer Haushaltsauflösung - wer etwas halbwegs Gleichwertiges hinterlässt nimmt selig lächelnd einen Staubfänger mit.

Was aus Kreativität und künstlerischer Freiheit werden kann, wenn Künstler nicht nur ihren Intellekt, sondern auch das Herz einsetzen, zeigt das Haus der Kunst (HdK) derzeit mit einer einzigartigen Retrospektive des Amerikaners Allan Kaprow. Wenige Monate nach dem Tod des Vaters der Happening-Bewegung, der Performance- und Installationskünstler weltweit inspirierte, bringt Kaprows Lebens- und Arbeitsmaxime "Kunst als Leben" den einstigen Huldigungshort nationalsozialistischer Ästhetik auf eine Erlebnistemperatur, die irgendwo zwischen Kinderfest, Wundertüte, Abenteuerspielplatz und Bildungsparty liegt.

Wer nur rumstehen und gut aussehen will, ist bei Kaprow fehl am Platz. "Diejenigen, die nicht teilnehmen möchten", bat der Meister 1967 "respektvoll" darauf zu verzichten, "als bloße Zuschauer zu kommen". Kein "Kunstfriedhof, sondern eine Agentur für Aktion" solle das Museum sein. Noch während des Studiums bei Legenden wie dem Maler Hans Hofmann, dem Kunsthistoriker Meyer-Schapiro und dem Musiker John Cage, entwarf der 1927 geborene Dada- und Fluxus-Zeitgenosse jenseits der Zweidimensionalität des Bilderrahmens sogenannte Environments, gestaltete Räume, die das Publikum zum Mitmachen, Eingreifen, Umräumen animieren sollten.

Kaprows Projekte reichten von Einzelaktionen wie "Solo 1969: graues Wasserfarbenbild von sich selbst malen / sich selbst grau malen / den Regen das Grau abwaschen lassen" bis zu Massenveranstaltungen wie "Shortest Parade", in der 1981 eine muntere Prozession mit Trillerpfeifen, Autoreifen und Ölfässern durch die Straßen New Yorks unterwegs war. Mal trägt ein Kaprow-Protagonist einen Stuhl durch die Stadt, setzt sich darauf und fotografiert. Mal blasen zwei Leute Luft in Plastiktüten, tauschen diese aus und saugen sie umgekehrt ein. In der Aktion "Sweet Wall" 1970 baut der Amerikaner mit einem Freund nahe der Berliner Mauer eine Kunstmauer auf, die sie anschließend einreißen. Regieanweisung: "Blöcke mit Brot und Marmelade verkitten."

Manischer Kunstproduzent

Spielen und Wundern kann bei Kaprow zu Einsichten über die Wirklichkeit verhelfen, die sich einstellen, weil sie nicht mit dem Erkenntnistrichter eingeflößt werden. Gemeinsam ist allen Kaprow-Werken, dass sie an den Ort des Ereignisses und einen grundsätzlichen Zweifel an der Kunst gebunden sind, im Übrigen aber so vergänglich wie die Dauer des Geschehens sein sollen. Ein Ausstellungsangebote vom Museum of Contemporary Art (MOCA) in Los Angeles lehnte Kaprow 1996 wie so viele vorher ab: "Es wäre ein Fehler."

Keine leichte Aufgabe für ein Museum. Erst die Idee, die Regie seiner Aktionen durch die Münchner Kuratorinnen Stephanie Rosenthal und Eva Meyer-Hermann an andere weiterzugeben, überzeugte den Event- und Multimedia-Pionier wenige Monate vor seinem Tod. Drei seiner Environments haben Dozenten und Studenten der Münchner Akademie im Haus der Kunst mit Wollknäuel, Papierschredder, Monitor- Installationen und viel Kaprowschem Humor inszeniert. 55 weitere Happenings und Aktionen laufen in den nächsten Wochen und Monaten außerhalb des Museums an Orten, die Interessierte im Internet finden.

Wie ernst es dem langjährigen Dozenten der kalifornischen Universität in San Diego bei aller Schaffensfreude damit war, Kunst und Leben zu verschmelzen, zeigt vor allem die Münchner Dokumentation seiner Materialien und Regieanweisungen. Vitrinen, Overheadprojektoren, Videomonitore, Ton-, Bild- und Schriftspuren breiten den ganzen Phantasie- und Ideenreichtum eines so manischen wie magischen Kunstproduzenten aus.

Prototyp der Unangepassten

HdK-Direktor Chris Dercon, 48, promovierte sich im Rausch des Ereignisses kurzerhand an die Weltspitze der Museumskonkurrenz. Anders als die Wettbewerber von Berlin bis New York, so der smarte Ich-Agent, sei sein Haus mit dieser Ausstellung endgültig "mehr als ein Gehäuse für Shows: Wir machen Ernst mit der Kunst". Und: "Wir schreiben Kunstgeschichte."

Dass ein gelungenes Happening mehr braucht als Mimikry, Aktionismus und einen unsterblichen Spiritus Rector, zeigte die HdK-Version von Kaprows Vorlage "Out". Beim Abmarsch aus dem Musentempel war eine Müllhalde aus alten Autoreifen zu überwinden. Die Pointe: Hier kam niemand mehr raus. Bauzäune und schwarze Planen versperrten den Weg. Ein Schild wies darauf hin, dass der Veranstalter an diesem Abend für die Sicherheit des Publikums nicht hafte. Kein Hinweis darauf, dass ausnahmsweise ein Nebenausgang geöffnet war. Jüngere Semester sprangen eine mannshohe Mauer hinunter. Mitglieder der Generation Kaprow strauchelten bei soviel Ernst der Kunst.

Dem Altmeister wäre das nicht passiert. In Kordanzug, Schlips und weißem Hemd, der Sechziger-Jahre-Uniform aller Unangepassten, lud der Vollbart dereinst seine Fangemeinde am Vorabend eines Happenings artig zu Vorbereitungsgesprächen ein, "given by Mr. Kaprow". Der Mann hatte ein Herz für die Kunst - und für das Publikum.

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