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07.03.2007
 

Zum Tode Jean Baudrillards

Willkommen im Second Life

Von Daniel Haas

Ob Graffiti, Golfkrieg oder 11. September: Jean Baudrillard erklärte sich die Welt aus dem Geist der Zeichen. Die standen auf Untergang und Auslöschung. Wie gut, dass der Denker in seinen Texten überleben wird.

Zur Internetwelt "Second Life" hat sich Jean Baudrillard nicht mehr geäußert. Fasziniert hat sie ihn aber bestimmt. So wie man einen Autounfall faszinierend findet, der so schrecklich ist, dass man einfach hinsehen muss. Was sich im Netz gerade abspielt, die Kreation einer "Arche Noah", wie der Medientheoretiker Peter Weibel unlängst im SPIEGEL erklärte, das löst alle Visionen des französischen Denkers ein - und überbietet sie noch.

Philosoph Baudrillard: Simulakrum? Sei's drum
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AFP

Philosoph Baudrillard: Simulakrum? Sei's drum

Die Wirklichkeit wird von den Medien aufgesogen, getilgt und simulatorisch ersetzt: Mit dieser Idee hat Baudrillard Karriere gemacht. Seine so genannte Simulakren-Theorie beflügelte in den Achtzigern den Diskurs wie kaum ein anderes Konzept der poststrukturalistischen Philosophie.

Spätestens als der zweite Golfkrieg in Form grünstichiger, kaum erkennbarer Nachtaufnahmen über die Mattscheiben flimmerte, war klar: Frankreichs provokantester Kulturkritiker trifft den Nerv der Zeit. Die Wirklichkeit ist von ihrer medialen Repräsentation nicht zu unterscheiden, im Gegenteil: Das Reale ist immer schon Teil eines inszenierten Szenarios.

Das Konzept der phantasmatischen Zurichtung der Welt kam nicht aus dem Nichts; es hatte politische, ideologiekritische Ursprünge. Baudrillard, geboren 1929 in Reims, stand in der Tradition des marxistischen Denkens und seiner Neuinterpretation durch die französischen Strukturalisten.

Grundlegende Idee: So wie sich im Kapitalismus der Tauschwert verselbständigt und vom Gebrauchswert abkoppelt, so haben sich die Zeichen, die Informationen, von ihren Bedeutungen und Gegenständen entfernt. Ideologiekritik musste in der Folge also immer auch Sprachkritik sein - und die durfte keinesfalls so klingen wie der Jargon der Aufklärung, der ja selber nur eine illusionäre Verkleidung der Macht war.

Scharfer Sound

So entstand der Baudrillard-Sound, ein philosophisches Idiom der Paradoxie und Ironie, der Überspitzungen und Extreme. Mit ihm konnte sich der Philosoph und Soziologe alle möglichen Phänomene vorknöpfen: die Semiotik der Graffiti ("Kool Killer"; 1975) ebenso wie die Machenschaften der Medien ("Der symbolische Tausch und der Tod", 1976) oder die Verfehlungen der Politik ("Die fatalen Strategien", 1985).

In den Neunzigern geriet der Star-Denker mit seiner Virtualitätsschelte aus der Mode. Man hatte genug von den postmodernen Schreibweisen, ihrer effektsicheren und dabei oft rätselhaften Rhetorik. Und dass wir in einer Endlosschleife der Bilder leben, war auch ein alter Hut. Simulakrum? Sei's drum.

Dann kam der 11. September, und der ehemalige Germanist und Übersetzer stand wieder hoch im Kurs. Sein anti-utopisches, auf den Zusammenbruch der Wirklichkeit spekulierendes Denken schien sich an der Katastrophe zu bewahrheiten. Das das Attentat begleitende Bilder-Bombardement, in dem die terroristische Szene zum Emblem erstarrte, machte den Franzosen erst recht zum Visionär.

Katastrophale Diagnosen

Der einstige Intellektuellenliebling nutzte die Chance - und verpatzte sie auch gleich wieder: In einem Vortrag schwärmte er vom "Selbstmord der Türme" und erklärte den Einsturz des World Trade Centers kurzerhand zum "Pseudoereignis". Der Öffentlichkeit ging die Simulakrum-Diagnose in Anbetracht von 3000 Toten dann doch zu weit. Es gab ordentlich Feuilleton-Dresche; der nachgereichte Essay "Der Geist des Terrorismus" verkaufte sich dennoch exzellent.

Natürlich hat man ihn, Europas ersten Großkritiker der Medienkriege und Kriegsmedien, immer wieder zu Rate gezogen. Wer hätte süffisanter über das Zerwürfnis von Amerika und Frankreich räsonieren, wer provokanter über die Aufstände in der französischen Banlieue sprechen können als er?

Spannender jedoch als seine Abgesänge auf Demokratie und Subjekt, Staat und Fernsehen ist sein Schreiben selbst. Dieser polemische und radikale Stil, der mit Annahmen und nicht bewiesenen Hypothesen operiert; der nicht darlegen, sondern provozieren will, hat etwas Verführerisches. Und Verführung war für Baudrillard das Mittel, die Strategien der Macht zu durchkreuzen. "Sie unterläuft die Wahrheit und die Kräfte der Produktion, sie erledigt, parodiert den Sinn und lockt uns ins Spiel", schrieb der Denker.

Spielen wir also weiter in und mit seinen Texten, dort, wo Jean Baudrillard sein Second Life weiterführen wird.

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