Sonntag, 22. November 2009

Kultur



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01.03.2007
 

Tokio Hotel bei Kerner

"Irgendwie echt abgefahren"

Von Maximilian Popp

Pssst! Folgendes sagen wir nur ganz leise, weil es die Kleinen nicht hören dürfen. Sonst fängt nämlich wieder das nervige Gekreische an: Tokio Hotel waren gestern bei Johannes B. Kerner. Teen-Business as usual.

Es ist nicht so, dass Tokio Hotel keine Probleme hätte. Glaubt man Frontmann Bill Kaulitz, müssen die ersten Erfahrungen beim Videodreh schrecklich gewesen sein: „Wir sind nämlich totale Drinnis - das ist unser Wort für Leute, die unberührte Natur einfach nur hassen. Und ausgerechnet das Video war total draußimäßig.“ Vielmehr wollte der Sänger gestern Abend bei Johannes B. Kerner aber dann doch nicht verraten. Musste er auch nicht. Schließlich waren Bill und sein Zwillingsbruder Tom nicht zu Gast, um über Sorgen zu sprechen, sondern um ihr neues Album „Zimmer 483“ zu preisen. Vergangenen Freitag ist es erschienen - und auf Platz Eins in den Charts eingestiegen. „Ganz oben“, bemerkte Kerner und die Mädchen im Publikum kreischten.

Kreischen gehört zum Ritual. Kreischen begeleitet die Band bei Konzerten in Moskau und bei Autogrammstunden in ihrer Heimatstadt Magdeburg. Kerners Kameras zeigten das Gelände vor dem Studio. Hunderte Teenies warteten dort im Nieselregen, ohne Eintrittskarte, aber mit Pappschildern in der Hand: „Bill, ich liebe dich!“, stand darauf. Und: „Ihr seid die Geilsten!“

Die beiden Brüder fläzten sich derweil lässig auf dem Stuhl. Bill, die Augen mit Kajal märchengroß geschminkt, die Nägel schwarz lackiert; daneben Tom, Baseballkappe, blonde Dreadlocks, Baggy Jeans. Ihre Antworten klangen ähnlich: souverän, routiniert. Aber auch: monoton, auswendig gelernt. Viel Neues hatten sie ihren Fans nicht mitzuteilen. Dass sie von dem Erfolg immer noch überwältigt seien; dass Kinder im Ausland wegen Tokio Hotel Deutsch lernten; dass es natürlich ihr Ziel sei, den internationalen Durchbruch zu schaffen. So, oder so ähnlich, würde das auch Herbert Grönemeyer formulieren. Mit einem Unterschied: Trotz aller Professionalität erinnern Tokio Hotel an Jungen, die ihr Kinderzimmer gerade erst gegen die Konzertbühne eingetauscht haben. Vielleicht gelingt es ihnen deshalb, große Teenager-Dramen zu vertonen: Liebeskummer, Einsamkeit, Selbstzweifel. Tokio Hotel liefert den Soundtrack zur Pubertät. Musik für die Generation 10 plus.

Toms Lieblingsfloskel lautet: „echt abgefahren“. Das Konzert in Moskau war „echt abgefahren“. Die Paparazzis in Frankreich: „echt abgefahren“. Musik in der Schule hingegen sei ein Alptraum gewesen. „Das hat mir gar nichts gebracht“, sagte Tom zu Kerner, worauf der mit ernster Miene erwiderte, Franz Beckenbauer kritisiere ja auch nicht den deutschen Sportunterricht.

Zu ernsten Momenten kam es in dem Gespräch dann dennoch. Kerner zeigte den Brüdern Bilder eines Rauchbombenanschlags auf eine Tokio Hotel Fangruppe. „Ich kann das einfach nicht verstehen. Ich kann diesen Hass nicht verstehen, schon gar nicht gegen unsere Fans“, sagte Bill Kaulitz sichtlich zerknirscht. Für einen Moment wurde der Routineauftritt der Band Tokio Hotel unterbrochen.

Es war ein kurzer Moment. Zum Schluss fragte Kerner Bill und Tom Kaulitz, was sie machen, wenn sie 83 Jahre alt sind. „Da geben wir“, sagten die beiden, „noch einmal richtig Gas.“

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