Hamburg - Erst ein Integrationsgipfel im Kanzleramt, jetzt einer beim Grimme-Komitee: Gleich drei Produktionen, die sich mit dem Thema Migranten in Deutschland beschäftigen, erhielten den renommierten Medien-Preis.
In "Türkisch für Anfänger" und "Meine verrückte türkische Hochzeit" geht es um den deutsch-türkischen Familienalltag und seine ganz eigene soziale Dynamik. Im ARD-Film "Wut", dessen Ausstrahlung zum Politikum wurde, geht es um Gewalt: Eine türkische Jugendgang zockt behütete Gymnasiasten ab.
Weil der Böse in dem Film ein Türke ist, wurde schnell der Vorwurf der Ausländerfeindlichkeit laut. Jugendliche aller Herkunft fanden "Wut" allerdings als Beschreibung für bestimmte Milieus ziemlich authentisch - auch wenn das Szenario fiktiv war. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) gratulierte den Machern aller drei ausgezeichneten Produktionen, weil sie "einen wichtigen künstlerischen Akzent gegen Vorurteile und für das Miteinander von Menschen" setzten.
Tatsächlich zeigt die Auswahl der Grimme-Jury: Das Zusammenleben von Migranten und Deutschen ist thematisch im Mainstream der Medien und damit in den Wohnzimmern aller Schichten angekommen. Lustig und ironisch wie bei "Türkisch für Anfänger" (ARD) und überzeichnet wie in "Meine verrückte Hochzeit" (ProSieben) - polarisierend wie in "Wut".
"Der eine Sohn ist Fundamentalist, der andere Homo"
Wie diagnostizierte kürzlich das Hamburger Wochenblatt "Die Zeit": Jetzt da Politiker die Bundesrepublik nach Jahrzehnten auch offiziell zum Einwanderungsland erklärten, beginnt sie sich mit Filmen und Serien zu erforschen. Was ist das eigentlich, ein Einwanderungsland?
Geht es nach der ARD-Serie und dem ProSieben-Spielfilm "Meine verrückte türkische Hochzeit", dann vor allem eines: potentiell lustig, ziemlich verschroben, voller Leben. Oder wie es der verzweifelte Familienpatriarch im Film ausdrückt: "Der eine Sohn ist Fundamentalist, der andere Homo, und Tochter macht Skandal."
So weit die Bestandsaufnahme. Stellt sich allerdings die Frage: Wurde die Produktion für ihre ästhetischen Qualitäten ausgezeichnet oder dafür, dass sie vermeintlich Integration voran treibt? Die Integrationsbeauftragte der Bundesrepublik Maria Böhmer (CDU) hatte schließlich angemahnt, Menschen mit Migrationshintergrund müssten öfter und mehr im Fernsehen auftauchen - als Nachrichtensprecher, in positiven Rollen.
Eines ist schon mal klar: Das Tempo, die Ironie, auch die Klischees und die liebevolle Parodie auf Deutsche und Türken in "Meine verrückte türkische Hochzeit" und "Türkisch für Anfänger" sind Lockerungsübungen. Und Lässigkeit ist in der alltäglichen Diskussion um Integration eine seltene Gabe - vor allem weil sie oft mit Ignoranz gegenüber Konflikten verwechselt wird. Zu hoffen ist nur, dass auch die türkischen Zuschauer vom televisionären Integrationswillen der Deutschen mitgerissen werden. Unlängst hatte ein türkischer Zuschauer in einer Umfrage gesagt: Deutsches Fernsehen "ist wie ein Kühlschrank."
Lockerungsübungen im Vorabendprogramm
Dass sich eine Migrantenquote für Medien zu etablieren scheint, ist jedoch bedenklich - und genau deshalb notwendig: Gerade weil 30 Jahre lang nicht viel passierte, ist ein Hauruckverfahren nicht das Schlechteste. Vielleicht ist es wie mit einer Frauenquote - man muss sie etablieren, um sie schnell obsolet werden zu lassen.
Die Entscheidung für das Migrations-Trio der Grimme-Jury ist so gesehen konstruktiv: Weil auf diese Weise schneller selbstverständlich wird, was längst selbstverständlich sein müsste. Millionen Menschen in Deutschland kommen aus anderen Kulturen und Ländern. Sie und alles was sie mitgebracht haben, sind ein Teil unserer Lebenswelt geworden - und wir ein Teil der ihren. Das gilt nicht nur Türken und Araber, sondern auch für alle anderen Nationalitäten: Russen, Polen, Italiener, Vietnamesen.
Was mit jenen passiert, die sich nicht integrieren und demokratisch-freiheitliche Regeln nicht achten ist ebenso wenig Stoff für leichte Vorabendserien wie die Vergehen jener, die Integration behindern. Beide Gruppen sind Feinde einer offenen, demokratischen Gesellschaft. Die deutschen Medien müssen ihnen kritisch zu Leibe rücken - in der Grimme-Kategorie "Information und Kultur" kam das Thema allerdings bei den Preisträgern dieses Jahr nicht vor. Noch nicht.
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