SPIEGEL ONLINE: Frau Wörner, viel Mut macht der ZDF-Zweiteiler "Durch Himmel und Hölle" adoptionswilligen Eltern nicht. Autorin Brigitte Blobel schildert, wie abenteuerlich und moralisch bedenklich es ist, sich ein Kind im Ausland zu besorgen, wenn man vor deutschen Stellen mit seinem Wunsch gescheitert ist. Ist von einer Auslandsadoption grundsätzlich abzuraten?
Wörner: Eine Adoption ist immer eine komplexe Sache. Ich bin nicht komplett gegen eine Auslandsadoption. Aber es gibt niederschmetternde Begleitumstände. Geschäftemacher nutzen auf anderen Kontinenten den Druck und den finanziellen Spielraum westlicher Paare aus, die ein Kind wollen. Die Auslandsadoption ist außerdem immer eine Abtrennung der kulturellen Wurzeln eines Kindes. Ihm wird ein unbewusstes Trauma zugefügt, das den Adoptierten bis ins Erwachsenenalter begleitet.
SPIEGEL ONLINE: Wenn man Stars wie Madonna und Angelina Jolie sieht, denkt man das nicht.
Wörner: Ich kann mich nur wundern, wie die das schaffen wollen. Kinder in ein neues Umfeld zu integrieren, ist ein sehr tiefgehender Prozess. Romantisch darf man sich das nicht vorstellen, sondern als harte Arbeit. Eine Adoption ist kein Akt einmaliger Güte, den man fotografieren kann und dann ist alles dufte.
SPIEGEL ONLINE: Kennen Sie positive Beispiele?
Wörner: In unserem Film entscheidet sich die von mir gespielte Heldin gegen eine Adoption, weil sie kein Kind – und dann noch mit Hilfe einer verbrecherischen Organisation – aus seinem, kulturellen Umfang reißen will. Sie wird ihm aus der Ferne helfen. Aber ich kann mir auch eine Frau vorstellen, die sagt, egal, ich nehme das Kind jetzt mit. Die sagt: Ich habe jahrelang eine Sehnsucht gehabt, Mutter zu sein und ich möchte da jetzt durch.
SPIEGEL ONLINE: Gibt es da eine moralische Leitlinie?
Wörner: Ich bin jetzt Botschafterin der Kindernothilfe und war dafür in St. Petersburg. Dort sind in einem Krankenhaus Kinder, die haben Aids, eine Krankheit, die es offiziell in Russland nicht gibt. So gibt es offiziell auch diese Kinder nicht. Sie sind ausgestoßen. Ein Paar aus England hat von dort ein Mädchen adoptiert. Diese Eltern finde ich großartig. Sie wissen ja nicht einmal, wie lange dieses Kind noch leben wird.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben erst relativ spät ihren Sohn Jakob bekommen. Hatten Sie in den Jahren davor Angst, kinderlos zu bleiben?
Wörner: Der Wunsch nach einem Kind kam bei mir erst auf, als ich meinen Mann Robert kennen lernte. Ich bin froh, dass sich mein Leben für ein Kind entschieden hat, aber ich hätte natürlich auch kinderlos bleiben können. Aber das ist sicherlich ein sehr verletzlicher Bereich.
SPIEGEL ONLINE: Warum?
Wörner: Weil Kinderlosigkeit in Deutschland nach wie vor als fehlender Beitrag zur gesellschaftlichen Entwicklung gesehen wird. Ich finde, jede Frau muss sich ohne Schuldgefühle für oder gegen Kinder entscheiden können.
SPIEGEL ONLINE: Durch den Geburtenrückgang kommen immer weniger Menschen in den Kontakt mit Kindern. Ist Deutschland schon aus diesem Grund ein kinderfeindliches Land?
Wörner: Nein, das finde ich überhaupt nicht. Unser Land hat ein falsches Image von sich selbst, das nicht der Realität entspricht. Aber es gibt noch keinen rechten Platz für Paare, die ungewollt kinderlos sind, aber Kontakt zu Kindern suchen. Die Familien werden immer kleiner, mit weniger Platz für kinderlose Onkel und Tanten.
SPIEGEL ONLINE: Hätten Sie auch ein Kind adoptiert?
Wörner: Mein Leben hat mir diese Frage nicht gestellt, aber ich habe größten Respekt vor Menschen, die sich dafür entscheiden und ich habe sowieso das allersüßeste Kind.
SPIEGEL ONLINE: Nie auch mal ein kleiner Teufelsbraten?
Wörner: Doch. Das ist ja das Schöne.
Das Interview führte Nikolaus von Festenberg
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