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26.03.2007
 

Göttliche Schlampe

Hip, Hip, Hollywood

Von Susanne Weingarten

Chloë Sevigny ist das New Yorker "It-Girl". Nun will sie es auch zum Filmstar schaffen.

Ihre Rolle im neuen David-Fincher-Film "Zodiac"? Chloë Sevigny macht sich erst gar nicht die Mühe, jene Begeisterung zu heucheln, die höchstwahrscheinlich in ihrem Vertrag über den Umgang mit der Presse steht: Nix Besonderes sei die, klein, einspurig, und eigentlich habe sie den Part der bebrillten, unscheinbaren und zu Recht frustrierten Ehefrau des Helden nur angenommen, weil sie hoffe, dass ihr "Fincher in einem anderen Film einen Knochen zuwerfen wird".


Ach, Chloë, bei solchen Ehrlichkeitsanfällen wird das garantiert nichts mit der Hollywood-Karriere. "Zodiac" (Start: 31.5.) ist der erste Ausflug des Independentfilm-Stars in die Welt der Studios und des großen Geldes. Aber so ganz glatt gebügelt hat sie sich noch nicht.

Bislang war es ja gerade das Störrische, Konträre und leicht Unberechenbar-Eigenwillige an ihr, das ihr zu einer unerwartet langlebigen Karriere verholfen hat - als Darstellerin in Filmen wie "Kids" (1995), "Trees Lounge" (1996), "Boys Don't Cry" (1999), "Dogville" (2003) und in "The Brown Bunny" (2003), in dem sie Furore mit einer nicht gestellten Fellatio-Szene machte; aber auch als Inspiration verschiedener Modemacher wie Michael Kors, Nicholas Ghesquière oder Proenza Schouler.

Obwohl nur mit durchschnittlichem, fast etwas magenkrankem Aussehen begabt, war Sevigny das New Yorker "It-Girl" der neunziger Jahre - jenes weibliche Wesen, in dem sich jeweils der wabernde Zeitgeist einer Ära physisch verfestigt.

Schon als Teenager bewies die aschblonde Tochter Dariens, der vornehmsten aller gutbürgerlichen New Yorker Vorstädte, ein Talent dafür, sich entdecken zu lassen. Die Geschichte ihrer Karriere lässt sich als eine Geschichte von Zufällen lesen - oder freundlicher gesagt: der Begabung, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

Mit 18 zog sie nach Brooklyn und hing einfach nur auf der Straße oder im Park herum; dabei wurde sie von einer Redakteurin der Zeitschrift "Sassy" angesprochen, der ihr Look aufgefallen war, und bekam ein Praktikum angeboten, für das sich andere die Finger blutig getippt hätten. Rasch modelte sie auch, wurde für Modeaufnahmen und Videos angeheuert und vom Schriftsteller Jay McInerney ("Bright Lights, Big City"), dem in Sachen Hipness so schnell niemand etwas vormacht, in einem sieben Seiten langen "New Yorker"-Porträt "zum coolsten Girl der Welt" gekürt.

Sevigny hatte den Stil, urban, eklektisch und irgendwie authentisch, von der Straße, und nun hatte sie auch die Kontakte. Bis heute liegen ihr die Macher jener kleinen, inzüchtigen Welt der Coolen und Schönen freiwillig zu Füßen - gerade hat das französische Modeblatt "Self Service" seine aktuelle, 350 Seiten dicke Ausgabe Sevigny und ihrem Stil gewidmet, mit verschiedenen Interviews, in denen nicht zuletzt der Inhalt ihres Kleiderschranks Bügel für Bügel diskutiert wird, und Bildstrecken von Starfotografen wie Mario Sorrenti, David Sims, Terry Richardson und Mark Borthwick.

Vielleicht verdankt sich ihre Kultstellung dem Umstand, dass sie gerade keine klassische Schönheit ist, vielleicht aber auch ihrem Blick, der unter den schweren Lidern immer leicht verhangen, unnahbar und gelangweilt wirkt, oder vielleicht auch der Tatsache, dass Sevigny wirklich zu jenen Couture-Freaks zählt, die Tage in Second-Hand-Shops auf der Jagd nach dem einen fabelhaften Vintagekleid verbringen können.

Doch nichts hat eine kürzere Halbwertszeit als Hipness, wie auch Madonna erfahren musste, und als Muse wird man nicht satt - und schon gar nicht alt. Inzwischen ist Sevigny Anfang dreißig, muss ein 1,2 Millionen Dollar teures Appartement im East Village unterhalten und ist dem "It-Girl"-Part schlicht entwachsen.

Ihre Vorgängerinnen, etwa Edie Sedgwick, die Zeitgeist-Elfe in Andy Warhols Factory, liefern Warnungen genug, wie leicht nach dem High der Vergötterung der Absturz in Drogenabhängigkeit und Geisteskrankheit folgen kann. Sevigny aber scheint praktisch und vernünftig genug, dieser Zukunft zu entrinnen. Sie hat erkannt, dass sie erwachsen werden muss. Anders als früher betont sie jetzt, dass an ihrer Laufbahn durchaus nicht alles zufällig gewesen sei - und sie distanziert sich bei jeder Gelegenheit von ihrem Image als Ikone der Hipness, spricht lieber von ihrer katholischen Herkunft und der Tatsache, dass sie gern Kinder mit einem Mann fürs Leben hätte. "Ich glaube, dass ich mir die Gelegenheiten gesucht habe", sagt Sevigny. "Ich habe nicht einfach nur mit einem Haufen kiffender Verlierer herumgehangen; ich habe mich Leuten angeschlossen, die etwas mit ihrem Leben anfangen wollten."

Der nächste amerikanische Kino-Darling à la Sandra, Julia oder Reese wird sie nach ihren avantgardistischen Anfängen nicht mehr werden; aber als Charakterdarstellerin hat Sevigny durchaus die Chance auf eine Hollywood-Karriere, in der sie ihre Widerborstigkeit und (leicht abgemilderte) Ehrlichkeit nutzen kann. Denn dass sie mehr als nur ein Zufallsgast auf der Leinwand war, hat sie schon in ihrem Oscar-nominierten Auftritt in "Boys Don't Cry" bewiesen; und im vergangenen Jahr war ihre arrogant-biestige, dem Katalogshopping verfallene Zweitehefrau der beste Grund, sich die Fernsehserie "Big Love" über einen polygamen Clan anzusehen.

Vielleicht braucht sie irgendwann auch nicht mehr zu betonen, dass sie Williamsburg, die aktuelle Szene-Hochburg New Yorks, einfach hasse. Vielleicht glaubt man ihr dann auch so, dass sie den Panzer der Hipness nicht mehr braucht.

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