Frage: Frau Obermaier, Sie leben seit mehr als 20 Jahren in Amerika. Fühlen Sie sich in Ihrer Geburtsstadt München noch heimisch?
Obermaier: Sehr. Auch wenn ich inzwischen einen amerikanischen Pass habe, fühle ich mich immer noch bayerisch. Mit der sprichwörtlichen Oberflächlichkeit der Kalifornier hatte ich zwar anfangs Probleme, inzwischen ist mir diese unverbindliche Nettigkeit aber oft lieber als die bayerische Griesgrämigkeit.
Frage: Was spricht denn für die Oberflächlichkeit?
Obermaier: Dass die Menschen lockerer miteinander umgehen. Erst kürzlich kam jemand im Supermarkt auf mich zu, sagte mir, wie hübsch er meinen Hut fände und ging dann weiter. So etwas kann einem den ganzen Tag versüßen.
Frage: Haben Sie nie über eine Rückkehr nach Deutschland nachgedacht?
Obermaier: Eigentlich nein. Es gab eine Zeit, in der es – mein Mann war tödlich verunglückt, meine Zeit als Fotomodell war vorbei und ich hatte keine Ahnung, wie es weitergehen soll – nahe gelegen hätte. Aber ich wollte nicht wie ein Hund nach Hause kriechen. Außerdem kam mir Deutschland damals noch sehr beengend vor.
Frage: Das klingt so, als hätte sich das inzwischen geändert.
Obermaier: Deutschland hat sich verändert, es ist sehr viel liberaler geworden. Die Verhältnisse haben sich umgekehrt: Mittlerweile kommt mir Amerika fast ein wenig eng vor. Aber ich glaube, dass dieses konservative, mittelalterliche Klima bald umschlägt. Zumindest hoffe ich es. Derzeit jedenfalls fällt es mir schwer, den Fernseher einzuschalten, ohne mich ärgern zu müssen.
Frage: Haben Sie sich politisch engagiert?
Obermaier: Ich habe gewählt, was scheinbar wenig genützt hat. In Kalifornien ist man ja mit Schwarzenegger und Bush doppelt bestraft. Politisch engagiert habe ich mich, wenn ich ehrlich bin, noch nie.
Frage: Wie kommt es dann, dass Sie bis heute als prägende Figur der deutschen 68er gelten?
Obermaier: Meine Rolle wurde oft falsch interpretiert. Ich bin nicht aus politischen Gründen in die Kommune 1 gegangen, wollte weder die Welt verändern noch ein Rebell sein oder zum Zugpferd der freien Liebe werden. Ich bin dort eingezogen, weil ich mich in Rainer Langhans verliebt habe.
Frage: Der zu jener Zeit immerhin vom Verfassungsschutz observiert wurde.
Obermaier: Er machte sich über alles – die Verfassung, das Gesetz, die Gerichte – lustig. Für mich ist Humor lebensnotwendig, ich bin kein tiefgründig veranlagter Mensch. Mich fesselte nicht die Politik, sondern der Sarkasmus, die Kreativität und der Humor seiner Aktionen. Was bei anderen Mitbewohnern aber schnell in Aggression und Militanz umschlug.
Frage: Abgesehen von der Liebe zu Rainer Langhans: Was hielt Sie dort?
Obermaier: Ich bin ich ein sehr offener Mensch, der immer lernen wollte. Den Unterschied zwischen Kommunismus und Kapitalismus hat man mir jedenfalls ziemlich schnell beigebracht – das grenzte schon an Gehirnwäsche. (lacht) Und ganz nutzlos war ich ja nicht: Immerhin zeigte ich ihnen, wie man lebt. Außerdem gefiel mir das Konzept der selbst gewählten Familie, in der Probleme, anders als beim herkömmlichen Familienmodell, nicht hinter verschlossenen Türen, sondern öffentlich diskutiert werden.
Frage: Von was lebten Sie?
Obermaier: Von der Gemeinschaftskasse. Geld kam entweder von den Eltern oder von gelegentlichen Konzerten. Oder eben von meinen Jobs als Fotomodell.
Frage: Sie arbeiteten mit Helmut Newton und hatten Fotostrecken in der amerikanischen "Vogue" und im "Playboy". Heute sind Mädchen mit so einem Background steinreich.
Obermaier: Das mag sein. Ich habe mich fotografieren lassen, hätte mich selbst aber nie als Model bezeichnet. Models sind meistens gierig und reißen sich um jeden Job. Ich wollte nie Karriere machen. Einmal habe ich ein wirklich sehr gutes Angebot abgelehnt, weil ich mit Freunden zum Baden an der Isar verabredet war. Ich konnte mich schlecht dagegen wehren. Ich wollte immer das tun, worauf ich gerade Lust hatte.
Frage: Oscarpreisträger Carlo Ponti – der Produzent von "La Strada" oder "Doktor Schiwago" – wollte Sie zu einem internationalen Filmstar machen. Waren Sie da wieder anderweitig verabredet?
Obermaier: Da fehlte mir schlicht das Talent, was ich gottlob relativ früh gemerkt habe. Andere registrieren so etwas ein Leben lang nicht.
Frage: Im Februar kommt Ihre Biografie "Das Wilde Leben" in die deutschen Kinos. Ist es möglich, so viel Leben auf zwei Stunden Film zu komprimieren?
