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25.10.2006
 

TV-Sender Kabel 1

Bloß nicht aus der Reihe tanzen

Von Peer Schader

Mit Filmklassikern und Retroshows ist Kabel 1 groß geworden. Heute tut sich der Sender oft schwer, junge Zuschauer mit eigenen Formaten zu erreichen. Die besten Quoten holen immer noch die Altstars. Kein Wunder, dass bald Ingolf Lück und Mike Krüger auf Sendung gehen.

Die Zeitreise beginnt morgens um halb zehn mit "Unsere kleine Farm". Gleich danach kommt "Dallas", später "Eine schrecklich nette Familie" und "Die Bill Cosby Show". Wenn man sich mal den Vormittag frei nimmt, kann man auf Kabel 1 so lange alte Serien schauen, bis man sich nachher beim Ausschalten wundert, dass auf dem Kalender schon vor ein paar Jahren das neue Jahrtausend begonnen hat. Waren das noch Zeiten, als Fernsehen ganz ohne Explosionen, Mystery-Gegrusel und 01379-Telefonnummern auskam! Dass die Serienklassiker nicht längst ins Museum abgeschoben wurden, ist Konzept – und zwar das von Kabel 1, dem Sender, der von sich behauptet, "Die besten Filme aller Zeiten" zu zeigen.

Seit ein, zwei Jahren versucht man dort einen spannenden Spagat: Einerseits soll Kabel 1 weiter der "Best of"-Kanal bleiben, als der er vor über vierzehn Jahren gestartet ist, andererseits möchte man in der Münchner Zentrale gerne den Eindruck vermeiden, bloß ein verstaubtes Wiederholungsfernsehen für Nostalgiker zu machen. Seitdem wird zwischen Edgar-Wallace-Filmen und der x-ten "Star Trek"-Wiederkehr eifrig mit Shows, Magazinen und US-Serien für ein jüngeres Publikum experimentiert. Ein richtiger Knaller ist bisher nicht dabei gewesen.

Die Gameshow-Innovation "Spielarena" ist im Sommer so schlecht gelaufen, dass nicht einmal alle Folgen gezeigt wurden. Und das "Quiztaxi", in dem Fahrgäste ein Taschengeld gewinnen können, wenn sie simple Fragen beantworten, ist auch noch kein Quotenhit, gewinnt aber zusehends Fans, weil man es so schön beim Abendbrot nebenher laufen lassen kann. Die Hits landet Kabel 1 anderswo: Ausgerechnet als neulich zwölf Stunden am Stück die besten "Star Trek"-Folgen aus längst vergessenen Galaxien liefen, brachte das sensationell gute Quoten.

Für viele Zuschauer hat Kabel 1 ein eher biederes Image. Beim drittgrößten Sender der ProSiebenSat.1-Gruppe gab es nie große Skandale wie bei RTL II und keine 180-Grad-Profiländerung wie sie Vox durchgemacht hat. Kabel 1 war einfach schon immer der Kanal, der zuverlässig das zeigt, was man anderswo schon ein Dutzend Mal gesehen hat. Das ist nicht weiter schlimm – aber auch nicht besonders aufmerksamkeiterregend.

1992 war Startschuss für den "Kabelkanal", der damals tatsächlich nur im Kabel empfangbar war, und sich zwei Jahre später in Kabel 1 umbenannte, was einen Gerichtsstreit mit der eingeschnappten ARD zur Folge hatte, weil die fand, die "1" im Logo gehöre nur ihr. Blödsinn, sagten die Richter nach fünf langen Jahren. Und in München feierten sie "Good times" (so der heutige Senderclaim), weil es mit den Marktanteilen bergauf ging. Ende der neunziger Jahre baute der damalige Geschäftsführer Nicolas Paalzow, der später zu ProSieben ging, Kabel 1 endgültig zum Revival-Sender aus. Nach dem "Glücksrad", das Sat.1 längst eingemottet hatte, wurde eine alte Show nach der nächsten aus der Versenkung geholt.

"Geh aufs ganze", "Dingsda", "Was bin ich" – ein paar Jahre hatte man den Eindruck, als würde Kabel 1 Programm machen, indem alles, was in den TV-Archiven aufzutreiben war, noch mal eine Ehrenrunde drehen durfte. Man darf das nicht missverstehen: "Was bin ich" hat zehn Jahre nach dem Aus in der ARD in der Neuauflage wieder großen Spaß gemacht, so wie die meisten guten Programme im Fernsehen wieder funktionieren, wenn die Zuschauer eine Weile auf sie verzichten mussten. Aber auch bei Kabel 1 ist die Zeit der Neuauflagen vorbei.

Das "Glücksrad" ist längst wieder verschwunden, und wenn man die Unterhaltungschefin Iris Mayerhofer darauf anspricht, ob sie sich vorstellen könnte, vielleicht "Der Preis ist heiß" neu aufzulegen oder "Hopp oder Topp", dann schüttelt sie sehr überzeugend den Kopf und sagt, dass man nun lieber eigene Programme ausprobiere. Ein paar Ausnahmen gibt es: Das "Best of" der Musiksendung "Formel 1" mit Peter Illmann und Stefanie Tücking scheint zum Dauerbrenner zu werden, und Sendungen wie "Top Ten TV", in denen Steven Gätjen alte TV-Schnipsel zeigt, mag man auch nur widerwillig als neue Idee durchgehen lassen.

Kabel 1 lebt nun mal zu einem Großteil von intelligentem Recycling. Das ist gar nicht böse gemeint, sondern einfach wahr. Und kommt bei den Zuschauern auch am besten an – anders als viele Sendungen, mit denen der Sender mal so richtig innovativ sein wollte. Erinnert sich noch jemand an die Thomas-Koschwitz-Late-Night mit dem im Nachhinein sehr treffenden Titel "Was macht eigentlich…?" Oder an Karl Dalls "Retro-Quiz" "Weißt du noch…?" – nö, weiß man nicht mehr.

Etwas Gutes hat dieses Vergessen: Während man ProSieben einen Flop wie das Promi-Pinkelspiel "Die Burg" vermutlich ewig übel nehmen wird, hat das kollektive Zuschauergedächtnis längst verdrängt, dass auch bei Kabel 1 mal ein peinliches Reality-Abenteuer lief. "Unser Bauernhof – Hilfe, die Großstädter kommen", angelehnt an Paris Hiltons "The Simple Life", ist 2004 jedenfalls sang- und klanglos untergegangen. Und zwar zu recht.

Seit Anfang 2006 ist der neue Senderchef Guido Bolten im Amt, weil Andreas Bartl, der den Sender davor führte, als Aufräumkommando zu ProSieben geschickt wurde. Wahrscheinlich kann man sich ausrechnen, wann Bolten zur großen Senderschwester wechselt – wenn man mal bei Kabel 1 das Kommando hatte, scheint die nächste Karrierestation schon programmiert. Erst einmal muss Bolten nun aber dafür sorgen, dass sich bei Kabel 1 wieder was bewegt. Mit seinem Marktanteil in der jungen Zielgruppe liegt der Sender im Vergleich mit den direkten Konkurrenten Vox und RTL II nur an dritter Stelle.

Dieses Jahr ist mit Mysteryserien wie "Medium" und "Ghost Whisperer" experimentiert worden, die 2007 in die zweite Staffel gehen. Dazu holt der Sender ab November Ingolf Lück, der eine eigene Panelshow bekommt, die ein bisschen anders funktioniert als die, mit der Lück bei ProSieben baden gegangen ist. Im kommenden Frühjahr gesellt sich schließlich Mike Krüger zum Kabel-1-Team und droht "Hilf dir selbst, sonst hilft dir Krüger." Bald sind wieder alle von früher zusammen.

Ob die Reaktivierung von Altstars aber für ein spannenderes Senderprofil reicht? Die Magazine und Reportagen, mit denen der Sender sein Programm vollstopft, tragen jedenfalls nicht dazu bei. Mag man "Abenteuer Leben", "Abenteuer Auto" und "Abenteuer Natur" und "Abenteuer Alltag" titelbedingt noch auseinander halten können, ist einem als Zuschauer völlig schleierhaft, wo eigentlich die thematischen Unterschiede zwischen "K1 Magazin", "K1 Reportage", "K1 Discovery" und "K1 Doku" liegen, die am Donnerstagabend nacheinander weggesendet werden. Eigentlich wird dort ja auch stets über dieselben Auswanderer, Verkehrssünder und Arbeitssuchenden berichtet.

Apropos Auswanderer: Mit "Mein neues Leben", in dem Menschen begleitet werden, die sich pannenreich ins Ausland absetzen, weil es ihnen in Deutschland zu öde geworden ist, hat Kabel 1 in diesem Jahr dann doch noch einen respektablen Erfolg gelandet – selbst wenn längst auch auf RTL, Vox und in der ARD emigriert wird bis die Röhre flackert. Und auch am Krimifreitag läuft es mit den US-Serien "Cold Case" und "Without a trace" ganz gut. Mit letzterer sogar so gut, dass sich Sat.1 prompt die neuen Folgen weggeschnappt hat, so wie RTL immer wieder bei Vox mopst.

Ein schöneres Kompliment kann man von der großen Schwester vermutlich nicht bekommen. Nur nutzt das Kabel 1 herzlich wenig. Manchmal ist es eben auch richtig blöd, immer der Brave zu sein, der nicht aus der Reihe tanzt.

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