Von Jenny Hoch
Neo Rauch ist derjenige deutsche Künstler, der eigentlich schon tot sein müsste – zumindest ist das der Eindruck, der sich aufdrängt, betrachtet man die fast kultische Verehrung, die dem Maler-Superstar im In- wie im Ausland zuteil wird. Von den Schwindel erregenden Preisen, die seine großformatigen, meist matt-farbigen Bilder mit der Extraportion Ost-Tristesse stets erzielen, ganz zu schweigen: Die Ölgemälde des Frontmannes der "Leipziger Schule" werden bewundert und gesammelt wie die Werke Alter Meister.
Dabei ist der Künstler höchst lebendig. Mit stoischer Regelmäßigkeit produziert der 46-Jährige jedes Jahr in einer ehemaligen Baumwollspinnerei am Rand von Leipzig ein knappes Duzend seiner heiß begehrten, stets figürlichen und geschichtsbeladenen Tableaus. Die Wartezeiten für ein frisches Bild sind enorm, deswegen schlagen vor allem nordamerikanische Einkäufer, fasziniert vom Mythos des Labels "New Leipzig School", bereits zu, bevor auch nur ein Tropfen Farbe die Leinwand berührt hat. Verkaufs-Ausstellungen seines Galeristen und Entdeckers Harry Lybke sind grundsätzlich nach wenigen Minuten, wenn der Heuschreckenschwarm der Kunstspekulanten hindurch gezogen ist, leer gekauft.
Nun, auf dem seit längerem andauernden Höhepunkt dieses weltweiten Booms, der sich weniger durch inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Werk als durch marktorientierte Vokabeln wie "Wertsteigerung" oder "Investment" auszeichnet, widmet das Kunstmuseum Wolfsburg Neo Rauch die größte Einzelpräsentation, die es je in einem Museum gegeben hat. Gezeigt werden rund 80 Gemälde und eine Skulptur des "Malers, der aus der Kälte kam" ("New York Times").
Mit vielen bekannten und einigen extra für die Schau fertig gestellten Werken wollen die Ausstellungsmacher Rauchs künstlerische Weiterentwicklung während der letzten zwanzig Jahre dokumentieren, "Neue Rollen. Bilder 1993 bis heute" haben sie die monumentale Exposition deswegen genannt.
Labyrinth aus unterschiedlichen Motiven
Rauch male Bilder, die man versteht, jubelte die "Bild"-Zeitung kürzlich. Tatsächlich verhält es sich so nur auf den ersten Blick. Zwar sind immer deutlich Menschen, Tiere, Panzer, Öfen, Schlitten oder Waffen zu erkennen, aber diese vielschichtigen Bildergeschichten dem Realismus oder dem Sozialistischen Realismus zuzuordnen, wäre zu kurz gegriffen. Erinnert sein Stil einerseits an die Staatskunst der ehemaligen DDR, so ist er andererseits durch Comics, Agitprop und amerikanische Werbung der sechziger Jahre beeinflusst.
Betrachtet man etwa das neueste Bild Rauchs, "Der Rückzug", das in Wolfsburg erstmals ausgestellt wird, genauer, findet man sich in einem Labyrinth aus unterschiedlichen Motiven und Requisiten wieder. Im Vordergrund scheinen Männer mit blauen Anzügen auf Instruktionen zu warten bezüglich des Umzugsmobiliars, das sich um sie herum stapelt. Dort liegt zwischen Aktenordnern auch ein Mann mit einer Krücke, offenbar ebenfalls abholbereit. Rechts schlägt ein Mann statt auf seine Trommel auf einen Bären ein, während links im Hintergrund ein Erschießungskommando drei Männer liquidiert. Dazwischen liegt ein Schuppen, in dem ausgerechnet das Rauch-Bild "Plazenta" von 1993 hängt. Die disparate Szenerie ist verbunden durch dicke gelbe und vor allem rote Schläuche. Doch bietet dieser sprichwörtliche rote Faden keine Orientierung, sondern wirft Fragen auf, ohne sie zu beantworten.
Höchste Weihen in New York
"Neue Rollen" von 2005, das Titel gebende Werk der Ausstellung, ist ähnlich komplex aufgebaut. Auf drei Bildebenen üben unterschiedliche Personen ihre Rollen ein: Eine Mutter zeigt ihrem Sohn eine von Schlingpflanzen überwucherte Modell-Landschaft, vier fahrende Gesellen betrinken sich und schwenken Jakobinermützen auf Säbeln, während einer von ihnen das Glas in Richtung Guillotine erhebt, die im Hintergrund auf einer Bühne steht. Daneben proben Schauspieler unter dem Applaus von drei Zuschauern ein neues Stück.
Ein Fließband-Maler ist Neo Rauch mit Sicherheit nicht. Theorien, Konzepte und abstrakte Kunst haben ihn trotz ihrer nach wie vor großen Bedeutung in Deutschlands Kunstszene noch nie interessiert. In einem Interview mit dem SPIEGEL sagte er kürzlich, er hielte die figurative Malerei "für das Nonplusultra", weil es "viel schwerer" sei, "ein gutes figuratives Bild zu malen als ein gutes abstraktes." Und selbstbewusst fügte er, der sich sicher ist, niemals auf einer Rennomier-Schau wie der Documenta auszustellen, hinzu: "Ich bin sicher, dass ich hervorragende abstrakte Bilder malen könnte, aber es würde mich langweilen, weil ich weiß, dass nie etwas schief gehen würde".
Der höchsten Weihen stehen noch aus: 2007 wird das New Yorker Metropolitan Museum Neo Rauch eine Einzelschau widmen. Dann ist er endgültig auf dem Olymp der unsterblichen Künstler angekommen.
Katalog: DuMont Verlag, 191 Seiten, 28 Euro, im Buchhandel 39,90 Euro.
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