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16.03.2007
 

Fichtners Tellergericht

Seelenspeise aus dem Fernsehen

Gulasch aus der Dose, Lachspamps aus der Tube - bei diesen Scheußlichkeiten des Fast-Food-Alltags bleibt dem SPIEGEL-ONLINE-Besseresser Ullrich Fichtner die Spucke weg. In seiner Kolumne spießt er Unarten der Esskultur auf. Heute: die Scheinwelt der Fernsehköche.

Gemessen an seiner Fernsehpräsenz ist das Kochen eine erstrangige Beschäftigung in Deutschland, ein Volkssport, nur noch dem Urlaub vergleichbar – aber, Hand aufs Herz, wir wissen es besser, die Fernsehbilder trügen sehr. Ich wage die These, dass die Koch-Sendungen das Kochen nicht fördern, im Gegenteil: Sie ersetzen es.

TV-Köche Zacherl, Wiener, Lafer: So gut wie null Rezeptanfragen
SPIEGEL ONLINE

TV-Köche Zacherl, Wiener, Lafer: So gut wie null Rezeptanfragen

Es ist ein Effekt, den wir aus anderen Lebensbereichen längst kennen. In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten stiegen Nonnen und Pfarrer zu Stars auf, der gute Doktor vom Land, der stille Förster, der Polizist als kumpelhafter "Schutzmann". Leicht zu erkennen, dass hier die Nostalgie den Erfolg begründet hat. Die Nonne, der Förster – sie zählen schon lange nicht mehr zum Personal unseres Alltags, nur im Fernsehen kehren sie noch in unser Leben zurück, als verschmitzte Karikaturen, die eine gute, alte Zeit beschwören.

Was für Förster und Nonnen gilt, erleben nun die Köche: Sie werden, gewissermaßen, museal. Je kleiner ihre Rolle in unserem wirklichen Alltag, desto größer und schöner finden sie sich ausgestellt in ihren leuchtenden Studioküchen.

Glaubt irgend jemand, dass wegen Sarah Wiener, Ralf Zacherl oder Johann Lafer ein einziges Gericht zusätzlich gekocht wird? Man kann es, getrost, vergessen. Lafer selbst, der Kaiser der kochenden Selbstvermarkter, hat mir einst erzählt, dass er nach seinen Sendungen "so gut wie null" Rezeptanfragen bekommt. Die Leute, so Lafer, wollten nicht kochen, sondern sich "in schöner Atmosphäre" entspannen.

Warum sich Kochshows dafür so gut eignen, ist leicht zu erklären. Essen und Kochen sind in den verschütteten Schichten unserer Gefühlswelt noch immer mit Geborgenheit und mit der Mutter verbunden, mit Heimat vielleicht, mit Kindheit ganz sicher. Aus diesem Erfahrungsschatz bedienen sich die Fernseh-Anstalten, sie bebildern unsere Sehnsüchte, die sich im öffentlich vorgekochten "Thymianjus" verdichten wie die schönen Aromen selbst.

Es ziehen Szenen einer verklärten Welt herauf, bevölkert von gehabten oder ersehnten Großmüttern, die in heißen Küchen Rosinenmännchen für die Enkel backen, von fürsorglichen Eltern, von Familie mit geregelten Esszeiten, von duftenden Speisekammern, in denen beruhigender Vorrat angelegt ist – Szenen einer versunkenen oder frei erdichteten Welt, die viele Zuschauer mutmaßlich nie erleben durften.

Die Koch-Shows laden somit nicht zum Essen-Machen ein, sondern zur Flucht aus der realen Welt heutiger Ernährung. Für eine halbe oder eine ganze Stunde vergessen wir unsere alltägliche Überforderung angesichts eines überbordenden Angebots an Nahrungsmitteln, Fertigtüten und sich jagenden Ernährungsmoden von Sushi bis TexMex.

Für eine Sendung lang ist die Ratlosigkeit über Koch- und Kulturtechniken passé. Der Fernsehkoch übernimmt als Stellvertreter die Verantwortung, die wir nicht mehr tragen wollen oder können.

Im Gegensatz zu uns weiß er, was dem Magen und der Seele guttut. Er macht uns, anders gesagt, wieder zu Kindern, die das wohlige Gefühl genießen, von einem fürsorglichen Menschen umsorgt zu werden.

Und wenn die Speisen am Ende der Sendezeit an gedeckten Tischen mit Gästen gegessen werden, wenn die Gläser klingen, dann dürfen wir uns auch noch als Teil einer virtuellen Hausgemeinschaft fühlen, als Mitbewohner einer Art kulinarischer Lindenstraße. Es wird, im Fernsehen, an einem virtuellen Museum der Kochkunst gebaut, die wir im wahren Leben längst weggezappt haben. In diesem Sinne: guten Appetit und gute Nacht!

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15.04.2007 von millimolle: "Ran an den Herd" eine neue Sendung im WDR...

jeden Donnerstag um 19.15 Uhr etwa. Warum wurde diese erfrischend neue Kochserie mit einer Köchin ! in Ihrem Artikel nicht erwähnt? Dort kocht nämlich seit Januar 2007 eine sympathische Köchin lekker, kompetent und sehr [...] mehr...

13.04.2007 von fritze meier: hä?

diese frage muss so beantwortet werden, wie es gestern der herr ungeliebt-aber-leider-ein-genius bohlen beim herrn ich-wär-sogern-dein-schwiegersohn kerner tat, als letzterer ersteren allen ernstes fragte, ob er für eine [...] mehr...

13.04.2007 von bianna:

Ebenbürtig sind die schon vorhandenen Sterneköchinnen hier den Kollegen auch. Daß da jeder Gast/Kritiker seine persönlichen Vorlieben hat ... Mein Gott, es muß auch nicht jeder die Küche eines jeden der rund 200 Sterneköche [...] mehr...

13.04.2007 von A.M.HB:

Das hindert aber Köchinnen z.B. in Frankreich oder in skandinavischen Ländern nicht, den Köchen ebenbürtig zu sein. Sind das alles Singles oder führen sie mehr schlechte als rechte Ehen? Wohl kaum. Daß sich Frauen in der [...] mehr...

13.04.2007 von superdoc: Schon in Ordnung...

OK, geschenkt, Bianna... ;-) Die damals von der Traditionalistenriege geäußerte Kritik an DKH (übermäßige Kreativitätsausbrüche, etc...) ist mir duchaus noch im Ohr. Habe ich allerdings nie so empfunden. Kreativ ja, wirklich [...] mehr...

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