Aus Leipzig berichtet Jenny Hoch
Leipzig - Seit Stunden drängen sich die Schaulustigen hinter einer roten Absperrkordel. Doch die Stars, die sie sehen und anfassen wollen, geben sich spröde. "Zurück, zurück!", ruft ein Ordner immer wieder, aber die Menge rückt schwitzend und fluchend näher. Dabei sind die Objekte ihrer Begierde keine glanzvoll gestylten Hollywoodstars wie auf der Berlinale, sondern 395 kleinformatige Gemälde, Fotos oder Grafiken. Ordentlich aufgereiht hängen sie an der Wand, eingepackt in Zellophanhüllen und warten darauf, für sensationell günstige 30 Euro verkauft zu werden.
Kunst zum Discountpreis, diesen Marketinggag hat sich die altehrwürdige Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, kurz HGB, für den diesjährigen Akademie-Rundgang ausgedacht. Der Clou: Alle Arbeiten der Aktion "Leipziger Schule zum Mitnehmen" sind anonym, so dass der Käufer nicht weiß, ob er ein Werk des Malerstars Neo Rauch, der in den achtziger Jahren hier studierte und mittlerweile Professor für Malerei ist, erstanden hat, oder ein Studentenbild. Die Urheber werden erst am Montag im Internet bekannt gegeben.
Während an anderen Kunstakademien die jährlichen Ausstellungen vor allem dazu dienen, sich unter Studenten auszutauschen und eine große Party unter Gleichgesinnten zu feiern, ist die Leipziger Talentschau straff organisiert und die Stimmung entsprechend angespannt. Man ist sich eben der Tatsache bewusst, dass man sich hier schon als Erstsemester dem weltweiten Kunstmarkt präsentiert. Seitdem das Label "Leipziger Schule" weltweit für Furore und Rekordeinnahmen sorgt, stürmen an den vier Tagen der offenen Tür bis zu 10.000 Besucher das Gründerzeitgebäude. Galeristen auf der Suche nach den Stars von morgen und betuchte Sammler, die sich die Leinwände am liebsten gleich unter den Arm klemmen würden, sind keine Seltenheit.
"Nicht nur hübsch an der Wand hängen"
Und so stehen die Studenten nervös rauchend in ihren Klassenräumen und versuchen, nicht zu aufgeregt zu wirken, wenn sie von Fernsehteams interviewt werden. Einer hat sich vor seiner Comic-Arbeit ein Wohnzimmer komplett mit Plüschsesseln und Kommode eingerichtet, andere sitzen bei Kerzenschein vor ihrer "Philosophischen Hintertür". Fabian Reimann steht vor seiner riesigen ellipsenförmigen Skulptur "Venus 1.4" und sagt: "Bis vor drei Jahren lag die Akademie im Dornröschenschlaf, dann kam der Boom der Leipziger Malerei und es war vorbei mit der Ruhe." Er selbst trat die Flucht nach vorn an und gründete zusammen mit Freunden in Berlin eine Galerie. Den Hype um die "Leipziger Schule" sieht er realistisch: "Der Markwert der Künstler hat eine geringe Halbwertzeit." Der Vorteil, an einer renommierten Talentschmiede wie der HGB zu studieren? "Es gibt hier genügend Leute, die einem den Steigbügel halten." Die Gefahr, von den Mühlsteinen des Marktes zermahlen zu werden, sei aber groß: "Manche sind halt noch nicht reif für das große Pferd".
Unfertig für die Weltöffentlichkeit fühlt sich etwa Nils Mollenhauer, der bei Helmut Mark Medienkunst studiert. Weil er und einige seiner Kommilitonen sich von der in Leipzig üblichen Markt- und Medienaufmerksamkeit unter Druck gesetzt fühlten, gründeten sie eine freie Klasse – als "Korrektiv". Ihr Ideal: Statt eigenbrötlerisch auf den persönlichen Durchbruch zu warten, sollen sich alle für die gemeinsame Sache engagieren. Die jüngste Aktion: Sie lieferten einen ironischen Kommentar auf die Akademie-Veranstaltung der 30-Euro-Bilder zum Mitnehmen, indem sie vorab einem Unternehmen die Hälfte der Autorenschaft an ihren Werken verkauften. Dann fotografierten sie sich gegenseitig in T-Shirts mit dem Logo der Firma und gaben diese "Kunstwerke" frei für den Akademie-Verkauf. "Das ist zwar ziemlich kopflastig", gibt der 27-jährige Kunststudent zu, "aber darum geht es uns ja gerade: Unsere Arbeiten sollen nicht nur hübsch an der Wand hängen."
Die Heldinnen der "Leipziger Schule" kommen
Vom Keller bis zum Dach, in jedem Raum und in jeder Ecke hängt und steht Kunst. Es gibt witzige Sachen, wie die Arbeiten der Klasse von Tina Bara, die zum Thema "Menschen, Tiere Sensationen" unter anderem Hunde in Karnevalsverkleidungen fotografiert hat und Selbstreferentielles wie die Werke der Schüler von Fotografiestar Timm Rautert, die alte Amateurfotos ihrer eigenen schwangeren Mütter zeigen. Aus einem Lautsprecher tönt es beschwörend: "Habt keine Angst vor der Kunst".
Natürlich fehlt auch die Hauptattraktion des Hauses nicht, die Malerei. Einige Neo-Rauch-Klone sind darunter, aber auch klare, eigenwillige Positionen. Helden hat die "Leipziger Schule" mit Malern wie Matthias Weischer, Martin Eder, Tilo Baumgärtel und anderen ja viele, Heldinnen waren bisher kaum darunter. Das scheint sich langsam zu ändern. Erst vor kurzem stellten sich in der Berliner Villa Oppenheim unter dem Titel "Wild at Heart" Malerinnen aus Leipzig vor, auch in der Akademie stammen viele der interessantesten Gemälde von Frauen: Fränze Reichhart malt einen Stierkampf in kräftigen Farben und Menschenköpfe in Schwarzweiß. Carolin Knoth nutzt für ihre Raumkompositionen eine mit Mustern bedruckte Leinwand. Mirjam Völker, Rike Jokisch und Uta Zeidler zeigen mystische dunkle Landschaften.
Trend zur Skulptur
Spätestens, seitdem der Galerist Gerd Harry Lybke und andere, die es wissen müssen, kund getan haben, das nächste große Ding seien Skulpturen, geht man aber auch in Leipzig mit der Zeit. Zwar gibt es hier, anders als etwa in Dresden, keine Bildhauerklasse, doch das hält die Studenten nicht davon ab, sich mit ihren Werken im Raum auszudehnen. Ob das ein Birkenstumpf ist, dessen Schnittflächen mit kleinen Stillleben und Portraits bemalt sind, ein in all seiner Funktionalität und Kälte originalgetreu nachgebauter Konferenzsaal, ein Fahrrad mit einer Pistole anstatt einer Klingel oder große, amöbenhafte Gebilde – die Vielfalt der Ideen zeigt: Der Trend geht weg vom Sofabild.
21 Uhr. Unten, im großen Saal der Akademie erreicht die Raumtemperatur den Siedepunkt. Die Aktion "Leipziger Schule zum Mitnehmen" beginnt. Chancen, eines der Werke zu ergattern, haben ohnehin nur die, die vorne stehen. Dort haben sich vor allem gut gekleidete, ältere Herrschaften platziert. Während die jungen Kunstschaffenden das Schauspiel aus sicherem Abstand begutachten, schwanken die Kaufwilligen zwischen vornehmer Zurückhaltung und blanker Gier. Ein Herr kauft gleich drei Bilder, eine Dame kämpft sich schweißüberströmt aus dem Gewühl und präsentiert stolz ihre Beute: Zwei Grafiken. Abschätzend sagt sie: "Ich schätze, neunzig Prozent der Sachen sind von Studenten."
Die Wand ist im Handumdrehen leer gekauft und die Stimmung lockert sich dank Rotkäppchensekt und Schnaps merklich auf. Sammler und Galeristen fahren in großen Autos davon, erst jetzt ist die Veranstaltung endlich das, was sie auch sein sollte: eine Studentenparty.
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