Es braucht wenig Phantasie vorherzusagen, dass es im Fernsehen bald kulinarische Ausgaben der Super-Nanny geben wird. Die "Bräuteschule 1958" (ARD), die "Superhausfrau" (RTL2) und diese oder jene Koch-Soap machen nur den Anfang. Früher oder später wird eine Fernseh-Anstalt auf die Idee kommen, echte Köche in echte Prekariatsfamilien zu entsenden, um die überforderten Menschen an Herd und Mikrowelle ordentlich zusammen zu stauchen: "Zu grob die Zwiebeln!", werden sie rufen und: "Wie jetzt? Das soll ein Schnitzel sein!?"
Man kann es auch sanfter haben, im Internet. Ich habe neulich, kostenlos, per Mausklick, den Ernährungs-Coach von Nestlé ("Good Food, Good Life") engagiert. Er tat von Beginn an sehr persönlich, das muss daran liegen, dass ich ihm per Fragebogen alles über mich verraten habe.
Größe, Krankheiten, Sportarten, Wunschgewicht, solche Sachen. "Sitzende Tätigkeit?" Ja, in der Regel. "Fettstoffwechselstörungen?" Nein, eher nicht. "Diabetes? Typ I? Typ II?" Weder noch.
Der Zusatz-Fragebogen wurde dann schnell psychologisch. Ich sollte zugeben, dass "ich gern nasche, um meine Stimmung zu verbessern". Ich musste sagen, ob ich jemanden habe, "mit dem ich über meine neue Ernährungsweise reden kann". Und ob ich, "wenn ich einmal mit dem Essen begonnen habe, nicht mehr aufhören kann". Nun ja. Ich setzte meine Kreuzchen.
Im zugehörigen Forum kann man jungen Frauen dabei zuschauen, wie sie sich den Frust von der Seele chatten. Essen? Ist hier vor allem ein Problem. Genuss? Macht Angst. Magersucht? Ist so gut wie selbstverständlich, und herzzerreißend sind Katjas und Anjas und Mischas Berichte darüber, wie sie nach Tagen des Hungerns endlich schuldbeladen ganze Nutella-Gläser in sich hinein schaufeln. Bei Nestlé, im Ernährungsstudio, treffen sich die Mühseligen und Beladenen, und das liebe Essen ist für sie wie eine böse Krankheit. Es ist ein Jammer.
Trotzdem, das sage ich hier offen, bewundere ich die Leute von Nestlé sehr. Ich meine, enger kann man Kundschaft nicht an sich binden, besser kann man Produkte nicht bewerben. Anonyme Industrie? Von wegen! Ich bin jetzt, wie Anja und Katja und Mischa, auf Du und Du mit einem Großkonzern, zwischen uns passt kein Blatt Papier! Und wer weiß, was als nächstes kommt. Vielleicht steht ja bald jemand vor meiner Haustür, mit ernstem Gesicht, und sagt: "Gestatten, ich bin Ihr Ernährungscoach. Wir machen uns Sorgen, weil Sie nicht mehr auf unsere E-Mails antworten." Und ich? Werde stottern und nach Ausreden suchen. Und das Internet verfluchen. In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!
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