Von Sebastian Moll, New York
Christopher Burgess ist gewöhnlich ein nüchterner Mann. Der Auktionator der New Yorker Filiale von Christie's dirigiert seinen Versteigerungssaal mit britischer Unterkühltheit. Seine Stimme, seine Gestik und seine Mimik bleiben dabei gleichmäßig ruhig – egal wie hoch die Summen, um die geboten wird, und gleich, wie hoch der Adrenalinpegel unter den hitzig konkurrierenden Käufern ansteigt. Als am Mittwochabend gegen Ende der großen New Yorker Herbstauktion des Londoner Hauses das Gebot für Gustav Klimts "Portrait von Adele Bloch Bauer II" bei 75 Millionen Dollar angelangt war, entfuhr Burgess jedoch vor dem Plenum der 750 Sammler ungewollt ein wonniges Glucksen. Ein derartiges Kauffieber hatte Burgess noch nie erlebt.
Rund 491 Millionen Dollar hatte Christie's am Ende des Abends umgesetzt - "gut 200 Millionen mehr als je zuvor", stellte Burgess eine Stunde später fest, während er sich nach zweieinhalb Stunden konzentrierter Arbeit zufrieden einen eisgekühlten Weißwein genehmigte. "Käufer aus der ganzen Welt haben heute Abend erbittert um alles geboten, was wir versteigert haben. Jedes einzelne Ergebnis hat unsere Erwartungen übertroffen."
Die New Yorker Auktion von Christie's ist schon immer ein zuverlässiges Thermometer für die aktuellen Temperaturen auf dem Weltkunstmarkt. Und der Mittwochabend war ein klares Zeichen dafür, dass dieser sich in absehbarer Zeit wohl nicht abkühlt. Kunst hat offenkundig sowohl die Börse als auch den Immobilienmarkt als spekulative Lieblingsinvestition der vermögenden Schichten auf der rechten Spur überholt. "Wir verzeichnen ein rapide wachsendes Interesse aus allen Ecken der Welt", freute sich der Christie's-Chef Edward Dolman über den schwindelerregenden Umsatz.
Darüber, wer die Investoren sind, konnte und wollte Dolman freilich nicht reden. Immerhin verriet er jedoch, dass am Mittwoch etwa 40 Prozent der Käufer aus den USA stammten und 41 Prozent aus Europa. Drei Prozent hatten aus Lateinamerika angerufen, vier Prozent aus Asien und 1,4 Prozent aus Russland. Zehn Prozent bestanden indes darauf, dass über ihre Identität gar nichts bekannt wird, nicht mal ihr Herkunftsland.
Kirchner-Coup mit schalem Beigeschmack
Wenigstens die Identität des Käufers der "Berliner Straßenszene" von Ernst Ludwig Kirchner gab Dolman preis. Das Gemälde, das der Berliner Senat kürzlich an die Erben des jüdischen Kunstsammlers Alfred Hess zurückgeben musste, ging für 38,096 Millionen Dollar an die New Yorker "Neue Galerie". In dem Ausstellungsraum an der schicken Fifth Avenue zeigt der Kosmetik-Erbe Ron Lauder seine beeindruckende Sammlung österreichischer und deutscher Kunst der Wende zum 20. Jahrhundert.
Lauders Coup hat einen schalen Beigeschmack: Der SPIEGEL berichtet in der aktuellen Ausgabe, dass Lauder wesentlichen Anteil am Zustandekommen der sogenannten "Washingtoner Konferenz" hatte. In dem Abkommen hatte unter anderem die Bundesregierung 1998 zugesichert, geraubte Kunstgüter an die Nachfahren von NS-Opfern zurückzugeben. Der Verdacht, dass Lauder mit seinem Eintreten für das Wohl von NS-Opfern nicht ganz uneigennützig gehandelt hat, erhärtet sich. Sein Vorgehen hat lange niemand durchblickt: Erst sorgt er dafür, dass wertvolle Gemälde an die Erben der früheren Besitzer zurückgegeben werden, dann kauft der als obsessive Sammler bekannte Lauder die Werke selbst auf, die anders niemals auf dem Kunstmarkt zu haben gewesen wären. Zwei Beispiele: Im Juni erwarb er für 135 Millionen Dollar Klimts "Adele Bloch-Bauer I", das durch seinen Einsatz kurz zuvor restituiert worden war, jetzt Kirchners "Berliner Straßenszene".
Ein Trost ist, dass die "Straßenszene" somit der Öffentlichkeit zugänglich bleibt und nicht im Tresor eines anonymen Anlegers im amerikanischen Mittelwesten oder in Russland, im mittleren oder im fernen Osten verschwindet. Ein Schicksal, das vielen Werken droht, die Erben jüdischer Kunstbesitzer vermehrt von der österreichischen und der deutschen Regierung zurückfordern, seit der Kunstmarkt so hohe Dividenden abwirft.
So die vier Klimt-Gemälde, die die Zuckerfabrikanten-Erbin Maria Altmann in einem acht Jahre währenden Streit dem österreichischen Staat abgerungen hatte. Das "Portrait von Adele Bloch Bauer II", "der "Birkenwald", der "Apfel Baum I" und die "Häuser in Unterach am Attersee" landeten nach 68 Jahren in Wien am Mittwoch auch auf dem Block der New Yorker Superauktion und erzielten insgesamt 192 Millionen Dollar - und verschwinden damit auf unbestimmte Zeit von der Bildfläche. Auktionator Christopher Burgess ließ nach der Versteigerung durchblicken, dass die Käufer sämtlich Privatiers gewesen seien.
Im Strudel des Spekulationswahns
Altmann, eine elegante ältere jüdische New Yorkerin, die noch immer nahtlos in einen astreinen Wiener Dialekt verfallen kann, war verständlicherweise nach dem ertragreichen Abend "überaus beglückt". Die Restitution der Gemälde, die ihrem Onkel Ferdinand Bloch Bauer gehört hatten, sei ein historischer Meilenstein und ein "Sieg für die Gerechtigkeit."
Die Lippenbekenntnisse der alten Dame vor der Versteigerung, die Kunst solle weiter der Öffentlichkeit zugänglich bleiben, waren unterdessen nicht sonderlich überzeugend. Zu den Versuchen der österreichischen Regierung, die Gemälde zu halten, sagte sie mitleidig: "Ich verteile keine Spenden." Das Begehren von Ron Lauder, die Bilder für seine Neue Galerie zu erwerben, kommentierte sie lakonisch damit, dass es Lauder ja frei stehe, darum mitzubieten. Den Willen ihres Onkels, die Werke in der Wiener Galerie Belvedere zu belassen, hielt sie gar für verjährt: "Die Bilder waren schließlich 68 Jahre lang dort."
Wenigstens konnte das Picasso-Porträt "Angel Fernandez de Soto" (geschätzter Verkehrswert: 60 Millionen Dollar) noch mit knapper Not dem Strudel des Kunst-Spekulationswahns entgehen. Keine 24 Stunden vor der Christie's-Auktion nahm ein New Yorker Richter das Werk aus dem Versteigerungskatalog, weil nicht geklärt ist, ob der frühere Besitzer von den Nationalsozialisten zum Verkauf gezwungen wurde. Christie's-Boss Dolman nannte die Verfügung "tragisch". Doch er gab sich zuversichtlich, dass auch dieses Bild schon bald in seinem Haus versteigert wird. Früher oder später holt sich der gefräßige Kunstmarkt alles, was er begehrt.
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