Obermaier: Ich denke nicht, dass es notwendig ist, haarklein zu schildern, wie meine Mutter getickt hat. Wichtig ist, dass der Zuschauer versteht, warum ich unbedingt weg wollte. Nachdem sich meine Eltern scheiden ließen, hatte meine Mutter einen neuen Freund, den ich total ablehnte. Hinzu kam, dass ich nicht so oft ausgehen durfte, wie ich wollte. Ganz normale, lapidare, egoistische Gründe also. Ich war ein 18-jähriger Dickkopf. Ich habe mich schon tausend Mal bei meiner Mutter entschuldigt, dass ich so garstig zu ihr war.
Frage: Stimmt es eigentlich, dass Sie und Ihr Mann in jedem Land nach Landessitte heirateten? Das Gerücht hält sich hartnäckig.
Obermaier: Nein, das wurde erfunden. Wir heirateten nur einmal, in Indien.
Frage: Was schon erstaunlich genug war. Viele glaubten, dass Sie nie heiraten würden.
Obermaier: Das dachte ich auch. Aber Dieter Bockhorn war das, was ich nach meiner Rock’n’Roll-Phase suchte und brauchte: Sicherheit und die Chance, das Leben auf der Straße zu erleben. Also sind wir durch Asien, Amerika und Mexiko getingelt – und haben eben geheiratet.
Frage: Sicherheit und ein Leben auf der Straße hätten Sie bei den Rolling Stones auch haben können.
Obermaier: Es wäre eine andere Sicherheit gewesen und ich hätte nicht mein, sondern ihr Leben gelebt. Man wurde zwar hofiert, bis man sich selbst vorkam wie ein Rolling Stone – aber das Einzige, was ich gut konnte, war das Drehen von Joints. Ich wusste instinktiv, dass ich in dieser Männerdomäne keine Chance gehabt hätte. Ich wollte kein Opfer werden. Davon lagen schon genug am Wegesrand.
Frage: Wie kamen Sie überhaupt in den Dunstkreis der Band?
Obermaier:Damals war ich noch mit Rainer Langhans zusammen. Wir planten ernsthaft, mitten in Bayern Woodstock zu veranstalten. (lacht) Weil wir jemanden von der Plattenfirma der Rolling Stones kannten, wurden wir in ihr Londoner Studio eingeladen. Na ja, ich kam gerade vom Einkaufen: Ich trug Schlangenlederstiefel, eine Fransenjacke und die ersten Hot Pants. Mick Jagger kam die Treppe herunter, sah mich, blieb stehen und sagte nur: "You are beautiful!" Ich wäre beinahe ohnmächtig geworden.
Frage: Wie reagierte Ihr Freund?
Obermaier: Erst mal gar nicht. Rainer sagte ja immer, dass er nicht eifersüchtig sei und hielt große Reden gegen die Besitzverhältnisse innerhalb von Beziehungen. Das war und ist bei mir ganz anders: Ich bin höllisch eifersüchtig. Und weil mir Mick natürlich schon immer gefallen hat, war dies eine gute Gelegenheit um herauszufinden, wie eifersüchtig Rainer in Wirklichkeit ist. Wir knutschten, bis wir unter dem Tisch lagen. Mick bat mich noch, mit ihm nach Hause zu gehen, aber das wollte ich nicht.
Frage: Wegen Ihrem Freund?
Obermaier: Nein, wegen der neuen Schlangenlederstiefel. Ich bin den ganzen Tag damit herumgerannt – ich wusste nicht, wie das riecht, und wollte es an diesem Abend auch nicht herausfinden. Wenig glamourös, oder?
Frage: Deswegen haben Sie dem größten Sexsymbol Ihrer Zeit einen Korb gegeben?
Obermaier: Zumindest an diesem Abend. Wahrscheinlich war ja genau das der Grund, warum mich Mick – ich glaube, dass er es nicht gewohnt war, abgewiesen zu werden – durch einen seiner Agenten suchen ließ.
Frage: Dafür hätten andere Groupies einiges gegeben.
Obermaier: Ich habe mich nie als Groupie verstanden. Ich fand nun mal Musiker gut, weil sie gesetzlose, kreative Männer sind. Der Rest hat sich zufällig ergeben. Sonderlich verrenken musste ich mich dabei wirklich nie. Bei Jimi Hendrix zum Beispiel tat ich gar nichts. Er war umringt von Mädchen, sah mich und führte mich – ohne ein Wort zu sagen – an der Hand in sein Zimmer. Eigentlich Wahnsinn. Vielleicht liegt es daran, dass ich mich nicht verstellen konnte. Ich bin, was ich bin. Deshalb habe ich jetzt auch kein Problem damit, über meine Affären zu sprechen.
Frage: Zweifelten Sie nie an Ihrem Lebensstil?
Obermaier: Es gab viele Situationen, in denen ich am Boden war und mich fragte, ob ich das Richtige getan habe. Ich hatte Existenzängste, fühlte mich oft unsicher und schwach. Manchmal wünschte ich mir, ich hätte auf meine Mutter gehört und einen Arzt oder Anwalt geheiratet. Aber das ist ein Punkt in meinem Leben, auf den ich sehr stolz bin: Ich habe mich nie verkauft. Ich habe immer getan, was ich wollte und wusste genau, dass ich kein anderes Leben führen kann – auch wenn es unter einer Brücke enden würde.
Das Interview führte Gerd Rosenacker
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