Von Bodo Mrozek
Erinnern Sie sich noch? Es war quasi das heimliche Wappen der öffentlich-rechtlichen Kultur. Wenn das Sandmännchen seinen Abendgruß gestreut hatte und die letzte Nachricht verlesen war, schaltete der Sender einfach ab, damit das Volk seine Nachtruhe einhalte. Man musste ja am nächsten Morgen wieder pünktlich zur Arbeit gehen. Der Nordwestdeutsche Rundfunk beispielsweise sendete 1952 ausschließlich zwischen 20 und 22.30 Uhr. Danach erschien auf allem Kanälen zu nachtschlafender Zeit ein abstraktes Kunstwerk.
Die Mandalas aus Kreisen, Feldern und Linien flimmerten in allen staatstragenden Graustufen, bis Kanzler Willy Brandt auf der Funkausstellung am 25. August 1967 mit einem symbolischen Knopfdruck das Farbfernsehen einschaltete. Alle Augen richteten sich auf den Monitor. Man sah: ein Testbild.
Fernsehsüchtige sollen in der Frühzeit des Mediums so viele Nächte auf das Testbild gestarrt haben, dass es sich förmlich auf der Netzhaut einbrannte und sie auch tagsüber die Welt nur durch dessen Gitterraster sahen. Es dauerte Jahrzehnte, bis sich die Erkenntnis Bahn brach, dass man anstelle von Testbildern auch nachts Fernsehsendungen ausstrahlen konnte. So kamen die Zuschauer in den Genuss angestaubter Kulturbeiträge, oder man wiederholte einfach Vorabendsendungen.
Der Zusammenhang vom Ende der Vollbeschäftigung und der Abschaffung des Testbildes bzw. dem Beginn des Nachtfernsehens wäre eine Untersuchung wert. Nach einer Zwischenphase, in der Aquariumssimulationen oder Bahnstrecken abliefen, bei deren Betrachtung sich der kindliche Berufswunsch Lokführer simulieren ließ, ging man nahtlos zum Ausstrahlen von Telefonwerbespots mit Frauen im Evaskostüm über. Es spricht einiges für die These, dass das Fernsehen mit dem Testbild auch seine Unschuld verloren hat.
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