ThemaTelevisionenRSS

Alle Kolumnen

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
02.03.2007
 

Germany's Next Top-Model

Rührstück aus dem Zicken-Camp

Von Peer Schader

Willkommen zurück in der Seifenblasen-Welt: ProSieben schickt "Germany's Next Topmodel" mit Heidi Klum in die zweite Runde. Zum Auftakt gab's hyperventilierende Mädchen, Kofferprobleme und einen eiskalten Testlauf im Bikini.

Man muss Klimawandel, Airbus-Krise und Kurnaz-Affäre für einen Moment vergessen, um sich auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben konzentrieren zu können. "Eigentlich sind da meine Schuhe drin, aber ich krieg die Tasche nicht auf", schluchzt eine junge Frau und rüttelt verzweifelt an ihrem Koffer. "Ich hab Angst, dass ich hinfalle", gesteht die nächste. Eine dritte hat es besonders schwer erwischt: "Ich will Competition machen, aber ich find meine Tasche nicht!"

Huch! Schon wieder eine neue Comedyserie auf Pro Sieben? Nein, nein, bloß die zweite Staffel von "Germany's Next Topmodel" mit Grinsesternchen Heidi Klum.

Zwanzig Minuten Zeit hatten die einhundert jungen Frauen, die von Pro Sieben nach Köln gekarrt wurden, um sich für ihre Präsentation vor der Jury hübsch zu machen. Zwanzig Minuten, um ihr schönstes Kleid anzuziehen, sich notdürftig die Wimpern zu tuschen, dann über den Laufsteg zu wippen und zu sagen, dass sie schon immer Model werden wollten. Eine hat gesagt: "Ich wollte früher immer Kräuterfrau werden." Die haben sie gleich wieder nach Hause geschickt.

Künstlicher Zeitdruck, künstlicher Stress

Vielleicht ist es vor einem Jahr bei der ersten Staffel nicht ganz so aufgefallen, wie sehr sich die Pro-Sieben-Castingshow mit ihren jungen Kandidatinnen in einem Paralleluniversum bewegt, das mit der Realität nicht mehr viel zu tun hat – außer wenn die 25 besten Mädchen nachher im Fußballbikini über den Rasen im Dortmunder Stadion schreiten müssen, während in der Halbzeitpause 70.000 zum Teil recht alkoholisierte Fans rundherum lautstark ihre Sympathie für diesen Auftritt bekunden.

Das mag daher kommen, dass Pro Sieben die Sendezeit von anfänglich einer Stunde in der ersten Staffel auf inzwischen fast zweieinhalb ausgedehnt hat. So jedenfalls ist unübersehbar, wie sehr die TV-Modelsuche als geschlossenes System funktioniert, in dem man sich künstlichem Zeitdruck, künstlichem Stress und künstlichen Regeln fügen muss, wenn man weiter kommen will. Und weiter kommen wollen sie alle.

So viele junge hyperventilierende Frauen, die sich gegenseitig Luft zuwedeln, ihre Schuhe mit Rutschfestigkeits-Spray imprägnieren und sich für ihre Tattoos schämen, sieht man selten im Fernsehen. Ebenso wenig wie eine Jury, für die es das größte Verbrechen ist, wenn bei der Größenangabe ein, zwei Zentimeter gemogelt wurde.

"Ich hab' nun mal kein Talent"

"Schönheit ist nicht alles, aber einiges. Und du hast davon viel", loben die Model-Trainer eines der Mädchen. Ein anderes, das gehen muss, schluchzt voller Selbsterkenntnis: "Ich hab' nun mal kein Talent, dann sollte man es auch lassen."

16.000 junge Frauen haben sich beworben. Mit selbstgedrehten Videos, die sie online in der Topmodel-Community eingestellt haben, die schon seit Monaten für den Start der Show wirbt, und bei der alle Welt betrachten kann, wie es in deutschen Wohnstuben und Kellern aussieht, die für die Kamera zu Laufstegen umfunktioniert wurden.

Mit der Zusammenfassung des ersten Castings in Köln hat Pro Sieben am Donnerstag ein Rührstück abgeliefert, wie es sonst nur RTL bei "Deutschland sucht den Superstar" hinkriegt. Kandidatin Julina erzählt, wie sehr sie ihren Vater vermisst, der in Thailand arbeitet, dazu läuft sie im Einspieler träumend durch eine Schneelandschaft und liest aus ihrem Sterntagebuch vor. Nachher hat die Heidi den Papa extra aus Thailand einfliegen lassen und die Freude ist groß.

Und hinterher lästert Stefan Raab

Aneta hingegen hat ihren Bruder bei einem Unfall verloren, geht im Einspieler an einem See spazieren und schaut mit einer Freundin alte Fotos an. "Ich weiß, dass mein Bruder stolz auf mich wäre", sagt sie vor der Jury.

Im Gegensatz zu "DSDS" hat Pro Sieben es allerdings tunlichst vermieden, sich über seine Kandidatinnen lustig zu machen. Das erledigt im Anschluss schließlich Stefan Raab in "TV total", und es ist dringend notwendig, dass da einer wieder die viele Luft rauslässt, die vorher in die Show hineingeblasen wurde, weil einem "Germany's Next Topmodel" vor lauter Pathos und Spannung sonst vielleicht in die Luft fliegen würde.

Aber es ist eben auch so, dass Pro Sieben und die "Popstars"-Produktionsfirma Tresor TV inzwischen richtig Übung haben und so mit Leichtigkeit eine Show abliefern können, die flott geschnitten ist und die nötige Dramatik hat, die hochemotionalisierend und hochmanipulativ ist.

Papa Bruce gibt den Tröster

Und Heidi Klum – das muss man wohl zugeben – ist die perfekte Wahl für diese Show, weil sie einem das Gefühl gibt, sie schon ewig zu kennen und gerade mit ihr beim Nachmittagstee zusammenzusitzen. "Hallo, hallo, hallöchen", begrüßt sie die Teilnehmerinnen am ersten Tag und strahlt, als könne sie allein mit ihrem Grinsen eine komplette Kleinstadt mit Strom versorgen.

Auch die Jury wirkt in diesem Jahr sichtlich lockerer, macht Scherze und singt spontan Happy Birthday. Vor allem Laufsteg-Trainer Bruce Darnell ist für Pro Sieben ein Riesengewinn, weil er diesen angenehm verrückten Eindruck macht und sich als eigentliche Bezugsperson für die Mädchen herausgestellt hat.

Papa Bruce umarmt die Schönheiten, wenn sie ihren Koffer nicht finden, und tröstet, wenn sie in die falsche Richtung abgegangen sind. Er lobt: "Super! Super Super!" Und fordert: "Sie müssen jetzt den Arsch für mich bewegen!" Manchmal mäkelt er: "Von deinem Gesicht bekomme ich gar keine Emotion!" Aber es ist immer gut gemeint. Außerdem erinnert er stetig: "Es ist kein Urlaub, sondern eine Competition!"

"Isst du auch regelmäßig?"

Zwischendurch zeigt Pro Sieben Kuchen mampfende Mädchen, um ja nicht wieder den Verdacht aufkommen zu lassen, hier würde jemand zu wenig zu essen bekommen. Im Gegenteil: Einmal sorgt sich die Jury intensiv darum, dass ein Mädchen so sehr abgenommen hat: "Isst du auch regelmäßig?" Ohne einen solchen Hinweise kann man diese Show vermutlich nicht mehr machen.

In den nächsten Wochen wird sich im Zicken-Camp herausstellen, wer in diesem Jahr von Klum das Krönchen aufgesetzt bekommt. Angesichts des Drucks, mit dem Pro Sieben die zweite "Topmodel"-Staffel derzeit in den Markt presst, ist es eigentlich unmöglich, dass das nicht funktioniert.

Ach ja: Vorjahresgewinnerin Lena Gercke war in der Zweieinhalb-Stunden-Show lediglich noch für ein 30-Sekunden-Filmchen gut, an dessen Ende es hieß: "Lena ist angekommen in der Welt der Topmodels." So? Wie schön für sie. Was interessieren schon die Schönheiten von gestern, wenn man stattdessen zeigen kann, wie gerade die von morgen gemacht werden?


"Germany's Next Topmodel", donnerstags, 20.15 Uhr, Pro Sieben

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Gesellschaft
alles zum Thema Televisionen

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP