Aus Düsseldorf berichtet Peer Schader
Die vier jungen Frauen tragen Schlabberhosen, Schals und Fusselpullis, stehen oben auf der Bühne vor ihren Mikrofonen und proben müde eine Choreographie. Eine vermasselt den Tanzschritt und steht plötzlich ihrer Kollegin auf den Füßen. Das Playback läuft weiter, die beiden kichern, kriegen sich wieder ein, und fangen von vorne an. Lustig, diese Generalprobenmädchen, denkt man, die nehmen das alles nicht so ernst. Und ist ein bisschen überrascht, sie zwei Stunden später in der Show wieder zu sehen, in Glitzertops und hohen Stiefeln. Die All Saints sehen eben auch nicht von morgens bis abends aus wie eine international erfolgreiche Girlband.
Wenn man vom Fernsehen eines wissen sollte, dann ist das wohl: Nichts ist so, wie es scheint. Hauptsache, es macht später auf dem Bildschirm einen guten Eindruck.
Im Düsseldorfer ISS Dome, einer Eishockey-Halle, die jemand vor ein hässliches Parkhaus in ein karges Industriegebiet gepflanzt hat, sieht an diesem Abend alles ein bisschen so aus, als hätte ein verrückter Wanderzirkus Halt gemacht. Durch den rosa und gelb angestrahlten Plastiktunnel, der die Garderoben mit dem Backstagebereich verbindet, laufen Muskelmänner, Kleinwüchsige und eine Gruppe Cheerleader mit Weihnachtsmannmützen. Draußen am roten Teppich zielt eine Handyarmada auf jeden Neuankömmling, der aus einer Limousine steigt, die ein paar hundert Meter nebenan gestartet ist, eine Schleife dreht und dann wieder zurückfährt, um die nächsten Promis einzuladen. Dazwischen hastet Moderatorin Verona Pooth verspätet zur Probe und am Fiepsen aus der Ferne hört man schon, dass auch Viva-Moderatorin Gülcan da ist.
Zum vierzigsten Mal in zehn Jahren soll an diesem Abend die RTL-II-Musikshow "The Dome" über die Bühne gehen, mit 16 Musik-Acts in knapp drei Stunden. Wer wissen will, wie Popkultur funktioniert, der muss sich das ansehen: Viermal im Jahr tritt jeder, der in den deutschen Charts etwas auf sich hält, zum "Dome" an. 600.000 CD-Sampler werden jährlich zusammen mit der Plattenfirma Universal verkauft, längst gibt es auch ein eigenes "Dome"-Magazin.
Schulschwänzer werden einkassiert
Das kann man belächeln oder als Kommerzshow abtun, wenn man nicht auf Yvonne Catterfeld oder Boybands wie US5 steht. Aber als 13-jähriger Teenager mit Fotohandy kommt man am "Dome" nicht vorbei. Vierzig Euro kostet eine Eintrittskarte. Das ist taschengelderschöpfend, lohnt sich für die meisten aber dennoch: Die Show vor der Show gehört zum Event dazu. Um von seinem Lieblingsstar das mit Herzchen gespickte Liebesbuch signiert zu bekommen, stehen die meisten den ganzen Tag an – selbst wenn so ein in der Menge errungenes Autogramm nachher eher aussieht, als sei einem Nachwuchsmaler im Kindergarten der Filzstift ausgerutscht. Am Morgen war das Ordnungsamt mit 15 Beamten da, um per Ausweiskontrolle Schulschwänzer zu erwischen. Das muss man sich mal vorstellen: Staatsgewalt gegen kreischende Teenager.
Hundert Mädchen, die besonders früh hergepilgert sind, haben die Chance, direkt an den roten Teppich vorzurücken, der abgesperrt an einem Nebeneingang ausgelegt ist. Alles läuft unerwartet zivilisiert ab, auch als fanatischer Fan hat man seine Routine. Wenn ein Star anrollt, wird wieder kollektiv tief Luft geholt.
Da huschen die Ex-"Popstars"-Kandidatinnen, die es nicht in die Band geschafft haben, über den Teppich. Zwei, dreimal wird der Riesenjubel für die Kamera wiederholt, und man sieht den jungen Frauen an, wie viel Spaß es ihnen macht, hier im Mittelpunkt zu stehen und für die Fotografen zu lächeln. Nicht erst, als die Jungrocker Killerpilze auftauchen, wird klar: Die, die hier hinter der Absperrung warten, sind oft genauso alt wie die, die davor entlang spazieren. Nur posieren können die vermeintlichen Idole schon wie die Großen.
Aufgekratzte Teenager - aufatmende Eltern
Beim Sender heißt es, "The Dome" sei die größte Musikshow Europas. Shakira war schon da, Kylie Minogue, die Sugababes, Ricky Martin, Lenny Kravitz, die Backstreet Boys. Zum zehnjährigen Jubiläum sollen an diesem Abend Bushido, Reamonn, Ex-"No Angel" Sandy und die neue "Popstars"-Band Monrose auf der Bühne stehen. Pünktlich um 19 Uhr startet die Aufzeichnung. "Let's get ready to partyyy!", röhrt Berufsgröler H. P. Baxxter von Scooter, der die Show mit Pooth und Gülcan moderiert - wenn man das noch so nennen kann.
Zeit für große Worte bleibt kaum. Die Auftritte folgen Schlag auf Schlag. Ein, zwei Songs darf jeder spielen, dann ist gleich der nächste dran. Während auf der einen Seite der Bühne gehopst und gesungen wird, baut das Team auf der anderen schon wieder um. Zwischendurch jagt ein Feuerregen den nächsten – jedem Pyrotechnikfan triebe es die Freudentränen in die Augen. Dass nichts schief geht, ist tatsächlich eine organisatorische Meisterleistung. Vor Ort braucht die Crew eine Woche zur Vorbereitung des Drei-Stunden-Events.
US5 und die All Saints geben den Startschuss für den vierzigsten "Dome", dann trällert Yvonne Catterfeld. Inzwischen wird das Girlband-trifft-Boyband-Prinzip aber von den Veranstaltern immer mal wieder aufgebrochen. Neben Baxxters Plastikkombo Scooter sind diesmal auch Mia aus Berlin und Rosenstolz da, nicht gerade klassische Lieferanten von Teeanagerhits. Und den größten Applaus bekommt Rapper Bushido. Ohrenbetäubender wird es nur noch als Monrose ihren ersten richtig großen Auftritt haben. Unglaublich, wie sehr die Zielgruppe Senna, Bahar und Mandy feiert, obwohl sie gerade mal einen Song veröffentlicht haben.
Kurz vor 22 Uhr ist's dann vorbei. In der Halle sieht man ein paar mitgekommene Eltern aufatmen, aufgekratzte Teeanger wollen gar nicht mehr aufhören zu tanzen, dann ist die Halle aber doch in wenigen Minuten leer. Im neuen Jahr gastiert der Wanderzirkus dann in Mannheim. In irgendeinem Industriegebiet ist immer Platz.
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