Von Christian Buß
Der alte Ruhrpott stirbt. Gerade hat sich die alte Besitzerin der Imbissbude am Ehrbecker Platz das Leben genommen, zuvor hat sie hier 50 Jahre Buletten gebraten. Für die anderen alteingesessenen Mieter der Gegend sieht die Zukunft ebenfalls nicht rosig aus. Eine schöne neue Einkaufswelt soll in der städtebaulich bislang eher vernachlässigten Ecke von Essen entstehen, Widerstand ist zwecklos.
Der Bürgermeister ist schon ganz wuschig vor Zukunftsfreude und stößt vor dem Architektenentwurf im erregten Stakkato jene Anglizismen aus, mit der sich Investoren und Politiker üblicherweise umbalzen: "Neo-retro! Village-Prinzip! Ein Einzugsgebiet von zehn Millionen!" Das Ziel ist klar: "Oberhausen war gestern, Essen ist heute."
Dass der Film-Bürgermeister in der ersten Episode der neuen Krimi-Reihe "Lutter" um Aufmerksamkeit und Anerkennung ringt, ist nachvollziehbar: Wer weiß denn heute noch, wo Essen liegt? Die Halbmillionenmetropole ist ebenso vom Radar der deutschen Mediengesellschaft verschwunden wie die übrigen Städte des alten Kohlenpotts. Im fiktionalen Fernsehen kommt die Region inzwischen fast nur noch vor, wenn einer dieser ranzigen RTL-Comedians auf Sendung geht, um proletarisches Leben zu simulieren.
Wie unterrepräsentiert das Ruhrgebiet im deutschen Fernsehen ist, lässt sich vor allem an der Tatsache ablesen, dass hier kaum Krimi-Reihen angesiedelt werden. Während inzwischen jedes Kaff seine eigene TV-SOKO bekommt, wird der Ballungsraum zwischen Rhein und Ruhr nahezu komplett ausgeklammert. In der schicken Dienstleistungsmetropole Düsseldorf ermittelt für das ZDF der Fernsehermittler "Stolberg", im Medienstandort Köln ist ein beliebtes "Tatort"-Team unterwegs; dazwischen liegt – fernsehkriminalistisch betrachtet – Ödland.
"Dat is' ein gerader Junge"
Die Verantwortlichen haben sich in den letzten Jahren einfach nicht so recht vorgewagt nach Duisburg, Dortmund oder eben Essen. Was auch daran gelegen haben mag, dass man sich nicht sicher darüber war, wie man den ökonomischen und industriellen Wandel der Region darstellen könnte; das scheint vielen Redaktionen als Thema offensichtlich nicht griffig genug.
Aber genau in diesem Wandel und den daraus folgenden gesellschaftlichen Erosionen liegt ein ungeheures krimispezifisches Potenzial – wie jetzt eben die neue ZDF-Reihe "Lutter" zeigt. Ganz selbstverständlich wird die Krimihandlung hier zwischen Bolz- und Golfplatz, zwischen Pizzabude und Edel-Italiener ausgesponnen.
Dass dieser Schlingerkurs zumindest über weite Strecken funktioniert, liegt auch an der Titelfigur und ihrem Darsteller: Joachim Król – selbst ein Kind des Ruhrpotts, aber kein körperbetonter Kumpeltyp – spielt seinen Hauptkommissar Lutter gekonnt als Grenzgänger zwischen den gesellschaftlichen Teilbereichen. Im Film heißt es einmal, er habe im Ausland kriminalistische Erfolge gefeiert, sei aber aus Liebe zur Stadt heimgekehrt. "Dat is’ ein gerader Junge", raunt einer der Kollegen.
Überzeugendes Personal, riskanter Plot
Auch in den anderen Mitgliedern des Teams manifestieren sich, ohne dass das zu plakativ ausgespielt wird, die sozialen Verschiebungen der Region: Da ist zum Beispiel die aufstiegswillige türktischstämmige Staatsanwältin Jale Deniz (Sascha Ö. Soydan), die das Wort "Migrationshintergrund" wie eine trivialsoziologische Floskel klingen lässt, und da ist Lutters junger Kollege Michael Bergmann (Lucas Gregorowicz), der mit schicken Anzügen seine proletarische Herkunft zu verschleiern sucht und ausgerechnet bei den älteren Damen im Golfclub gesellschaftlichen und amourösen Anschluss sucht.
Das Personal ist also überzeugend, der Plot in der heutigen Pilotfolge "Essen is’ fertig" (Drehbuch: Dirk Salomon, Thomas Wesskamp, Regie: Jörg Grünler) geht allerdings nicht auf ganzer Länge auf. Denn die Planung der prestigeträchtigen Einkaufspassage wird umrankt von allerlei verschwörerischen Umtrieben und einigen Morden, die den Ermittler schließlich zu einer Geheimloge namens "Essener Kreis" führen. "Illuminati für Schichtarbeiter", nennt es Lutter. Da gerät die Geschichte, in der zuvor klug und stichhaltig Kohlrouladen bratende Ruhrpott-Entrepreneure, wüst träumende Kommunalpolitiker und russische Oligarchen zusammengeführt worden sind, riskant ins Vage.
Dem Krimirätsel als Ganzes mit seinen erhellenden Exkursionen in muffige Fußballkneipen und protzige Glas-und-Stahl-Tempel tut das jedoch keinen Abbruch. 30 Jahre, nachdem Hansjörg Felmy für den "Tatort" in Essen unterwegs war, und 15, nachdem Götz George von Duisburg aus ermittelte, könnte mit Lutter endlich wieder langfristig ein Kommissar im alten Kohlenpott und im neuen Möchtegern-Dienstleistungszentrum zwischen Rhein und Ruhr Fuß fassen. Der wunderbare Titel der ersten Folge, "Essen is’ fertig", ist nichts anderes als eine Lüge.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Gesellschaft | RSS |
| alles zum Thema Televisionen | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH