Von Reinhard Mohr
Vor vier Wochen schien alles noch ganz einfach. Claus Peymann, der famose Intendant des "Berliner Ensembles", forderte Gnade für Christian Klar und wiederholte in der ZDF-Talkshow "Maybrit Illner" sein Angebot, den Ex-Terroristen an sein Theater zu holen – gelebte Resozialisierung eines erbitterten Staatsfeindes. Gestern Abend nun, gegen Ende einer Woche, in der die RAF so gegenwärtig schien wie vor dreißig Jahren, brütete die Gesprächsrunde über einer ganz anderen Frage: Warum schweigt Christian Klar, warum schweigt die RAF, die einst so beredt die Zusammenhänge zwischen dem weltweiten "imperialistischen System" und dem gezielten Gebrauch von Handfeuerwaffen an einer verkehrsreichen Kreuzung in Karlsruhe zu erklären wusste?
Diskutanten Buback, Illner: "Keine Angst vor der Wahrheit"
Peymann hätte das nicht wirklich interessiert, weil er die damaligen politischen Verhältnisse und die ganze Generation der 68er (samt der 78er) fürs kollektive Morden verantwortlich macht nach dem Motto: Wir alle waren ein bisschen RAF.
Michael Buback aber will es immer noch genau wissen. Nachdem er vorgestern mit dem früheren RAF-Mitglied Peter-Jürgen Boock im Fernsehstudio des NDR saß, der ihm Stefan Wisniewski als Mörder seines Vaters genannt hatte, äußerte er sich bei "Maybrit Illner" im ZDF schon zurückhaltender, was den Wahrheitsgehalt der neuen Hinweise auf die mörderische Tat betrifft. Noch einmal erinnerte er an alte Zeugenaussagen, die eine "sehr zierliche Frau" als mögliche Attentäterin nahe legten, Stichwort: Verena Becker.
Nebelkerzen von allen Seiten
Buback hat keine "Angst vor der Wahrheit", wie der Untertitel der Sendung lautete, ganz im Gegenteil. Doch wie so oft wird beim Aufstöbern einer historischen Wahrheit Staub aufgewirbelt, der die klare Sicht behindert. Manchmal werden zugleich Nebelkerzen geworfen, womöglich von mehreren Seiten.
Immerhin: So fragwürdig Peter-Jürgen Boocks plötzliche Einlassungen sind, sie könnten einen Domino-Effekt auslösen. Gestern Abend zum Beispiel äußerte sich der Ex-Terrorist Karl-Heinz Dellwo im NDR. Zwar nannte er keine Namen – das müssten die Betreffenden schon selber tun, aber er sagte, dass "mehrere Leute" aus der RAF im Gefängnis gesessen hätten, obwohl sie gar nichts getan hätten. Also saßen sie für andere. Ansonsten berief auch er sich auf das gespenstische Schweigegelübde der deutschen "Stadtguerilla", das der sizilianischen Mafia abgeschaut scheint.
Wenn sich aber die "rotlackierten Faschisten", so "aspekte"-Chef Wolfgang Herles über die RAF, wie ihre Nazi-Väter verhalten und die Vergangenheitsbewältigung heute der Justiz und den Talkshows überlassen, dann hat es die Wahrheit tatsächlich schwer.
Dies umso mehr, als die Verwirrung mit jedem Tag der öffentlich betriebenen "Aufklärung" zunimmt. Vor allem, wenn Politiker wie der notorisch linksgrüne Hans Christian Ströbele, der einst mit dem heutigen NPD-Nazi und wütenden Judenhasser Horst Mahler im "sozialistischen Anwaltskollektiv" saß und Andreas Baader verteidigte, die Dinge in der Sendung zielgerecht durcheinander bringt.
Linke Selbstkritik? Fehlanzeige!
Bei Ströbele ist immer zuerst und immer noch der Staat verdächtig – durch "übertriebene" Repression, "Unrechtsverurteilungen" und überhaupt. Linke Selbstkritik ist ihm wesensfremd. Er hat immer ein gutes linkes Gewissen gehabt. Was damals richtig war, kann heute nicht richtig falsch gewesen sein.
So hält er auch das vermeintliche Schweigen der RAF für eine "Mär". Gerade erst sei wieder ein Buch von vier ehemaligen RAF-Kombattanten erschienen. Da freuen wir uns aber.
Das Problem: Sie sagen nichts, was wirklich von Bedeutung wäre und die Dinge klären könnte. Auch alte Nazis haben viele Bücher geschrieben – fast immer zur Selbstrechtfertigung.
Aber politische Logik ist Ströbeles Sache sowieso nicht: 1991, als Iraks Diktator Saddam Hussein Scud-Raketen auf Israel abfeuerte, hielt er diesen Gewaltakt für "die logische, fast zwingende Konsequenz der Politik Israels".
Doch wo Dummheit und Selbstgerechtigkeit herrschen, wächst das Rettende auch. Wo Legenden der Generation "RAF 50 plus" gestrickt werden (im Falle Ströbele 60 plus), da muss die Senioren-Guerilla des demokratischen Rechtsstaats eingreifen, die Brüder Hans-Jochen (SPD) und Bernhard (CDU) Vogel, der eine Bundesjustizminister zur fraglichen Zeit, der andere Ministerpräsident in Rheinland-Pfalz.
Abgefeimte Propaganda
"Reden Sie nicht so leichtfertig über Fehlurteile!", attackierte der achtzigjährige Hans-Jochen Vogel in erfrischender rhetorischer Klarheit die vor verurteilende Ströbele-Logik vom bösen Staat und lobte, wie sein Bruder Bernhard, Helmut Schmidts "hervorragende Arbeit" im Krisenstab während der Schleyer-Entführung. Der Rechtsstaat habe damals, während einer seit 1949 nie da gewesenen Herausforderung, seine Prüfung "einigermaßen erträglich" bestanden.
Wer damals schon aufrecht laufen und lesen konnte weiß: Manchmal wurden die Grenzen des Rechtsstaats auch haarscharf überschritten.
Dass dadurch aber die "dritte Generation" der RAF mit ihren besonders kaltblütigen und größtenteils bis heute unaufgeklärten Morden gleichsam "erzeugt" wurde, wie Wolfgang Herles insinuierte, ist einfach nicht wahr. Vielmehr gab es eine abgefeimte Propaganda zur angeblichen "Isolationsfolter" in Stammheim, die bei nicht wenigen verfing und sie in den Untergrund trieb.
Hans-Jochen Vogel aber wäre nicht der Pedant des Rechtsstaats, würde er nicht auch auf seine andere Seite verweisen, die jedem Angeklagten und Verurteilten Schutz gewährt: "Es gibt keine Pflicht zur Selbstbelastung!"
Auch Mörder dürfen schweigen.
Besser für alle wäre es aber dennoch, sie würden das Reden nicht den Talkshows überlassen.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Gesellschaft | RSS |
| alles zum Thema Televisionen | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH