Von Daniel Haas
Ein Magazin in Zeiten des Internets "Tempo" zu nennen, das hat etwas von Selbstironie. Schnelligkeit ist heute eine Frage von Klicks, von Bits und Bytes. Aber "Tempo", das legendäre deutsche Pop-, Kultur- und Politik-Magazin der achtziger Jahre, ist längst kein Sprinter mehr im Meinungsbusiness. Im Gegenteil: Man hat sich Zeit gelassen, rund zehn Jahre lang, bevor man sich entschloss, am 1. Dezember eine Jubiläumsausgabe zu präsentieren.
Weil man aber geschult ist an der Logik des Mediengeschäfts, gibt es vor dem Diskurs den Shop, vor der Rhetorik das Marketing. Gestern eröffnete in der Berliner Chaussee Straße der "Laden auf Zeit", wo die Philosophie des Blattes - Markus Peichl, der Chefredakteur, würde sagen, seine "Haltung" - in Produktform Gestalt annimmt.
Die "Tempo"-Attitüde war früher im besten Sinne postmodern: U und E, Pop und Politik, Werbung und Kritik verbanden sich zum ersten Mal auch in Deutschland zum journalistisch schlüssigen Erscheinungsbild. Wenn also bei der Eröffnung Starjournalisten (Georg Diez, Adriano Sack), Jungschauspieler (Nora Tschirner) und Berliner Szenefolk (Mann mit Sonnenbrille und Uniformjacke, Schokolade verteilend) sich um Turnschuhe, T-Shirts und Handtaschen gruppierten, dann war das das perfekte Szenario: Ein Sneaker ist seit den achtziger Jahren immer auch eine Message; zum popintellektuellen Outfit gehört neben einem schicken Set an Ideen und Thesen auch die passende Footwear.
Design? Wort drauf!
Die Shop-Macher, allesamt junge Menschen, für die "Tempo" nicht der dernier cri des Journalismus, sondern eine nostalgische Textpreziose sein muss, haben den schmalen Präsentationsraum entsprechend gestaltet: Die Ausstellungsregale sind aus Heftstapeln gebaut (sinnigerweise nicht aus "Tempo"-, sondern aus "Architektur-und-Wohnen"-Ausgaben), die Wände mit Überschriften von "Tempo"-Artikeln beschriftet.
Text als Tapete - hübscher lässt sich die Einsicht, dass Information und Dekoration im Spätkapitalismus zusammengehören wie Häppchen zur Vernissage, kaum inszenieren. Dass das Design auch ein wenig an die einschlägige Gedenkstätten-Ästhetik erinnerte, gab dem Ganzen einen melancholischen Nebensinn: Im Mausoleum der Headlines begriff man schnell, dass Zeilen wie "Ist Köln ein Gerücht?" oder "Scheiße, seh' ich gut aus" in ihrer Coolness zwar nicht totzukriegen, letztlich aber nur noch als Wiedergänger einer versunkenen Ära des Popjournalismus zu lesen sind.
Maxim Biller, einer der Gründungsautoren des Blattes, ist auf der Wand mit dem "Arschfisch" vertreten. So hieß seine erste "100 Zeilen Hass"-Kolumne, die er für "Tempo" schrieb. Der "Arschfisch" erklärte, warum der Hollywood-Star Mickey Rourke unausstehlich attraktiv ist und welchen Schaden das in der Beziehung eines deutschen Intellektuellen anrichten kann. So einen Text würde man heute allenthalben in Männermagazinen lesen, dann allerdings um die entscheidende Kulturdiagnostik verknappt und auf unterstes Testosteron-Niveau abgesenkt.
Der Autor hatte also nicht ganz unrecht, wenn er schimpfte, die Journalisten sollten aufhören, ihre Chefs zu fürchten: "Von 'Tempo' lernen heißt, angstlos zu sein!" So sieht es auch Peichl, der aber ein Realo des Business ist und gerade deshalb nur eine einzige Ausgabe präsentierten will: "Journalistisch und grafisch top zu sein und dabei auch noch einem Avantgarde-Status gerecht zu werden, das lässt sich unter den gegebenen Umständen nicht als Periodikum umsetzen."
Im Shop wenigstens praktizierte man den furchtlosen Umgang mit Themen und Ideen: Schon nach kurzer Zeit begannen die Gäste, die Buchstaben von der Wand zu lösen und neue Wörter zu bilden. "Lizenz zum Pulen", auch eine "Tempo"-Headline: Hier wurde sie zur ästhetischen Praxis, eine heitere Dekonstruktion des Projektes, dem zu huldigen man angetreten war.
Schneller lässt sich auf einen Text kaum reagieren. Dafür muss man dann schon ins Internet.
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