ThemaBedrohte WörterRSS

Alle Kolumnen

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
18.12.2006
 

Das Wort zum Montag

Heimliches Wappen öffentlich-rechtlicher Kultur

Von Bodo Mrozek

Neu bei SPIEGEL ONLINE: Bodo Mrozeks Kolumne "Das Wort zum Montag". Heute: Ein Emblem digitalen Designs, das wohl bald in Vergessenheit geraten wird - das Testbild gehört in eine Ära, als Spätfilme und Telefonerotikwerbung im Fernsehen undenkbar waren.

Erinnern Sie sich noch? Es war quasi das heimliche Wappen der öffentlich-rechtlichen Kultur. Wenn das Sandmännchen seinen Abendgruß gestreut hatte und die letzte Nachricht verlesen war, schaltete der Sender einfach ab, damit das Volk seine Nachtruhe einhalte. Man musste ja am nächsten Morgen wieder pünktlich zur Arbeit gehen. Der Nordwestdeutsche Rundfunk beispielsweise sendete 1952 ausschließlich zwischen 20 und 22.30 Uhr. Danach erschien auf allem Kanälen zu nachtschlafender Zeit ein abstraktes Kunstwerk.

Abstraktes Kunstwerk zur Nachtruhe: Heute ersetzen Telefonwerbespots das Testbild
Zur Großansicht
DPA

Abstraktes Kunstwerk zur Nachtruhe: Heute ersetzen Telefonwerbespots das Testbild

Die Mandalas aus Kreisen, Feldern und Linien flimmerten in allen staatstragenden Graustufen, bis Kanzler Willy Brandt auf der Funkausstellung am 25. August 1967 mit einem symbolischen Knopfdruck das Farbfernsehen einschaltete. Alle Augen richteten sich auf den Monitor. Man sah: ein Testbild.

Fernsehsüchtige sollen in der Frühzeit des Mediums so viele Nächte auf das Testbild gestarrt haben, dass es sich förmlich auf der Netzhaut einbrannte und sie auch tagsüber die Welt nur durch dessen Gitterraster sahen. Es dauerte Jahrzehnte, bis sich die Erkenntnis Bahn brach, dass man anstelle von Testbildern auch nachts Fernsehsendungen ausstrahlen konnte. So kamen die Zuschauer in den Genuss angestaubter Kulturbeiträge, oder man wiederholte einfach Vorabendsendungen.

Der Zusammenhang vom Ende der Vollbeschäftigung und der Abschaffung des Testbildes bzw. dem Beginn des Nachtfernsehens wäre eine Untersuchung wert. Nach einer Zwischenphase, in der Aquariumssimulationen oder Bahnstrecken abliefen, bei deren Betrachtung sich der kindliche Berufswunsch Lokführer simulieren ließ, ging man nahtlos zum Ausstrahlen von Telefonwerbespots mit Frauen im Evaskostüm über. Es spricht einiges für die These, dass das Fernsehen mit dem Testbild auch seine Unschuld verloren hat.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Gesellschaft
alles zum Thema Bedrohte Wörter

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP