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23.02.2007
 

Das bedrohte Wort

Glühbirne

Von Bodo Mrozek

Australien verbietet sie, die Deutschen ziehen nach: Die gute, alte Glühbirne ist am Ende. Manchmal geht Vergänglichkeit so: Erst stirbt das Ding, dann das Wort. Nachruf auf einen Lichtspender.

Am Anfang war das Wort und in ihm war das Leben und das Leben war das Licht. So ähnlich steht es in einem weltbekannten Buch geschrieben, das man nicht zu wörtlich auslegen sollte. Bis zur Erschaffung moderner Lichtquellen wie Neonröhre oder Energiesparlampe war es ein langer Weg. Erhellet wurde er von Lagerfeuern, Pechfackeln, Öllampen, Funzeln, Kandelabern, Karbidleuchten und Gaslaternen. Seine ideale Gestalt fand das Licht nicht etwa in einem kugelrunden Apfel. Sondern in einer Birne.

Lichtquelle Glühbirne: "Mehr Licht!" war der Ausruf eines Sterbenden
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AP

Lichtquelle Glühbirne: "Mehr Licht!" war der Ausruf eines Sterbenden

Der Apfel spielte seine historische Rolle im Paradies, die Birne trat erst lange Zeit später auf den Plan. Die Urheberschaft ihrer Erfindung war lange Zeit umstritten. Denn während der Brite Edison seinen Namen dem wohlgeformten Leuchtkörper eingeprägt, ja geradezu aufgezwungen hat, betonen Traditionalisten die deutsche Urheberschaft der bahnbrechenden Erfindung. "Es ist die Pflicht aller Deutschen, welche diesen Gegenstand öffentlich behandeln, immer wieder von Heinrich Göbel zu sprechen", hämmerte 1926 eine Schrift im Auftrage der Osram-Werke dem Deutschen ins Nationalgedächtnis.

Doch wer von Göbel spricht, darf von Edison nicht schweigen. Der im US-Staat Ohio geborene Erfinder zeichnete zahlreiche Patente, die schwerwiegende Folgen für den weiteren Verlauf der Kulturgeschichte hatten. So ist seine Konstruktion des Phonographen für die Entwicklung der Musik sicherlich bedeutender gewesen als jede Sinfonie und der Kinematograph hatte für das Theaterspiel gewichtigere Folgen als "Faust" eins und zwei zusammen. Fortan spielte man Theater auf Leinwänden – doch das ist eine andere Geschichte. Wenden wir uns der Birne zu.

Ihre Geschichte reicht zurück bis ins frühe 19. Jahrhundert. Die Entwicklung der Glühfadenlampe ist mit so klangvollen Namen wie Davy, Staite oder de LaRue verbunden. Der Name Heinrich Göbel ist im öffentlichen Gedächtnis nicht verankert. Im Gegenteil, seine Urheberschaft wird immer wieder bezweifelt. Schon zu Lebzeiten unterlag er vor amerikanischen Gerichten mit der Behauptung, er habe bereits vor Edinson Kohlefäden zum Glühen gebracht: in Eau-de-Cologne-Fläschchen. Das war in den 1890er Jahren.

Der Birne geht es an den Kragen

Noch postum gewann er eine eingeschworene Fan-Gemeinde, die dem verkannten Genie zu seinem Recht verhelfen wollte. Das von Helmut Höge und anderen herausgegebene "Glühbirnenbuch" (Edition Selene) ist in Glühbirnendingen geradezu Pflichtlektüre und sei jedem empfohlen. Auch wenn neuere Untersuchungen die Mitwirkung des Herrn Göbel an der Schöpfung der Birne stichhaltig widerlegen und ihn auf die hinteren Bänke der Technikgeschichte zurück weisen. Der Name Thomas Alva Edisons strahlt seitdem wieder heller denn je und schmückt auch die DIN-Norm 40400, die als Edisongewinde in fast jedem Haushalt vorhanden ist.

Damit soll nun Schluss sein. Zwei Jahrhunderte lang haben uns Glühbirnen heimgeleuchtet. Millionen und Abermillionen Kohlefäden glühten für gute und schlechte Zwecke, in Krieg und Frieden. Und nun haben wir ein Problem. Denn die Glühlampe verließ sich einseitig auf das Plancksche Strahlungsgesetz der kleinen Wellen und, verkürzt gesagt, auf Wärmeleitung innerhalb des Leuchtkörpers. Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Die nützliche Wirkung (Leuchten) ließ uns die schädliche (Klimaaufheizung) völlig übersehen. Nun geht es der Birne an den sprichwörtlichen Kragen, also ans Gewinde. Australien verbietet fortan die Glühbirne, deutsche Politiker ziehen nach. Was aber bedeutet dies für unsere Kultur? Und für die deutsche Sprache? Wird das Wort Glühbirne schon in wenigen Generationen vergessen sein und dem hässlichen Begriff Leuchtmittel oder dem Bandwurmwort Energiesparlampe weichen?

Die vielleicht schönste Hommage an "Mademoiselle 25 Watt" stammt vom Dichter Max Goldt: "Elektrisches Licht bescheine mein irdisches Gastspiel. Helligkeit möge machtvoll gleißen allerorten, wo mein Leib sich tummelt. Mögen die Auftragsbücher der Firma Osram (…) brummen". Mit alledem ist es nun vorbei. Noch einmal schalten wir die Birne ein, wehmütig betreten wir ihren Lichtkegel und genießen ein letztes Mal den warmen Schein des Kohle- oder Wolframfadens. Ach, Edison! Dann schrauben wir die Energiesparlampe in die Fassung und betreten ein neues Zeitalter. Wie lauteten Goethes berühmteste zwei Worte? "Mehr Licht!" Es war der Ausruf eines Sterbenden.

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