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22.04.2007
 

TV-Institution

Opa Schimmi ist zurück

Von Peter Luley

25 Jahre Schimanski: Heute Abend feiert das Erste das Jubiläum eines passionierten Raubeins - der auch als pensioniertes Raubein überzeugt. Denn Götz George ist in der neuen Folge "Tod in der Siedlung" so bei sich, dass einem ganz nostalgisch wird.

Irgendwie kommen ARD und ZDF mit den Jubiläen ihrer großen Reihenfiguren zurzeit ein bisschen durcheinander. So wird die – man rechne nach! – seit 1994 existierende Iris-Berben-Reihe "Rosa Roth" mit dem neuen Dreiteiler "Der Tag wird kommen" (ab Montag, 20.15 Uhr) keineswegs zehn Jahre alt, wie das ZDF behauptet. Und genauso wenig feiert Götz Georges Haudegen Schimanski mit dem am Sonntag ausgestrahlten einzigen neuen Auftritt dieses Jahres sein 25. Dienstjubiläum, wie der WDR verkündet. Der erste Schimanski-"Tatort: Duisburg-Ruhrort" lief schließlich 1981.

Auf diesen Einwand kontert der Sender zwar, die aktuelle Folge "Tod in der Siedlung" sei ja schon 2006 gedreht worden – was allerdings nur das Augenmerk auf den Umstand lenkt, dass im vergangenen Jahr überhaupt keine Schimanski-Ausgabe lief. Wahrscheinlich muss man das Gefeilsche um Dienstjahre, Jubiläen und gewissermaßen historische Bedeutung im Fall des Parka-Trägers und "Ruhrpott-Chés" Schimanski vor dem Hintergrund der seit Jahren lustvoll geführten Debatte sehen, ob die Figur eigentlich noch zeitgemäß ist und wer noch wie viel Schimmi braucht.

Seit Darsteller Götz George 1997 nach sechsjähriger Abstinenz von seinem Parade-Part (und Kino-Erfolgen wie "Der Totmacher") entschied, sich sein Alter ego "wieder gönnen" zu wollen und als eigenes Format in loser Folge zurückkehrte, wird angesichts schwankender Ausstrahlungs-Frequenzen und Quoten diskutiert, ob das passionierte Raubein auch als pensioniertes Raubein noch von Interesse sei. Ebenso zwingend scheinen zur Schimmi-Folklore ein paar aufmerksamkeitsfördernde George-Poltereien zu gehören – sei es das Kokettieren mit einem möglichen Ausstieg, sei es, dass der Mime wie jüngst in Interviews gegen "Telenovela-Stars und andere Knalltüten" ("Gong") sowie "die ganzen Gestalten, die sich plötzlich Schauspieler nennen" ("Hörzu") wettert.

Kommissar mit sensationeller Physis

Dabei hätte der alte Recke, der als Kripo-Kommissar mit seinen brachialen Methoden und viel Fluchen einst das vom braven "Derrick"-Stil geprägte Genre revolutionierte, solche eher Sympathie-hemmende PR gar nicht nötig. Denn nach in der Tat vielen Wendungen und Experimenten mit der Figur – die Einführung von Dauerflamme Marie-Claire (Denise Virieux), die belgische Hausboot-Phase, spektakuläre Einsätze im Balkankrieg – wirkt die Reihe in der neuen Folge (Buch: Horst Vocks, Lars Böhme) so entspannt und ganz bei sich, dass einem ganz nostalgisch wird.

Weise verzichtet Regisseur Torsten C. Fischer auf Actioneinlagen, die dem 68-jährigen George trotz seiner immer noch sensationellen Physis womöglich nicht mehr ganz so gut anstehen würden. Und besinnt sich stattdessen auf die inneren Werte des Kleine-Leute-Helden, auf dessen Herz für Underdogs. Als habe das Motto "Zurück zu den Wurzeln" gelautet, erinnert "Tod in der Siedlung" in mancherlei Hinsicht an die Erstausgabe "Duisburg-Ruhrort" – was in Kombination mit dem nicht verleugneten Alterungsprozess einen besonderen Reiz entfaltet.

Die Story spielt im düsteren Duisburger Kiez, wo Schimanski im zwölften Stock eines Wohnsilos haust, dessen Tristesse Marie-Claire eines Morgens fluchtartig verlässt, als unten auf dem Parkplatz ein Auto explodiert. Schimanski indes beginnt sich einzumischen: "Das ist meine Gegend, das sind alles meine Leute, da fühl' ich mich immer noch verantwortlich." Da lässt er sich von seinem yuppieesken Ex-Assi Hunger (Julian Weigend) gern als "Sozialromantiker" verspotten und entgegnet: "Du stellst den Leuten hier die falschen Fragen mit deiner Arroganz."

Zwei rohe Eier im Glas

Schimanski kommt mit ihnen allen ins Gespräch: mit der 14-Jährigen aus zerrütteter Familie, die sich prostituiert; mit der verzweifelten jungen Mutter, die vom Sozialamt kein Geld mehr erhält; mit dem heillosen Zocker, der von seinen Kindern an die Heizung gekettet wird. Auf rätselhafte Weise scheinen die Schicksale all dieser gebeutelten Existenzen und Hartz-IV-Empfänger mit dem Mann verbunden zu sein, der ermordet im Kofferraum des explodierten Autos gefunden wurde: einem Fallbearbeiter bei der Bundesagentur für Arbeit, der die Bewilligung von Leistungen offenbar an widerwärtige Bedingungen knüpfte.

Milieu und Plot mögen all jene überholt finden, die den wirtschaftlichen Aufschwung genauso intensiv spüren, wie er tagtäglich beschworen und verkündet wird. Alle anderen dürfen sich von Opa Schimmi das Herz öffnen lassen: dem Mann, der nach wie vor kein Handy hat, der immer noch diesen alten Citroën fährt und der auch auf dem Revier den Notleidenden hilft, indem er das von Hunger vernachlässigte Hänschen (Chiem van Houweninge) zu neuem Elan anstachelt und ihm einen Kaktus schenkt.

Dass mit Katharina Schüttler, Julia Jäger und Matthias Brandt auch die Episodenrollen exzellent besetzt sind, sei hier nur am Rande erwähnt; genauso wie die rührende Detailverliebtheit der Macher, die etwa für die kleine Pointe sorgt, dass im Arbeitsamt an einer Bürotür ein Willy-Brandt-Poster prangt. Am Ende sucht Schimanski in seiner Wohnung nach einer sauberen Pfanne, findet keine und trinkt zwei rohe Eier aus dem Glas. Eine letzte Reminiszenz an "Duisburg-Ruhrort", wo das Potenzmittel auch schon zum Einsatz kam – und ganz zweifellos das Zeichen: Mit dem Mann muss man weiter rechnen.


"Schimanski: Tod in der Siedlung", Sonntag, 22. April, 20.15 Uhr, ARD

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