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17.11.2006
 

Haacke-Retrospektive

Poesie und Provokation

Von Anne Meyer-Gatermann

Man kennt Hans Haacke als kreativen Provokateur und Haudegen. Um so überraschender die beiden Retrospektiven in Hamburg und Berlin: Sie zeigen auch das zarte, poetische Talent des Künstlers.

Eine kühle Brise und ein flatternder Fluss aus Chiffon empfangen die Besucher in den Hamburger Deichtorhallen. Für seine Installation "Wide White Flow" von 1967, die hier wiederauferstanden ist, hat Hans Haacke - eigentlich als Enfant terrible des Kunstbetriebs bekannt - vor eine Reihe Ventilatoren ein Tuch geheftet, das sich in sanften Wellen hebt und senkt.

Statt bissiger Provokationen und Abrechnungen mit den großen Museen, der Wirtschaft und der Politik, wirkt Haacke plötzlich wie ein Romantiker. Die Überraschung ist gelungen - sein wenig bekanntes Frühwerk offenbart eine kaum bekannte Seite des Bürgerschrecks.

Aber keine Sorge, die berüchtigten Werke sind ebenfalls vertreten: Vor der Fensterfront hängen riesige schwarze Transparente, auf denen die Worte "Zum Appell. Deutsche Industrie im Irak" in altdeutscher Schrift einen Totenkopf umrahmen. Rechts und links daneben befindet sich jeweils eine Liste der Firmen, die militärisches Material in den Irak lieferten. Diese Arbeit hatte Haacke 1991 auf dem Münchner Königsplatz installiert und damit für Empörung gesorgt.

Erstmals in Deutschland ist auf der Retrospektive "Hans Haacke. wirklich – Werke 1959 -2006" ein repräsentativer Ausschnitt aus dem Schaffen des Konzeptkünstlers zu sehen, der seit 1965 in New York lebt. Ein Teil wird in den Hamburger Deichtorhallen gezeigt, der andere befindet sich in der Akademie der Künste in Berlin. Mit der neuen Zugverbindung könne man ja beide Ausstellungen in einem Tag besuchen, lautete Haackes lapidarer Kommentar dazu.

Der Schwerpunkt in Hamburg liegt auf den frühen und den wirtschaftlich-soziologischen Arbeiten, während die Berliner Akademie der Künste, in direkter Nachbarschaft zum Reichstag und dem Neubau der amerikanischen Botschaft, die politischen Werke Haackes zeigt.

Kathedrale für den Museumsschreck

Robert Fleck, Kurator in den Deichtorhallen, hat sein Haus für Haacke in eine Kathedrale verwandelt: Die riesige Fensterfront am hinteren Ende der Halle wurde frei geräumt. Es gibt ein großräumiges Mittelschiff und rechts und links davon ein Seitenschiff, das in kleine Kojen oder Kapellen untergliedert ist.

Die delikaten frühen Arbeiten aus den sechziger Jahren finden sich in diesen Kabinetten: Wassertropfen perlen von den Wänden eines durchsichtigen Kubus, und kleine Stifte auf einer durchsichtigen Platte werden zum kinetischen Erlebnis, weil sie über einem Spiegel angebracht sind – bewegt der Betrachter seinen Kopf, dann tanzt ein Punktmuster vor seinen Augen. In "High Voltage Discharge Travelling" zeigt sich jedoch bereits, Haacke kein Kuschel-Künstler ist: Hochspannung entlädt sich zwischen zwei Metallbändern und wandert als blauweißer Faden durch eine Glasröhre. Das dazugehörige Geräusch hält den Betrachter unweigerlich auf Abstand.

In Berlin präsentiert man Haacke vor allem als homo politicus. Eine Installation an der Fassade der Akademie der Künste erinnert an Menschen, die aus rassistischen Motiven ermordet wurden: Textilbahnen mit ihren Namen und den Worten "Weil sie nicht deutsch aussahen" hängen vor der Glasfassade. Auch die Dokumentation der Debatte um Haackes Projekt "Der Bevölkerung" im Jahr 1999 wird gezeigt. Die Installation im nördlichen Lichthof des Reichtagsgebäudes spielt kritisch auf die Inschrift "Dem deutschen Volke" am Eingang des Gebäudes an – sie grenze in Deutschland lebende Ausländer aus. Unter den Abgeordneten des Bundestages entbrannte damals ein heftiger Streit darüber, ob der Künstler sein Werk im Zentrum der Macht ausstellen dürfe.

In der großen Halle in Hamburg hingegen liegt neben einem mit frischem Gras bewachsenen Hügel ("Grass Grows", 1969) eine Zigarettenschachtel mit der Aufschrift "Helmsboro". Mit "Helmsboro Country" machte Haacke 1990 auf die Beziehung zwischen der Tabakfirma Philip Morris und dem ultrakonservativen US-Senator Jesse Helms aufmerksam. Helms, der für seine Homophobie bekannt ist, führte damals eine Kampagne gegen das National Endowment for the Arts (US-Regierungsbehörde zur Kunstförderung) - er wollte die staatliche Förderung von Kultur abschaffen.

"Wer Geld gibt, kontrolliert"

Zwei differenzierte Schauen also - dabei hat Haacke prinzipiell ein gespanntes Verhältnis zu Museen: Seine Enthüllungskunst brachte ihm Konflikte mit großen Ausstellungshäusern ein – darunter das Guggenheim in New York und das Kölner Wallraf-Richartz-Museum. Zwischen dem Kölner Museum und Haacke kam es 1974 zum Eklat, weil der Künstler in seiner Arbeit "MANET-PROJEKT ’74" die Herkunft eines Manet-Gemäldes dokumentierte. Ins Visier geriet dabei der Kuratoriumsvorsitzende und Bankier Hermann Josef Abs, der trotz einer Karriere im Dritten Reich in der Bundesrepublik zu Erfolg und Ehren kam.

Den Museen dürfte nicht gefallen, dass Haacke sich vehement gegen Kultursponsoring ausspricht. Seit vom Bund immer weniger Mittel an die Kultur fließen, werden auch in Deutschland immer mehr Ausstellungen von großen Firmen finanziert. Haacke kritisiert, dass die Geldgeber Einfluss auf die Ausstellungen nähmen und begegnet dieser Praxis mit Kunstwerken, in denen er diese Einflussnahmen thematisiert. So auch das documenta-Plakat "Standortkultur" von 1997, worauf unter anderem das damalige Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, Hilmar Kopper, zitiert wird: "Wer das Geld gibt, kontrolliert." Zur Eröffnung der documenta X wurde es deutschlandweit plakatiert.

Die Retrospektive wird natürlich nicht von einem Sponsor getragen - sondern von der Bundeskulturstiftung.


"Hans Haacke. wirklich - Werke 1959 -2006": Deichtorhallen, Hamburg: 17. November 2006 – 4. Februar 2007 und Akademie der Künste, Berlin: 18.November 2006 – 14. Januar 2007.

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