Von Peer Schader
Man muss sich das mal vorstellen: RTL sucht wieder seinen "Superstar" - und zu den Castings kommen neben den paar, die wirklich tolle Stimmen haben, nur mittelmäßig begabte Bewerber, deren Gesang für Hochzeiten und Karaokeabende reicht, die einen nicht umhauen, aber auch nicht besonders schlimm sind. Alle Ausgeflippten haben sich vorher zusammengeschlossen und abgesprochen, die Veranstaltung zu boykottieren, um nachher nicht wochenlang mit ihren schief gelaufenen Auftritten beim Vorsingen durchs komplette RTL-Programm gereicht zu werden.
Der Sender müsste seine nächste Staffel "Deutschland sucht den Superstar" glatt um die Hälfte kürzen.
Am Mittwochabend war Auftakt für die vierte "Superstar"-Suche - und alles war wie immer, weil die Ausgeflippten natürlich nicht zu Hause geblieben sind. RTL hat das aber auch geschickt angestellt: Eines der Castings wurde im Sommer auf Mallorca veranstaltet.
Die Jury um Großmaul Dieter Bohlen, Heinz Henn und die neu dazu gekommene Künstlermanagerin Anja Lukaseder saß vor Mittelmeerkulisse hinter ihrem Pult am Pool. Und schon die erste Kandidatin, Bäckereiverkäuferin Johanna aus Wuppertal, war eine echte Wucht. Jedenfalls für alle, die es mögen, wenn drallen älteren Blondinen fast das Dekolleté platzt und sie dazu singen: "Ich hab die Haare schön und ich hab auch die Möpse schön."
Gesangsschnipsel als Klingelton
Johanna hat es nicht geschafft. So viel sei verraten. Aber das hat sie nicht weiter gestört. "Dabei ist alles!", hat sie zum Abschluss gesagt. RTL hat das so gut gefallen, dass sie Johanna gleich eine eigene Website eingerichtet haben, auf der man ihr "Ich hab die Haare schön" und "Dabei ist alles" für 1,99 Euro als Klingelton aufs Handy runterladen kann.
Wer sind hier eigentlich die Verrückten? Die vor oder die hinter der Kamera?
Schon beim dritten, vierten Kandidaten, den RTL zeigte, wurde es im Hintergrund dunkel. Da muss eine Menge geschnitten worden sein zwischendurch. Beim Mallorca-Vorsingen haben es nicht besonders viele Kandidaten in den Recall geschafft, die nächste Runde. Immerhin bot sich für RTL die Gelegenheit, ein paar Mallorca-Bilder mit Bikinischönheiten beim Duschen dazwischenzuschneiden. Und wahrscheinlich war sowieso von vornherein einkalkuliert, dass auf Mallorca bloß die Spaßfraktion antanzen würde: betrunkene junge Männer in Shorts, die Ballermann-Hits schmettern.
Bei den Dicken wackelt die Kamera
Sowieso sind die ersten "Superstar"-Wochen, in denen noch nicht die großen Entscheidungen fallen wie nachher in den Liveshows, eher Freakshow als Talentwettbewerb. Es geht weniger darum, die großen Naturbegabungen zu zeigen, sondern vor allem die Reinfälle, die komischen Typen und jene, die wirklich gar keinen Ton treffen.
Wer es lustig findet, dass RTL das Bild wackeln lässt und dazu Stampfgeräusche einspielt, wenn eine dicke Kandidatin zum Vorsingen in den Raum kommt, der ist hier richtig aufgehoben.
Geht es überhaupt noch jemandem um die Karriere? Eigentlich müsste sich inzwischen herumgesprochen haben, dass man als "Superstar"-Gewinner bloß durch ein paar Talkshows gereicht wird - aber mit dem Star-Sein tendenziell scheitert.
Nur zur Erinnerung: Dass Tobias Regner, Sieger der dritten Staffel, seine erste Single veröffentlichte, ist gerade mal ein Dreivierteljahr her. Es kommt einem vor wie eine Ewigkeit.
Zumindest "Bild" ist das egal. Dieter Bohlens Heim- und Hausorgan ist wieder von Anfang an dabei. Am Tag der Ausstrahlung betete das Blatt schon seine "härtesten Sprüche" herunter, und in den nächsten Folgen dürfte noch das ein oder andere Mini-Skandälchen von RTL rübergereicht werden, damit "Deutschland sucht den Superstar" möglichst lange im Gespräch bleibt. Wenigstens so lange, um bei den Quoten genauso gut abzuschneiden wie 2006.
Bohlen grantelt wie ein Kleinkind
Zum Auftakt am Mittwoch machte Bohlen als "Superstar"-Chef allerdings einen eher genervten Eindruck. "Du stehst da wie ein Schwanz in der Hochzeitsnacht, aber es kommt nix raus", schleuderte er von sich. Und: "Wenn du die Stimmbänder in den Müll schmeißt, ist das artgerechte Haltung."
Jurykollege Heinz Henn macht ihm allerdings langsam Konkurrenz: "Wenn ich das nächste Mal nach Spanien fahr, nehm ich dich als Klimaanlage mit - denn du lässt mich völlig kalt", wirft er einem Mädchen an den Kopf, das nachher ganz aufgelöst ist und furchtbar viele Tränen weint.
Bohlen thront trotzdem wie ein kleiner König hinterm Jurytisch und ist eingeschnappt, wenn seine Kollegen mal anders als er entschieden haben. So lange, bis sie ihm doch noch zustimmen: "Sonst hör ich jetzt und hier bei 'Deutschland sucht den Superstar' auf." Er grantelt wie ein Kleinkind, grinst sein fieses Hyänengrinsen und macht stets seine Herrschaftsansprüche klar: Ich bin hier der Chef!
Eigentlich müsste man ihn bemitleiden.
Ein paar Gesangstalente waren in der Auftaktfolge dann natürlich doch dabei, zumal es nach dem Casting auf Mallorca noch zurück nach Deutschland ging, wo die Jury im Wiesbadener Kurhaus ein paar Recall-Kandidaten rausfischte. "Man denkt nach jeder Staffel: Beklopptere können nicht kommen", das hat Bohlen zwischendurch bilanziert.
Für die Jury-Zusammensetzung gilt das ohnehin.
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